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Gerät zur Behandlung von Tumoren.
 
Gesundheitspolitik 24. Jänner 2013

Weltkrebstag: Zu wenige Strahlentherapiegeräte

In Österreich fehlt es an Geräten für die Strahlentherapie, belegt nun eine Vergleichsstudie.

Österreichs Gesundheitswesen erscheint nicht in allen Bereichen so gut zu sein, wie dies oft - auch von der Politik - behauptet wird. So gibt es laut einer heute, Donnerstag, in Lancet Oncology erschienenen europäischen Vergleichsstudie (33 Staaten) einen Mangel an Strahlentherapie-Kapazitäten (Landesdurchschnitt) von 19 Prozent. Dabei werden international 40 Prozent der Heilungen bei Krebsleiden durch die Strahlentherapie erzielt.

 

"Es gibt einen offenkundigen Mangel an Strahlentherapiegeräten in Deutschland, Italien, Österreich, Portugal, Großbritannien und die meisten Staaten Ost- und Südosteuropas (speziell Bulgarien, Mazedonien und Rumänien) sind mangelhaft ausgerüstet", schreiben die Autoren der Studie wenige Tage vor dem Welt-Krebs-Tag (4. Februar) auf der Basis der Daten der Vereinigung der Radiotherapie-Zentren (DIRAC) mit Erstautor Eduardo Rosenblatt von der Internationalen Atomenergieagentur (IAEO) in Wien.

In den 27 EU-Staaten, in Kroatien, Mazedonien, der Türkei, Island, Norwegen und der Schweiz stehen laut der Daten im Durchschnitt 5,3 Megavolt-Strahlen-Teletherapiegeräte pro Million Einwohner zur Verfügung. In Österreich sind es 5,1 pro Million Einwohner, also unterdurchschnittlich viele. In Deutschland, Italien und Frankreich sind es beispielsweise 6,5 (pro Millionen Einwohner, in Belgien 8,7, in Finnland 8,3, in Dänemark gar 9,7, in Schweden 8,2).

Unterversorgung an Gerätekapazität

Daraus leiten die Autoren der Studie einen Mangel an Geräte-Kapazitäten von fast 20 Prozent in Österreich ab. Das gelte auch für Deutschland (bei höherer Ausgangsposition), in Italien gebe es einen zusätzlichen Bedarf von 16 Prozent. Die Schweiz hätte hingegen Überkapazitäten von 47 Prozent, Schweden solche von 22 Prozent.

"Man geht davon aus, dass 50 Prozent der Krebspatienten primär mit Strahlentherapie versorgt werden sollten. Hinzu kommen noch einmal 25 Prozent im weiteren Verlauf ihrer Krebserkrankung bei der Entstehung von Rezidiven und Metastasen. Wir können aufgrund dieser zu geringen Gerätekapazitäten nicht allen Patienten die optimale Behandlung anbieten", erläuterte Richard Pötter, Vorstand der Universitätsklinik für Strahlentherapie der MedUni Wien am AKH, gegenüber der APA die Mangelsituation.

Vorgaben des österreichischen Strukturplans

Die Defizite in Österreich sind laut Pötter bekannt: "Wenn man von den Vorgaben des österreichischen Strukturplans für medizinische Einrichtungen, Großgeräte, Infrastruktur etc. ausgeht, dann benötigen wir ein Strahlentherapiegerät pro 120.000 bis 140.000 Einwohner. Da bräuchten wir bei einer Einwohnerzahl von 8.2 Millionen Menschen in Österreich etwa 60 bis 65 Therapiegeräte für eine ausreichende Krankenversorgung. Tatsächlich haben wir aber in Österreich nur 43."

Eine Besserung ist derzeit nicht in Sicht. Pötter, ein Experte seines Teams arbeitete an der europäischen Vergleichsstudie mit: "In Bundesländern wie Niederösterreich, der Steiermark und Oberösterreich gibt es eine deutliche Unterversorgung.

Eine Verbesserung der Situation gab es Ende der 1990er-Jahre, aber seither hat sich wenig getan. Wir würden eigentlich in den nächsten Jahren insgesamt etwa 20 Geräte mehr brauchen. Laut offiziellen Planungen sollen es in den nächsten fünf bis zehn Jahren jedoch österreichweit nur vier mehr werden." Dadurch werde es nur eingeschränkt möglich sein, allen Krebspatienten in Österreich die notwendige modernste Form der Strahlentherapie zukommen zu lassen.

