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Gesundheitspolitik 24. Dezember 2012

Europaweit schrumpfen die Gesundheitsausgaben

Ist der politische Wille zur Stärkung der medizinischen Vorsorge nur ein Lippenbekenntnis?

Kurzfristige Budgetknappheit und nachhaltige Vorsorgeinvestitionen passen offensichtlich kaum zueinander. Was der Hausverstand – trotz zahlreicher gegenteiliger politischer Absichtserklärungen – ohnehin besagt, wird jetzt auch Schwarz auf Weiß von der OECD bestätigt: Nach Jahren des unaufhaltsamen Wachstums der Gesundheitskosten sinken die Ausgaben nun europaweit. Überproportional davon betroffen ist der Vorsorgebereich, also jener Sektor, der eigentlich dabei helfen sollte, nachhaltig zu sparen.

Die OECD hat in ihrer vor Kurzem publizierten Studie „Health at a Glance – Europe 2012“ festgestellt, dass europaweit die Gesundheitsausgaben zum ersten Mal seit 1975 wieder im Sinken begriffen sind. Demnach schrumpften die Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben der Europäischen Union im Jahr 2010 um 0,6 Prozent, während sie zwischen 2000 und 2009 jährlich noch um durchschnittlich 4,6 Prozent gewachsen waren. Eine ähnliche Entwicklung verzeichneten jene europäischen Länder, die nicht Mitglieder der EU sind.

Am gravierendsten fielen die Abschläge in den Krisenländern Irland, Estland, Island und Griechenland mit jeweils deutlich mehr als minus fünf Prozent aus. Österreich verzeichnete hingegen noch ein minimales Wachstum von 0,1 Prozent. Deutlich darüber lagen die Steigerungsraten etwa in der Schweiz (1,4 Prozent) und Deutschland. Bei unserem großen Nachbarn wuchsen die Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben 2010 unbeeindruckt von der Wirtschaftskrise. War der durchschnittliche Anstieg der Ausgaben in Deutschland zwischen 2000 und 2009 bei 2,0 Prozent pro Jahr gelegen, so betrug der Zuwachs 2010 inflationsbereinigt 2,7 Prozent. Demnach bewegt sich der Staat bei den Gesundheitsausgaben gegen den gesamteuropäischen Trend.

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt lag der Anteil für Gesundheitsausgaben 2010 bei 9,0 Prozent. Zum Vergleich: Zwischen 2000 und 2009 ist der Anteil von 7,3 auf 9,2 Prozent kontinuierlich gewachsen. Am höchsten ist der Anteil in den Niederlanden (12 Prozent oder 3.890 Euro pro Einwohner), gefolgt von Frankreich und Deutschland mit jeweils 11,6 und der Schweiz mit 11,4 Prozent. Bei den Eidgenossen liegt allerdings der private Anteil an den Ausgaben um einiges höher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Dahinter reihen sich Dänemark mit 11,1 und Österreich mit 11,0 Prozent ein. Damit lagen die tatsächlichen Pro-Kopf-Ausgaben in Österreich bei 3.383 Euro. Der EU-Schnitt liegt bei 2.171 Euro, am Ende der Statistik finden sich Bulgarien mit 745 und Rumänien mit 677 Euro.

Sparziel: Vorsorge

Der designierte Europäische Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, Tonio Borg, ergänzte: „Zwar finden wir in dem Bericht bisher keine Hinweise darauf, dass die Krise in Europa zu einer Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustandes geführte hätte. Dennoch können wir uns nicht einfach zurücklehnen: Es braucht seine Zeit, bis die Folgen von schwierigen sozialen Verhältnissen und mangelhafter Gesundheitsversorgung sichtbar werden.“

Damit spricht Borg in erster Linie das Thema Vorsorge an. Denn weil die Regierungen bei der Finanzierung der Akutmedizin nur sehr wenig Spielraum haben, sparen sie zumeist in anderen Bereichen. Von den Kürzungen am stärksten betroffen waren 2010 Gesundheits- und Vorsorgeprogramme: Insgesamt flossen im Schnitt der europäischen Länder lediglich 2,9 Prozent des Gesundheitsbudgets in die Prävention, also etwa in Impfkampagnen oder Aufklärung über gesunde Ernährung, Sport sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Im Vergleich zu den Vorjahren bedeutet das ein Minus von 3,2 Prozent.

Die höchsten Anteile in Präventionsprogramme investieren Länder mit erheblichem medizinischem Nachholbedarf wie etwa Serbien (6,3) und Rumänien (6,2 Prozent). Traditionell hoch ist der Anteil aber auch in medizinischen Vorzeigeländern wie zum Beispiel Finnland (5,4) oder den Niederlanden (4,8 Prozent). Deutschland liegt mit 3,2 Prozent zwar nach wie vor im guten Mittelfeld, allerdings war der Vorsorgesektor der einzige, in dem die Ausgaben 2010 sanken und das gleich einmal um massive elf Prozent.

