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 Foto: Pflügl, Wien

 Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Leoben

(c): Pflügl, Wien

 

Ein kleiner Ausblick auf „Pädiatrie & Pädologie“ 2013 - die Coverseite 1/2013.

 
Gesundheitspolitik 8. Jänner 2013

Pädiatrie in Österreich: Status quo et quo vadis?

Jahresrückblick 2012 und -ausblick 2013

Das Jahr 2012 geht seinem Ende zu, und somit ist es wieder einmal Zeit, aus Sicht der österreichischen Pädiatrie einen Blick zurück zu werfen auf das abgelaufene Kalenderjahr. Und wir dürfen dieses Jahr als eines in Erinnerung behalten, welches doch einige positive Entwicklungen für Österreichs Kinder und Jugendliche gebracht hat.

So wurde mit Beginn des Jahres 2012 wie vorgesehen das kostenlose Impfprogramm um die routinemäßige Pneumokokkenimpfung für Säuglinge und die Meningokokkenimpfung für 12-jährige erweitert. Zwar hat es bei der Pneumokokkenimpfung anfangs kurze Verwirrung über das Vorgehen bei „Angeimpften“ gegeben und hat sich die Meningokokkenimpfung bei Schulkindern noch nicht überall gut durchgesetzt, trotzdem muss die Erweiterung des Impfprogramms um diese beiden Impfungen als positiv bezeichnet werden. Bezüglich der von der Pädiatrie und anderen Fachgesellschaften geforderten zusätzlichen Einführung der kostenlosen HPV-Impfung hat sich zwar kein wesentlicher Fortschritt gezeigt, von Seiten des Gesundheitsministeriums und speziell von Seiten der hier verantwortlichen Sektionschefin, Frau Dozentin Dr. Rendi-Wagner, besteht jedoch durchaus Diskussionsbereitschaft, auch hier mit anderen Ländern gleichzuziehen. Weiters in Angriff genommen wurde im Jahr 2012 die Planung einer Strategie zur Masern-Röteln-Elimination. In diesem Zusammenhang wird u.a. diskutiert, dass auch Pädiater die Berechtigung zum Schließen von Impflücken bei Erwachsenen bekommen sollen.

Insgesamt darf die medizinische Versorgung für Österreichs Kinder und Jugendliche – auch im internationalen Vergleich – im Jahr 2012 als sehr gut bezeichnet werden. Dies ist wohl in erster Linie dem guten Kombinationsangebot von Präventivmedizin und Krankenversorgung und der Zusammenarbeit von niedergelassener und stationärer Pädiatrie zu verdanken. Der Mutter-Kind-Pass hat als Präventivtool nichts an Bedeutung verloren und ist im frühen Lebensalter ein unverzichtbares Hilfsmittel geworden. Es ist deshalb auch bedauerlich, dass es derzeit im Obersten Sanitätsrat keine Mutter-Kind-Pass Kommission gibt, die dieses Instrument regelmäßig evaluiert und verbessert. Von Seiten der Pädiatrie wird jedenfalls weiter darauf gedrängt werden, eine solche Kommission wieder zu etablieren.

Ich habe heuer im Rahmen des „Forum Alpbach“ und in weiterer Folge bei der ÖGKJ-Jahrestagung vorgeschlagen, den Mutter-Kind-Pass ins Schul- und Jugendalter zu erweitern. Dies wurde – nicht ganz unerwartet - vom Ministerium zunächst ablehnend beantwortet. In Anbetracht knapper Ressourcen ist diese Ablehnung aus finanziellen Erwägungen auch irgendwie verständlich, trotzdem sollte dieses Anliegen weiter betrieben werden. Dies deshalb, weil die in diesem Alter vorgesehenen Schulteruntersuchungen vielfach die geforderte Qualität nicht bieten können, und zudem eine kontinuierliche Aufzeichnung über den Gesundheitszustand unserer Kinder und Jugendlichen fehlt. Hiefür wurde auch ein elektronisches Dokumentationssystem (eine Koppelung an ELGA wäre dafür nicht zwangsläufig erforderlich !) in Erwägung gezogen, welches endlich auch eine systematische Datenanalyse von Gesundheitsdaten im Kindes- und Jugendalter erlauben würde.

