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EFSA, Lebensmittelsicherheit, Zusatzstoffe
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Gesundheitspolitik 25. Jänner 2013

EU geht auf Nummer sicher

Im Rahmen einer vollständigen Risikobewertung des Süßstoffes Aspartam laden die wissenschaftlichen Experten erstmals auch die Öffentlichkeit ein, sich einzubringen.

Am 8. Jänner hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (European Food Safety Authority) das vorläufige Ergebnis ihrer vollständigen Risikobewertung des Süßstoffes Aspartam veröffentlicht. Darin wird die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Aspartam aus wissenschaftlicher Sicht einmal mehr bestätigt. Gleichzeitig wurde eine öffentliche Konsultation gestartet und alle Interessierten wurden eingeladen, den Entwurf zu kommentieren, Einsprüche anzumelden oder Bedenken zu formulieren. Im Mai soll dann die endgültige Risikobewertung vorliegen und an die Europäische Kommission übergeben werden.

Seit den 1980er-Jahren untersuchen Genehmigungsbehörden weltweit die Sicherheit von Aspartam. Die erste in Europa durchgeführte Sicherheitsbewertung wurde 1984 vom ehemaligen Wissenschaftlichen Lebensmittelausschuss der Europäischen Kommission (SCF) veröffentlicht. Ergänzende Bewertungen folgten 1988, 1997 und 2002. Die EFSA hat in den Jahren 2006, 2009 und 2011 Empfehlungen hinsichtlich neuer wissenschaftlicher Studien zu diesem Süßungsmittel erstellt.

Systematische Neubewertung

Im Rahmen eines Auftrags an die EFSA, eine systematische Neubewertung aller Lebensmittelzusatzstoffe bis 2020 verpflichtend durchzuführen, erfolgt nun aber erstmals eine vollständige Risikobewertung von Aspartam. Sie wurde auf ausdrücklichen Wunsch der Kommission vorgezogen, weil in den vergangenen Jahren immer wieder öffentliche Diskussionen über mögliche Gesundheitsgefährdungen des Süßungsmittels aufgebrochen und nicht zuletzt auch Bedenken von Mitgliedern des Europäischen Parlaments geäußert worden waren.

Das nun vorliegende Gutachten wurde – als erster Teil in einem dreistufigen Prozess – vom wissenschaftlichen Gremium für Lebensmittelzusatzstoffe und Lebensmitteln zugesetzte Nährstoffquellen (ANS – Scientific Panel on Food Additive and Nutrient Sources Added to Food Gremium) der EFSA durchgeführt.

Es hat zu diesem Zweck eine umfassende Sichtung von in Peer-Review-Verfahren begutachteter wissenschaftlicher und sonstiger Literatur zu Aspartam und dessen Zerfallsprodukten vorgenommen, einschließlich neuer Studien am Menschen. Diese umfassende Literatursichtung wurde durch zwei Aufrufe zum Einreichen von Daten ermöglicht, dank derer mehr als 600 veröffentlichte wie unveröffentlichte wissenschaftliche Studien und Datensätze verfügbar wurden.

Darunter befanden sich auch die 112 Originalunterlagen zu Aspartam, die Anfang der 1980er-Jahre zur Unterstützung des Antrags auf Zulassung von Aspartam in Europa eingereicht worden waren. Im Interesse der Transparenz und Offenheit hat die EFSA die vollständige Liste dieser wissenschaftlichen Studien veröffentlicht und auch bisher unveröffentlichte wissenschaftliche Daten öffentlich verfügbar gemacht.

Sicher und unbedenklich

Die Wissenschaftler kamen in ihrem vorläufigen Gutachten zu dem Schluss, dass Aspartam und dessen Zerfallsprodukte in Bezug auf Toxizität für die Verbraucher unbedenklich sind. Als einziger österreichischer Experte sitzt Prof. Dr. Jürgen König vom Department of Nutritional Sciences der Universität Wien in diesem Gremium. Im Gespräch mit der Ärzte-Woche bestätigt König die Sicherheit von Aspartam: „Wir sagen in unserem Gutachten, dass nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand der Konsum von Aspartam für die breite Bevölkerung keinerlei Risiko birgt und es dadurch zu keinen gesundheitlichen Problemen kommt.“

Auch der schon bisher geltende – aber immer wieder heftig kritisierte – zulässige ADI-Wert (Acceptable Daily Intake) von 40 mg pro Kilogramm Körpergewicht wurde laut König bestätigt: „Wir haben keinen Grund gesehen, den ADI-Wert zu ändern.“