Österreich findet sich mit einem Anteil von lediglich 1,8 Prozent am unteren Ende der Fahnenstange wieder, lediglich Malta, Litauen, Zypern, Kroatien und Schlusslicht Italien geben noch weniger für Vorsorge aus als Österreich - und das, obwohl Prävention häufig wesentlich kostengünstiger und damit insgesamt wirtschaftlicher wäre als die spätere Behandlung von Krankheiten, wie die OECD in ihrem Bericht ausdrücklich feststellt.

Verdoppelte Adipositasrate

Aber nicht nur aus finanziellen Überlegungen heraus wäre ein höheres Engagement in Form von Präventions- und Vorsorgeprogrammen angemessen. Auch aus medizinischer Sicht bestätigt der Bericht einmal mehr dringenden Handlungsbedarf bei der frühzeitigen Gesundheitsförderung. Ein Beispiel dafür ist die alarmierende Entwicklung der Adipositasrate in Europa.

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen ist heute übergewichtig, 17 Prozent leiden unter Adipositas, am wenigsten noch in Rumänien und in der Schweiz (8 Prozent), am meisten in Großbritannien und Ungarn mit jeweils über 25 Prozent. Österreich liegt hier mit 12,8 Prozent noch relativ gut. Insgesamt hat sich die Adipositasrate in vielen Ländern seit 1990 verdoppelt. Adipositas und Rauchen sind die Hauptrisikofaktoren für Herzkrankheiten und Schlaganfall, die 2010 mehr als ein Drittel (36 Prozent) aller Todesfälle in der EU verursachten.

Die meisten übergewichtigen 15-jährigen Mädchen finden sich übrigens in Griechenland (15 Prozent – Österreich: elf Prozent), übergewichtige Burschen sind hingegen mit großem Abstand am häufigsten in Griechenland anzutreffen (28 Prozent – Österreich im Vergleich: 19 Prozent).

Ein anderes Detailergebnis des Berichts zum Abschluss, weil es gut in die aktuelle heimische Diskussion um die Stärkung der Position des Hausarztes in der medizinischen Versorgung passt: Die Zahl der Ärzte pro Kopf ist in den letzten zehn Jahren in fast allen EU-Mitgliedstaaten von durchschnittlich 2,9 pro 1.000 Einwohner im Jahr 2000 auf 3,4 im Jahr 2010 gestiegen. Österreich liegt mit einem Wert von 4,8 bezüglich der Ärztedichte im absoluten Spitzenfeld, nur in Griechenland ist der Wert mit 6,1 noch höher. In fast allen Ländern gibt es inzwischen mehr Fachärzte als Hausärzte, weil das Interesse an der traditionellen hausärztlichen Tätigkeit abnimmt und gleichzeitig die Einkommensschere größer wird. Die langsame Zunahme oder sogar der Rückgang der Zahl der Hausärzte gibt laut OECD Anlass zur Besorgnis hinsichtlich der flächendeckenden Primärversorgung für bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Auszüge aus dem Health-Report*

Österreichische Statistik-Ausreißer:

29 Prozent der 15-jährigen Mädchen rauchen mindestens einmal pro Woche. Das ist nicht nur trauriger Spitzenwert in Europa (EU-Durchschnitt: 18 Prozent, Deutschland: 15 Prozent), sondern auch deutlich über dem Wert bei Burschen, der bei 25 Prozent und damit ebenfalls im Spitzenfeld liegt (EU: 19 Prozent). Bei den erwachsenen Rauchern liegt Österreich genau im europäischen Durchschnitt: 23,2 Prozent der Österreicher rauchen täglich mindestens eine Zigarette, ein Minus von 4,5 Prozent innerhalb der letzten Dekade. Europaweit ging die Zahl der regelmäßigen Raucher im selben Zeitraum um 15 Prozent zurück. Gleichzeitig gibt es europaweit keine männlichen Jugendlichen, die weniger Gemüse essen als in Österreich: Nur 12 Prozent der Burschen tun dies täglich, während es EU-weit im Durchschnitt immerhin 24 Prozent sind. Platz zwei erreicht Österreich bei der Anzahl der Spitalsbetten: mit 7,6 Betten pro 1.000 Einwohner liegt Österreich zwar hinter Deutschland (8,3), aber deutlich über dem EU-Schnitt von 5,3.

* Quelle: „Health at a Glance – Europe 2012“: Der Bericht wird von der OECD in Kooperation mit der Europäischen Kommission und Unterstützung der WHO herausgegeben. Er hat dafür Fakten und Datenmaterial aus dem Gesundheitssystem von 35 Ländern (27 EU-Mitgliedstaaten plus fünf EU-Kandidatenländern plus drei EFTA-Länder) zusammengetragen und in fünf Kategorien verglichen: Gesundheitszustand, Gesundheitsfaktoren, Ressourcen und Tätigkeiten im Gesundheitswesen, Versorgungsqualität, Gesundheitsausgaben und -finanzierung. Ziel der Initiative ist es unter anderem, durch die Darstellung von Best Practice-Beispielen andere Staaten zum Nachbessern anzuregen – oder wie es im Vorwort des Berichts formuliert wird: „We hope, that this publication will stimulate action to improve the health of European citizens by learning from each others´ experience.“

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