Dass wir gerade im Schul- und Jugendalter Defizite in der Vorsorge haben, führen uns ja die Medien in schöner Regelmäßigkeit vor Auge, wenn sie immer wieder über Österreichs „übergewichtige, rauchende und komasaufende Jugendliche“ berichten. Tatsächlich liegen Österreichs Jugendliche im Bereich „Risikoverhalten“ im OECD-Vergleich auf den schlechten Plätzen, während interessanterweise (trotzdem?) die Zufriedenheit unserer Jugendlichen relativ hoch ist.

Kein Zweifel besteht auch daran, dass (nicht nur) Österreichs Kinder und Jugendliche an Bewegungsmangel leiden und neben sozialer Kompetenz zunehmend motorische Fähigkeiten einbüßen. Die modernen Medien und insbesondere die (sogenannten) sozialen Netzwerke tragen offensichtlich dazu bei, dass nicht nur echte soziale Kontakte (z.B. in Jugendgruppen, Sportvereinen und dgl.) zurückgehen, sondern auch so einfache motorische Funktionen wie Purzelbaumschlagen, Rückwärtsgehen und Einbeinhüpfen zunehmend verloren gehen. Diesen Defiziten muss mit innovativen Programmen begegnet werden, z.B. durch eine tägliche „Bewegungseinheit“ (muss nicht unbedingt eine Turnstunde sein!) in Österreichs Schulen.

Das Gesundheitsministerium hat den Handlungsbedarf in diesen Bereichen durchaus erkannt und in der „Gesundheitsstrategie“ aus dem Jahr 2011 festgeschrieben. Im Jahr 2012 wurde nun auch ein „Komitee zur Umsetzung der Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie“ (KUK) ins Leben gerufen. Es handelt sich dabei um ein intersektorales Komitee mit Mitgliedern aus allen mit der „Lebenswelt“ von Kindern und Jugendlichen befassten Institutionen. Es ist Aufgabe dieses Komitees, die in der Kindergesundheitsstrategie festgelegten Ziele auf ihre Umsetzbarkeit bzw. bereits erfolgte Umsetzung zu überprüfen und neue Vorschläge dazu zu erarbeiten.

Von Seiten der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) wurde ebenfalls ein neuer Anlauf Richtung „Jugendgesundheit“ gemacht. Das Jahr 2013 soll sich vermehrt diesem wichtigen, aber auch oft vernachlässigten Bereich widmen. Sowohl die Jahrestagung in Innsbruck als auch die Fortbildungstagung in Klagenfurt werden die „Jugend“ und deren Probleme schwerpunktmäßig thematisieren.

Ein weiterer positiver Aspekt aus dem Jahr 2012 ist die Aufnahme des von einer Expertengruppe erarbeiteten „Rehabilitationsplans für Kinder und Jugendliche“ in den Rohentwurf des Österreichischen Strukturgesundheitsplanes (ÖSG). Damit ist es erstmals gelungen, den Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf geordnete Rehabilitation fix zu verankern und bei allen beteiligten Institutionen (Gesundheitsministerium, Sozialversicherungen, Bundesländer) als absolut berechtigt darzustellen. Es ist zu hoffen, dass die nun in Aussicht gestellte Realisierung rasch stattfinden wird und dadurch zeitnahe ausreichend Rehabilitationsplätze für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehen werden.

Ganz im Zeichen der Kinder- und Jugendgesundheit stand diesmal auch das „Forum Alpbach“ Ende August 2012. Dort wurde besonders der ganzheitliche Aspekt in den Vordergrund gestellt (physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden). Erfreulich war, dass Vertreter der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und des Hauptverbandes (HV) sich grundsätzlich mehr Investitionen zugunsten der Kinder- und Jugendgesundheit vorstellen können. Hier scheint es doch zumindest zu einem partiellen Umdenken in Institutionen gekommen zu sein, die traditionellerweise Kinder und Jugendliche nicht als Hauptklientel im Auge haben bzw. hatten.