Mangelwirtschaft? 

 "Es sieht so aus, als würde es in Österreich mit der strahlentherapeutischen Versorgung in den nächsten fünf bis zehn Jahren deshalb im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eher weiter abwärts gehen", so Pötter, "Das ist eine bedrohliche Situation, vor allem wegen der bedeutenden Stellung der Strahlentherapie innerhalb der gesamten Krebsbehandlung."

Fortschreibung des Strukturplans Gesundheit bis 2020

Dies lasse sich auch aus den aktuellen Planungen ableiten. "Wir haben auch im KAV (Wiener Krankenanstaltenverbund) hierzu zahlreiche Diskussionen geführt, da der Status quo von heute im RSG Wien (Regionaler Strukturplan Gesundheit) bis 2020 fortgeschrieben wird", so der Experte. Es gehe in Österreich in Sachen Strahlentherapie immer mehr um Verwaltung einer "Mangelwirtschaft".


"Dabei sind Investitionen von ca. zwei bis 2,5 Millionen Euro für ein Therapiegerät, das mehr als zehn Jahre lang für mehr als 5.000 Patienten verwendet werden kann (400 bis 500 Euro/Patient), vergleichsweise nicht so viel Geld, vor allem wenn dies in Relation gesetzt wird zu den deutlich höheren Kosten pro Patient für die moderne 'targeted' Therapie, die bei zahlreichen Krebserkrankungen heute als Standard gilt", so der Experte weiter. Diese zielgerichtete Therapie mit modernsten Krebsmedikamenten mache Kosten von teilweise mehr als 5.000 bis 10.000 Euro pro Patient aus.

Personalmangel

Aber es fehle mindestens genauso am Personal, so Pötter. In Zeiten von Wirtschaftskrise und Gesundheitsreform sei derzeit auch hier wenig Positives zu erwarten. Die größte Problematik aber besteht in der Entwicklung der Zahl der Krebserkrankungen. Die Autoren der europäischen Vergleichsstudie: "Die ständig steigende Zahl von Krebspatienten vergrößert den Bedarf an Radiotherapie-Angeboten in Europa. Rund 45 bis 55 Prozent der Patienten mit Krebs benötigen eine Strahlentherapie zu einem gewissen Zeitpunkt, rund 20 bis 25 Prozent haben mehr als einen Therapiezyklus.

Eine Abschätzung der Effekte der Versorgung von Krebskranken in Schweden zeigte, dass 49 Prozent der Heilungen auf die Chirurgie, 40 Prozent auf Strahlentherapie allein oder in Kombination mit anderen Behandlungsarten und elf Prozent auf die Chemotherapie allein zurückzuführen sind. Das weist auch darauf hin, dass Mängel in der Strahlentherapie eine überproportional große Auswirkung auf die Heilungschancen und die Lebensqualität der Patienten haben dürften.

Nicht alle Patienten kommen in den Genuss der optimalen Strahlentherapie

"Der Mangel ist seit vielen Jahren bekannt. Wir können nicht allen Patienten die optimale Strahlentherapie anbieten", erläuterte Pötter die für ihn bedenkliche Situation in Österreich. Selbst in dem im Vergleich zu einigen anderen Bundesländern anscheinend besser versorgten Wien reichten die Kapazitäten im Grunde nur für die Patienten aus der Bundeshauptstadt aus. 30 Prozent der Patienten aber stammen aus Niederösterreich.


Pro Jahr werden in Österreich zwar rund 19.000 Männer und 17.000 Frauen mit einer Krebsdiagnose konfrontiert und bei jährlich rund 9.000 Frauen und 11.000 Männern führt eine Krebserkrankung zum Tod. Das sind rund 20 Prozent der Sterbefälle. In Europa wird die Diagnose "Krebs" jährlich bei rund 3,2 Millionen Menschen gestellt. Bis 2030 dürfte diese Zahl laut wissenschaftlichen Studien um 75 Prozent zunehmen. Dementsprechend wird wohl auch der Bedarf an Diagnose- und Therapie-Kapazitäten steigen.

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