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Telefonieren, sich mit elektronischen Spielen vergnügen oder endlos vor dem Fernseher sitzen – Kinder und Jugendliche leben oft ungesund.
 
Gesundheitspolitik 31. Jänner 2013

Weil das Leben viel bunter ist

Kinder- und Jugendgesundheit: Ein ausschließlich präventivmedizinischer Lösungsansatz greift bei der Bekämpfung vorhandener Defizite zu kurz, für die gesamte Politik muss Gesundheit vorrangiges Anliegen sein.

Wenig Bewegung, ungesundes Essen, exzessiver Medienkonsum, chronische Erkrankungen, Suchtprobleme, psychische Störungen; dazu soziale Unterschiede, familiäre Probleme, Orientierungslosigkeit oder mangelhafte Integration – aus diesen Ingredienzien setzt sich eine explosive Mixtur zusammen, die einem gesunden Erwachsenwerden im Weg steht. Alle sind sie miteinander verwoben, daher bedarf es entsprechend komplexer Lösungsansätze. Wo aber befinden sich die entscheidenden Hebel und in welche Richtung sind sie zu stellen?

„Der „Niederösterreichische Kinder- und Jugendgesundheitsbericht“ beschreibt den physischen und psychischen Gesundheitszustand sowie das Gesundheitsverhalten der im Bundesland Niederösterreich lebenden Kinder und Jugendlichen. Darüber hinaus versucht er auch deren soziale Situation, die Lebensumstände, das nähere Umfeld, sexuelle Erfahrungen, das Bildungsniveau und den Platz in der Arbeitswelt der jungen Menschen zu beleuchten.

Zahlreiche Untersuchungen belegen uns den engen Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand und den sozioökonomischen Lebensbedingungen der Menschen. Und gerade in diesem Zusammenhang bestätigt sich einmal mehr die Strategie ‚Health In All Policies‘. Gesundheitsförderung und Prävention sind keine beschränkte Aufgabe eines einzelnen Ressorts, sondern müssen sich in der gesamten Politik und auf allen Entscheidungsebenen wiederfinden.“

Diese grundlegende Erkenntnis schreibt Gesundheitslandesrätin Karin Scheele denn auch im Vorwort des vor wenigen Tagen veröffentlichten Berichts und gibt damit auch gleich die Marschrichtung für die Politik vor: In interdisziplinären Arbeitsgruppen sollen bis Ende des Jahres „konkrete Maßnahmen“ zur Verbesserung der Bedingungen für die Gesundheit der jungen Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher ausgearbeitet und anschließend implementiert werden.

Ein ehrgeiziger Plan, vor allem wenn man bedenkt, dass es bis dato weder Klarheit über die Zusammensetzung der Arbeitskreise noch über deren Agenda gibt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Arbeitskreise vor dem Hintergrund der bevorstehenden Landtagswahlen kein „typisch österreichisches Schicksal“ erleiden und irgendwo im Nebel abstrakter Gemeinplätze verloren gehen.

Die Daten, die der Bericht erhoben hat, sind für Experten ebenso wenig überraschend wie von nationalen oder internationalen Vergleichsdaten abweichend. In ihrer ungeschminkten Nacktheit und Eindeutigkeit sind sie trotzdem immer wieder alarmierend, manche meinen sogar „beschämend“.

Alarmierende Faktenlage

Den Bewegungsempfehlungen der WHO – täglich 60 Minuten körperliche Aktivität bei mittlerer bis hoher Intensität – kommen nur 17 Prozent der Schüler nach. Dafür sitzt die Hälfte zwei oder mehr Stunden täglich vor dem Fernseher. Jeder Dritte verbringt dazu mehr als zwei Stunden am PC, mit dem Handy oder mit Spielkonsolen.

Neben einem Gender-Effekt – Burschen sitzen deutlich länger vor dem Bildschirm – zeigten sich auch eindeutige sozioökonomische Unterschiede. Diese ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Bericht, von der Ernährung über die Bewegung, das Suchtverhalten bis hin zur Vorsorge und Therapie: Je niedriger der soziale Stand und der ökonomische Wohlstand, desto höher ist das Gesundheitsgefährdungspotenzial ausgeprägt. Das gilt auch beim Körpergewicht: Rund 20 Prozent der Schüler sind übergewichtig oder adipös, der Anteil nimmt mit steigendem Familienwohlstand ab. Täglich greifen rund 20 Prozent der 15-Jährigen zur Zigarette, bei den 17-Jährigen steigt der Anteil auf 36 Prozent, bei 18-Jährigen auf 41 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Alkoholkonsum: Rund 34 Prozent der 13- bis 14-Jährigen, 41 Prozent der 15- bis 16-Jährigen und 46 Prozent der 17- bis 18-Jährigen greifen mindestens einmal pro Woche zum Alkohol.