Im Rahmen des „Forum Alpbach“ hat Bundesminister Stöger auch verkündet, ein langjähriges Anliegen der österreichischen Pädiatrie und speziell der ÖGKJ umsetzen zu wollen. Er hat für die Etablierung eines „Netzwerkes für Arzneimittelforschung im Kindes- und Jugendalter“ einen Gesamtbetrag von € 750.000,-- (aufgeteilt auf fünf Jahre) in Aussicht gestellt. Der gleiche Betrag wurde vom Dachverband der pharmazeutischen Betriebe (Pharmig) in Aussicht gestellt. Damit wird es erstmals möglich sein, in Österreich die Kinderarzneimittelforschung im Sinne eines Netzwerkes zu ordnen. Dieser Lösungsansatz verfolgt die Absicht, Österreichs Kindern und Jugendlichen die besten und sichersten Medikamente möglichst rasch zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus kann auch eine Intensivierung der Forschung in diesem Bereich erzielt werden. Dass es bisher (trotzdem) nicht gelungen ist, auch das Wissenschaftsministerium für dieses Projekt „ins Boot zu holen“, bleibt als kleiner Wermutstropfen. Dessen ungeachtet werden die Aktivitäten dieses Forschungsnetzwerkes nun mit Jänner 2013 unter der Leitung von Frau Professor Ladenstein (St. Anna Kinderspital) starten.

Ein echtes „Highlight“ im Jahr 2012 war die Jubiläumstagung anlässlich des 50-jährigen Bestehens der ÖGKJ (1962 gegründet) vom 26.-29. 9. 2012 in Salzburg. Die mit viel Mühe und „Gefühl“ ausgerichtete Tagung versammelte etwa 700 Kolleginnen und Kollegen im Salzburger Congress. Inhaltlich, organisatorisch, aber auch vom Rahmenprogramm her war diese Tagung äußerst gelungen, und Herrn Professor Sperl und seinem Team darf dazu herzlichst gratuliert werden!

Im Rahmen der 50. Jahrestagung wurden auch verdiente ÖGKJ-Mitglieder mit der Escherich Medaille ausgezeichnet, nämlich Univ.-Prof. Dr. Helmut Gadner, Univ.-Prof. Dr. Ronald Kurz, und Univ.-Prof. Dr. Ingomar Mutz. Weiters wurde in Zusammenarbeit von Professor Sperl und Professor Stögmann und mit Unterstützung eines professionellen Autorenteams eine Festschrift zum 50–jähringen Bestehen der ÖGKJ aufgelegt und damit die Geschichte der ÖGKJ für alle Zeiten dokumentiert.

Neben der viel beachteten Jahrestagung haben zahlreiche andere Fortbildungsveranstaltungen das traditionell gute Fortbildungsangebot der Österreichischen Pädiatrie komplettiert. Von der Fortbildungstagung in Obergurgl (22.-27. 1. 2012), über den Pädiatrischen Frühling in Seggau (10.-12. 5. 2012), die Jahrestagung der „Politischen Kindermedizin“ (19.-20. 10. 2012) bis hin zum Pädiatrischen Samstag in Linz (17. 11. 2012) und der mit kulturellem Hochgenuss verbundenen Tagung der Sektion Südost in Venedig (22.-24. 11. 2012) wurde den Kolleginnen und Kollegen ein vielfältiges und hochwertiges Fortbildungsangebot gemacht. Das seit 2011 bestehende zusätzliche Angebot einer zyklischen Vorbereitung auf die Facharztprüfung wurde ebenfalls sehr positiv aufgenommen und heuer in Leoben durchgeführt (29.-30. 11. 2012). Es ist in diesem Zusammenhang auch erfreulich berichten zu können, dass im heurigen Jahr alle 62 Kandidatinnen und Kandidaten die Facharztprüfung beim ersten Antreten erfolgreich absolviert haben, und diese werden als „neue“ Fachärztinnen und Fachärzte herzlich begrüßt!

Nun zu einem kurzen Ausblick auf das Jahr 2013

Schon jetzt darf auf den 46. Pädiatrischen Fortbildungskurs in Obergurgl (20. bis 25. 1. 2013), den Pädiatrischen Frühling (23.– 25. 5. 2013) und die ÖGKJ-Jahrestagung in Innsbruck (26. – 28. 09. 2013) hingewiesen werden. Ein besonderes persönliches Anliegen ist mir auch die ÖGKJ-Fortbildungstagung in Klagenfurt (1.-2. 3. 2013), die – organisiert von unserer neuen Leiterin der AG „Jugendmedizin“, Frau Dr. Anna Cavini und ihrem Abteilungsvorstand (Prof. Kaulfersch), speziell dem Thema „Jugendmedizin“ gewidmet sein wird. Auch mit dieser Tagung soll ein neuer Anstoß gegeben werden, das Thema „Jugend“ auch schwerpunktmäßig im Arbeitsprogramm der österreichischen Pädiatrie zu verankern.

