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Gesundheitspolitik 4. Februar 2013

Standpunkte - Zu viel und zu lange: Erschöpfung im Spitalsdienst

Wiens Ärzte arbeiten zu viel und ruhen zu wenig, besonders im Turnusdienst – kritisiert das Kontrollamt und empfiehlt eine „Flexibilisierung der starren Arbeitszeitmodelle“.

Vor Kurzem hat das Kontrollamt einen Bericht veröffentlicht, der für den Prüfungszeitraum – Februar bis Juli 2011 – nicht weniger als 283 Überschreitungen der Arbeitszeit sowie rund 900 Unterschreitungen der Wochenruhezeiten durch Ärzte in Wiens Krankenhäusern auflistet. In zwei Drittel der Fälle waren Turnusärzte von der Nichteinhaltung der Arbeits- und Ruhezeiten betroffen. Diese mussten zudem in beinahe allen geprüften zehn Abteilungen deutlich mehr Nachtdienste leisten, als ihnen erlaubt ist. Das Kontrollamt kritisiert in diesem Zusammenhang vor allem die „starren Arbeitszeitmodelle“ in den Spitälern sowie deren elektronische Dienstplanprogramme, die nur „bedingt zur Überwachung arbeitszeitrechtlicher Bestimmungen geeignet“ wären. Manche der Programme würden laut Kontrollamt Turnusärzte überhaupt nicht erfassen oder etwa nur eine Überprüfung der geplanten Arbeitszeit, anstelle der tatsächlich geleisteten, ermöglichen. Bemängelt wird auch die fehlende Möglichkeit im System, eine Unterschreitung der wöchentlichen Ruhezeit anzuzeigen. Eine solche wurde in allen zehn geprüften Abteilungen festgestellt. Das Kontrollamt empfiehlt eine „grundsätzliche Flexibilisierung des starren Arbeitszeitmodells für Ärzte sowie der Ruhezeiten, um Arbeitsspitzen und Personalausfälle ohne Verletzung der arbeitszeitrechtlichen Bestimmungen ausgleichen“ zu können. Zudem sei eine „gleichmäßigere Verteilung“ der ärztlichen Dienste notwendig.

Ärztegesetz novellieren

Dr. Wilhelm Marhold, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes

„Streben Erhöhung der Präsenz am Nachmittag bei gleichzeitiger Reduktion der Nachtdienste an.“

Das Kontrollamt unterstützt mit seinem Bericht die bereits laufenden Projekte und Arbeiten des Wiener Krankenanstaltenverbundes für eine Flexibilisierung der Dienstzeiten der SpitalsärztInnen. Jede dritte Abteilung praktiziert derzeit alternative Dienstzeitmodelle. Unser erklärtes Ziel ist eine durchgängige Veränderung der bestehenden starren Dienstzeitformen, weg von der Fixierung auf den Vormittag von 8 bis 13 Uhr mit zusätzlichen Nachtdiensten. Das bedeutet: Erhöhung der Präsenz am Nachmittag mit gleichzeitiger Reduktion der Nachtdienste. Aus der letzten MitarbeiterInnen-Zufriedenheitsbefragung aus dem Jahr 2012 geht eindeutig hervor, dass auch die ÄrztInnen selbst die relativ kurze Vormittagsarbeitszeit mit zusätzlich zu erbringenden Nachtdiensten als unzeitgemäß und belastend empfinden.

Unser Vorhaben ist sicherlich eine Herausforderung. Die Verhandlungen mit dem Vorsitzenden der Hauptgruppe II Bernhard Harreither zu neuen Dienstzeitmodellen für ÄrztInnen gestalten sich positiv und ich erwarte daher im Laufe der kommenden Monate ein Ergebnis.

Derzeit laufen im KAV verschiedene Projekte zu den Themenkreisen Arbeitszeit und Besoldung, allen voran das Projekt „Optimierung von Personalbedarfsplanung und Personaleinsatz“ im Wilhelminenspital gemeinsam mit der Personalvertretung. Es ist beispielgebend für andere KAV-Häuser und wird noch heuer abgeschlossen. Aufgenommen wurde auch die Kritik des Kontrollamts für eine raschere Umsetzung der EDV-unterstützten Dienstplandokumentation.

Nachteilig wirkt sich seit Jahren auch das Ärztegesetz aus, das bei den TurnusärztInnen die Ausbildung auf die Zeit von 8 bis 13 Uhr schwerpunktmäßig festlegt, was einer Nachmittagseinteilung und Flexibilisierung entgegensteht. Hier erwarten alle Krankenhausträger Österreichs eine Ärztegesetzesnovelle.

Das Ziel des Wiener Krankenanstaltenverbundes ist mehr Effizienz bei gleichmäßiger Reduktion der Belastungen – zum Wohle der PatientInnen. Das bedeutet: weg von starren Dienstzeiten – und wir sind auf einem guten Weg.