Über 40 Prozent der Schüler leiden mehrmals wöchentlich oder täglich an körperlichen und/oder psychischen Beschwerden, am häufigsten – in dieser Reihenfolge – an Einschlafschwierigkeiten, Kopfschmerzen, Gereiztheit, Rückenschmerzen und Nervosität. Fast zehn Prozent nehmen dagegen regelmäßig Medikamente ein.

Durchschnittlich 1.600 Kinder und Jugendliche (468 pro 100.000) werden aufgrund psychiatrischer Diagnosen pro Jahr stationär behandelt. Bei den Mädchen rangieren neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (ICD10: F40–F48) an erster Stelle, gefolgt von Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F90–F98), psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F10–F19) und affektiven Störungen (F30–F39). Bei den Burschen stehen Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F90–F98) an erster Stelle, dahinter folgen neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (F40–F48) und psychische bzw. Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F10–F19).

Was also tun?

Die Daten liegen also auf dem Tisch. Was aber tun damit? „Wir sind jetzt in der Phase, wo wir die einzelnen Arbeitskreise bilden und einen Zeitplan erstellen“, sagt Dr. Martina Amler, Direktor-Stellvertreterin bei der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse. Sie war maßgeblich am Zustandekommen des Berichts beteiligt und wird den Arbeitskreis psychosoziale Gesundheit leiten.

Die Zusammenstellung des Expertenteams ist für Amler insofern komplex, weil die psychosoziale Gesundheit ein „klassisches ‚Health In All Policies‘-Thema ist, zu dem viel mehr gehört als nur der Gesundheitsbereich, etwa der Bildungs-, der Sozial- oder der Jugendwohlfahrtsbereich.“ Vertreter all dieser Gruppierungen müssten daher mit einbezogen werden, erläutert Amler: „Das trifft aber im Kinder- und Jugendbereich auch auf alle anderen Themen und Arbeitskreise zu.“

Über inhaltliche Arbeitsschwerpunkte ihres Arbeitskreises will sich Amler zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äußern, schon gar nicht über mögliche konkrete Beschlüsse oder Maßnahmen spekulieren, die am Ende des Prozesses stehen könnten, nur so viel: „Wir haben den Auftrag, bis Ende 2013 Vorschläge zu erarbeiten, wie die Probleme angegangen werden könnten. Den Auftrag werden wir erfüllen.“ Auf die Frage, ob auch die Ärztekammer zur Mitarbeit eingeladen wird, antwortet Amler: „Bei der Erstellung des Berichts waren Vertreter der Ärztekammer dabei, aber auch viele andere, etwa die Patientenanwaltschaft. Das war gut und wichtig, weil alle Seiten gehört werden müssen. Jetzt geht es um Lösungen, da brauchen wir eher Experten als Interessenvertretungen.“

Die Einbeziehung von Gesundheitsexperten in den weiteren Arbeitsprozess hält Dr. Dietmar Baumgartner, Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte der NÖ Ärztekammer und Leiter des Referats für Schulärzte, Vorsorge, Impfwesen und Sportmedizin, für unumgänglich, wenngleich er Zweifel hegt, ob das auch tatsächlich geschehen wird: „Die jüngsten Erfahrungen haben uns leider gezeigt, dass manche glauben, Reformen im Gesundheitsbereich ohne Ärzte machen zu können. Andererseits würde niemand auf die Idee kommen, eine Gesetzesreform ohne Juristen zu machen. Es geht dabei nicht um die Frage, ob Ärztekammer oder nicht, es geht um die medizinische Expertise.“

Zum gesunden Lifestyle

Was Lebensweise, Suchtverhalten, Medikamentengebrauch oder audiovisuelle Reizüberflutung betrifft, reiche es aber nicht aus, Ärzte, Gesundheitsexperten wie etwa Ernährungswissenschaftler, Behörden und Institutionen in die Pflicht zu nehmen. Nachhaltige Verhaltensänderungen ließen sich letztendlich nur auf Basis einer Bewusstseinsänderung erreichen und diese beginnt im unmittelbaren Umfeld der Kinder. Baumgartner hält in diesem Zusammenhang ein zusätzliches Angebot an „Elternschulungen“ für sinnvoll. Und natürlich seien auch Legislative und Exekutive gefordert, meint Baumgartner und nennt als abschreckende Beispiele die „schizophrene Gesetzgebung“ in Form eines inkonsequenten Rauchverbotes oder die halbherzig exekutierten Alkoholverbote in heimischen Lokalen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 5/2013

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