Es wird auch im Jahr 2013 nötig sein, unermüdlich darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Kinder- und Jugendheilkunde um kein „kleines Fach“ handelt. Öffentliche Institutionen (Gesundheitsministerium, „Gesundheitsversorger“, Länder, Sozialversicherungen), Standesvertretung (ÖÄK), aber auch unsere akademischen Ausbildungsstellen (Universitäten) müssen immer wieder mit dieser Tatsache konfrontiert werden und sowohl für Ausbildung (Turnusmonate!) als auch Fortbildung (Additivfächer und Spezialisierungen) adäquate Voraussetzungen schaffen.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass ab dem Jahr 2014 eine neue Ärzteausbildungsordnung (ÄAO) gültig sein wird, für die derzeit das Rasterzeugnis aus Kinder- und Jugendheilkunde erarbeitet wird. Es wird in diesem Rasterzeugnis und somit im curricularen Ablauf der Pädiatrieausbildung verschiedene „Wahlmodule“ (ersetzen zum Teil die bisherigen Gegenfächer) geben müssen, um der Breite und gleichzeitig Spezialisierung der Pädiatrie gerecht werden zu können.

Die Zusammenarbeit zwischen niedergelassener und stationärer Pädiatrie wird auch im Jahr 2013 eines unserer Hauptanliegen sein. Beide Bereiche ergänzen sich hinsichtlich der Gesundheitsversorgung, und müssen daher gemeinsam an einem Strang ziehen. Dies gilt auch für die insbesondere im urbanen Bereich noch immer ungelöste „Schnittstellenproblematik“. Konstruktive Lösungsansätze müssen in erster Linie aus unseren eigenen Reihen kommen, bevor andere uns eine „zweitbeste“ Lösung aufzwingen.

Im niedergelassenen Bereich gilt es auch, für die Patientenbetreuung eine zeitgemäße „Kostenwahrheit“ zu erreichen, d.h. entsprechende Abgeltung auch für therapeutische Gespräche (z.B. bei psychosozialen Problemen) und nach 17 Jahren (!!!) endlich eine Valorisierung der Mutter-Kind-Pass Tarife.

Schließlich müssen sich Österreichs Kinder- und Jugendärzte vermehrt in den breiten Themenkreis der „Prävention“ einbringen und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen suchen.

Es bleibt also viel zu tun!

Als Schriftleiter der „Pädiatrie & Pädologie“ darf ich mich einmal mehr bei Frau Dr. Höhl für deren unermüdliche Bestrebungen um qualitätsvolle Beiträge bedanken. Mein Dank gilt vor allem auch den Autorinnen und Autoren, die uns Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Es ist mir bewusst, dass eine nicht honorierte Publikation in einem nicht SCI-gelisteten Journal nur bedingt attraktiv ist. Umso wichtiger sind aber diese praxisbezogenen Beiträge für unsere an Aus- und Fortbildung interessierten Kolleginnen und Kollegen, deren Dank darf ich an dieser Stelle mit übermitteln.

Wir werden uns Mühe geben, auch im Jahr 2013 anspruchsvolle und gleichzeitig praxisbezogene Themen für Sie abzubilden, und dürfen Sie gleichzeitig herzlich bitten, uns Ihre Ideen bzw. Themenvorschläge mitzuteilen. Interessante Berichte von Tagungen, Kasuistiken, Originalpublikationen, aber auch Kurzberichte von Diplomarbeiten („Jugend forscht“) sind uns jederzeit sehr herzlich willkommen.

 

Ich freue mich auf ein weiteres Erscheinungsjahr von „Pädiatrie & Pädologie“ !

 

Unseren Leserinnen und Lesern wünsche ich eine friedvolle Weihnachtszeit, einen guten Rutsch ins Neue Jahr, und ein erfolgreiches, vor allem aber gesundes Jahr 2013!

Reinhold Kerbl, Leoben1, Pädiatrie & Pädologie 6/2012

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