Arbeitsauftrag umsetzen

© Peter Rigaud

Maga. Sonja Wehsely, Wiener Gesundheitsstadträtin

„Ziel ist es, eine Flexibilisierung der Dienstzeiten im Krankenanstaltenverbund umfassend zu implementieren.“

Wir sind in Wien zu Recht stolz auf unser öffentliches Gesundheitswesen, müssen aber bereits heute den Grundstein für die bestmögliche medizinische Versorgung der Zukunft und ein leistbares wie gleichermaßen modernes öffentliches Gesundheitswesen legen. Das Wiener Spitalskonzept 2030 bildet dabei die Basis für eine erfolgreiche und effiziente Gesundheitsversorgung. Neben Bauprojekten wie dem neuen Krankenhaus Nord sind strukturelle Änderungen ein wichtiger Bestandteil dieses Konzepts – beispielsweise die Neuorganisation der Erstversorgung.

Innovative Prozesse und neue Strukturen stellen immer wieder Bewährtes vor neue Herausforderungen und verlangen nach notwendiger Veränderung. Der kürzlich veröffentlichte Kontrollamtsbericht fordert ein Abgehen vom derzeitigen starren Dienstzeitenschema hin zu flexibleren Regelungen, welche die Arbeitsbelastung des ärztlichen Personals fair verteilen. Der Bericht unterstützt in diesem Zusammenhang meine bisherige Einschätzung, dass starre Arbeitszeitmodelle im Sinne der bestmöglichen Versorgung der PatientInnen und damit einhergehender neuer Abläufe nicht mehr zeitgemäß sind.

Derzeit werden zwar flexible Regelungen in 29 Prozent der Abteilungen und Institute des Wiener Krankenanstaltenverbundes umgesetzt. Mein Ziel ist es aber, eine Flexibilisierung der Dienstzeiten umfassend zu implementieren. Wegweisende Pilotprojekte werden bereits umgesetzt, im Mittelpunkt stehen die Qualitätssteigerung in der PatientInnenversorgung und die Erhöhung der MitarbeiterInnenzufriedenheit.

Der Kontrollamtsbericht beinhaltet einen konkreten Arbeitsauftrag an die Stadt Wien und die Gewerkschaft, sich rasch in entsprechenden Verhandlungen zu einigen. Derzeit finden bereits produktive Gespräche statt und ich bin zuversichtlich, dass wir den Arbeitsauftrag des Kontrollamts gemeinsam zügig umsetzen werden. Ich erwarte daher in den nächsten Monaten konkrete Verhandlungsergebnisse – im Sinne der besten Qualität für die PatientInnen und für mehr Effizienz und zufriedene MitarbeiterInnen.

Notbremse ziehen

© Zeitler

Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer für Wien

„Strafbestimmungen des Arbeitszeitgesetzes müssen auch auf Krankenanstaltenverbund Anwendung finden.“

Der vorliegende Bericht des Kontrollamts bestätigt leider unsere jahrelangen Befürchtungen, dass ÄrztInnen in den Wiener Krankenhäusern regelmäßig die Arbeitszeit überschreiten müssen. Für den Wiener Krankenanstaltenverbund ist nun dringender Handlungsbedarf gegeben, um die Überschreitungen bei Arbeitszeiten sowie das Einhalten von Ruhezeiten mithilfe von flexibleren Arbeitszeitmodellen endlich zu verhindern.

Es überrascht mich nicht, dass besonders TurnusärztInnen von der Nichteinhaltung der Arbeitszeiten und Ruhezeiten betroffen sind, weil sie immer noch für systemerhaltende Tätigkeiten eingesetzt werden, die nicht wesentlicher Bestandteil ihrer Ausbildung sind. Hier fordern wir schon seit Jahren eine Verbesserung der Situation. Es ist uns zwar schon gelungen, Strukturen aufzubrechen und einiges in Bewegung zu bringen, allerdings reichen die bisher gesetzten Maßnahmen bei Weitem nicht aus, um die Problematik nachhaltig zu entschärfen.

Die SpitalsärztInnen in Wien geben täglich alles, um die PatientInnen bestmöglich zu versorgen. Dennoch erschweren Stress, Bürokratie sowie Arbeitsüberlastung immer mehr das Berufsleben der Ärzteschaft in den Krankenhäusern. Mit den Arbeitszeiten in direktem Zusammenhang steht eine zusätzliche Arbeitsverdichtung aufgrund massiver Frequenzzunahmen im stationären, teilstationären und ambulanten Bereich sowie – im Besonderen – während der Nacht. Nachtdienste werden von den SpitalsärztInnen vielfach sogar als gesundheitsgefährdend eingestuft. Mit dem Stress in der Nacht gehen Burn-out, Selbstmordgefährdung, Bluthochdruck sowie vermehrte Herzinfarkte einher. Auch deshalb fordert die Ärztekammer schon seit Längerem, dass die Strafbestimmungen des Arbeitszeitgesetzes auch auf den KAV Anwendung finden müssen. Bislang bleibt es nämlich bei – meist wirkungslosen – Anzeigen, während die Verhängung von empfindlichen Geldstrafen nicht möglich ist. Es geht jetzt darum, die Notbremse zu ziehen und Änderungen herbeizuführen, um mögliche negative Konsequenzen abzuwenden.

V. Weilguni, Ärzte Woche 6/2013

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