Ausnahme Phenylketonurie

Ausgenommen davon werden Menschen, die an Phenylketonurie (PKU) leiden. Denn im Körper zerfällt Aspartam in seine drei Bestandteile Methanol, Asparaginsäure und die Aminosäure Phenylalanin. Letztere ist bei hohen Aufnahmemengen toxisch, insbesondere für den sich entwickelnden Fötus bei PKU-Erkrankten. Diese Erbkrankheit bewirkt, dass sich die Phenylalanin-Konzentration im Blut der Betroffenen derart erhöht, dass ein für das sich entwickelnde Gehirn toxisches Niveau erreicht wird. PKU-Patienten müssen eine strikte phenylalaninarme Diät einhalten, die sowohl eiweißreiche, als auch stärkehaltige sowie aspartamhaltige Lebensmittel und Getränke eingeschränkt. Daher müssen aspartamhaltige Produkte in der EU mit dem Hinweis „Enthält eine Phenylalaninquelle“ gekennzeichnet werden.

„Public Consultation“

Mit der Veröffentlichung des vorläufigen Gutachtens wurde Teil zwei der vollständigen Risikobewertung eingeläutet, eine eher ungewöhnliche, bisher kaum jemals angewandte Methode: Bis zum 15. Februar sind „Interessenvertreter und interessierte Dritte“, also eigentlich alle, aufgerufen, in einer öffentlichen Online-Konsultation ihre Stellungnahme zum Entwurf abzugeben. „Es ist meines Wissens nach das erste Mal, dass wir im Rahmen eines wissenschaftlichen Gutachtens eine Public Consultation machen“, sagt König. Hintergrund dafür dürfte sein, dass die EFSA nach all den öffentlichen Kontroversen zu Aspartam diesmal auf Nummer sicher gehen will: Jeder, der etwas beitragen könnte, soll gehört werden. Damit will man späteren Kritikern schon vorweg den Wind aus den Segeln nehmen.

Ein weiterer Grund für die doppelte Absicherung findet sich auch in der Veröffentlichung zweier Studien zu möglichen Gesundheitsrisiken aus dem Jahr 2010: eine von der Europäischen Ramazzini-Stiftung durchgeführte Karzinogenitätsstudie an Mäusen, denen über das Futter Aspartam verabreicht wurde, sowie eine epidemiologische Studie über den Zusammenhang zwischen der Aufnahme künstlich gesüßter Limonaden und einem erhöhten Auftreten von Frühgeburten. Diese Studien wurden bereits von zahlreichen internationalen Zulassungsbehörden begutachtet, die allesamt zu dem Schluss gelangten, dass die Unbedenklichkeit von Aspartam für den menschlichen Verzehr ausreichend nachgewiesen ist. Trotzdem geistern sie immer wieder durch die Kontroversen.

Neue Erkenntnisse, die einen inhaltlich entscheidenden Einfluss auf die endgültige Risikobewertung haben könnten, sind aus der „Public Consultation“ – nach übereinstimmender Einschätzung der damit befassten Experten – eher nicht zu erwarten. Der Aufwand dafür ist dennoch enorm. Manche Kritiker halten ihn sogar für unverhältnismäßig hoch. Denn das ANS-Gremium ist verpflichtet, jede Stellungnahme zu berücksichtigen, zu bewerten, zu kommentieren und gegebenenfalls in das Gutachten einzuarbeiten. „Sämtliche Kommentare werden in Excel-Tabellen inhaltlich zusammengefasst und die Themen dann in den gemeinsamen Sitzungen des Gremiums diskutiert“, erzählt König: „Anschließend wird so lange an Stellungnahmen gefeilt, bis alle Mitglieder damit einverstanden sind.“

Endbericht im Mai

Im Mai 2013 soll dann in einem dritten und letzten Prozessschritt das endgültige wissenschaftliche Gutachten vom ANS-Gremium verabschiedet und an die Europäische Kommission weitergeleitet werden. Diese entscheidet dann über Richtlinien, Verordnungen oder gegebenenfalls auch Verbote.

„Die EFSA ist weder dafür zuständig, die Verwendung von Stoffen in Lebensmitteln zuzulassen noch zu verbieten“, erklärt König: „Wir betrachten die Frage ausschließlich vom wissenschaftlichen Standpunkt her und geben Empfehlungen, „exekutieren müssen diese dann die europäischen Institutionen“. Die EFSA ist also für das „Risk Assessment“ zuständig, während sich die Kommission um das „Risk Management“ zu kümmern hat. Und dabei können auch noch ganz andere Argumente ins Spiel kommen – politische Überlegungen etwa, Lobbying-Versuche oder Industrie-Interessen.

Studien-Downloads: www.efsa.europa.eu/de/dataclosed/call/110601.htm

Public Consultation: www.efsa.europa.eu/de/consultations/call/130108.htm

V. Weilguni, Ärzte Woche 4/2013

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