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Gesundheitspolitik 7. Dezember 2012

Krankheit verhindern, Versorgung verbessern, Invalidität verringern

Die österreichische Sozialversicherung hat eine „Strategie Psychische Gesundheit“ mit 23 konkreten Zielvorgaben beschlossen.

Wie diese Ziele in der Praxis umgesetzt werden können, das soll jetzt in zwölf Arbeitsgruppen konkretisiert und anschließend mit möglichen Kooperationspartnern diskutiert werden. Ende des Jahres sollte dann der Fahrplan mit den geplanten Aktivitäten für 2013 feststehen. Immerhin sollen im kommenden Jahr 80 Prozent der dringendsten Probleme gelöst – oder zumindest – angegangen werden.

Die Sozialversicherung will zukünftig verstärkt in die psychische Gesundheit der Österreicher investieren. Grundlage dafür bildet eine Ist-Analyse, die voriges Jahr erhebliche Mängel zutage gefördert oder bekannte Schwachstellen, etwa in der Psychotherapieversorgung von Kindern und Jugendlichen, bestätigt hat.

Laut Ist-Analyse nehmen jährlich 900.000 Österreicher das Gesundheitssystem wegen psychischer Diagnosen in Anspruch – mit steigender Tendenz und jährlichen Kosten von rund 800 Millionen Euro. Während die Krankenstände aufgrund somatischer Diagnosen in den letzten Jahren konstant geblieben sind, liegt die Steigerungsrate bei Krankenständen aufgrund psychischer Diagnosen im zweistelligen Prozentbereich. Fast 36 Prozent der Neuzuerkennungen von Berufsunfähigkeits- bzw. Invaliditätspensionen sind inzwischen auf psychiatrische Erkrankungen zurückzuführen, bei Frauen ist es fast die Hälfte.

Der signifikante Anstieg wird von Experten allerdings nur zum Teil auf ein gestiegenes Krankheitsgeschehen – insbesondere wegen höherer Belastungen in der Arbeitswelt – zurückgeführt, sondern scheint auch wesentlich damit zusammenzuhängen, dass psychische Erkrankungen heute häufiger als früher als solche diagnostiziert werden.

Strategie

Die vorliegende Strategie „Psychische Gesundheit fördern – psychisch Erkrankte optimal versorgen“ wurde von der Trägerkonferenz, dem höchsten Organ der österreichischen Sozialversicherung, beschlossen. Das Motto der Strategie gibt gleichzeitig auch seine Richtung vor: „Krankheit verhindern - Versorgung verbessern - Invalidität verringern“. Es geht also um verbesserte Präventivmaßnahmen, das Schließen von offensichtlichen Versorgungslücken und eine bessere Abstimmung der vorhandenen Versorgungsangebote sowie ein gezieltes Rehabilitationsangebot, damit Frühpensionen verhindert werden können.

Gesundheitsförderung und Prävention

Die Sozialversicherung will die Gesundheitsförderungsmaßnahmen ausbauen – und zwar am besten dort, wo sich Menschen einen Großteil ihres Tages aufhalten. Das sind für sehr viele Personen Arbeitsplatz und Schule.

Ein zentraler Schwerpunkt ist aus Sicht der Sozialversicherung die Gruppe der Kinder und Jugendlichen. Hier können künftige Folgekosten möglichst frühzeitig vermieden werden. Unterstützung für Eltern und Familien, etwa durch frühe Hilfen, zählt hier ebenso dazu wie eine Betreuungs- und Unterrichtsgestaltung in Kindergärten, Schulen und Horten, die dazu beiträgt, dass sich Kinder ohne Angst und krankmachenden Stress entwickeln können.

Steuerungsfunktion für den Hausarzt

Die Lücken in der Versorgungskette von der niedergelassenen Praxis über die Klinik bis hin zum Reha-Zentrum und wieder zurück sollen geschlossen und die Schnittstellen besser koordiniert werden. Eine zentrale Stelle nimmt dabei der Hausarzt ein, denn 90 Prozent aller psychisch Kranken sind dort in Behandlung. Ihm kommt eine wichtige Steuerungsfunktion zu, denn gerade psychisch erkrankte Menschen brauchen viel Information und Beratung hinsichtlich ihrer medizinischen oder therapeutischen Versorgung und psychosozialen Betreuung.

Die Sozialversicherung will daher Maßnahmen setzen, um die Kompetenz der Allgemeinmediziner bei der Behandlung psychisch erkrankter Patienten zu stärken. Neben einem stärkeren Fokus bereits im Studium und in der Turnus-Ausbildung sollen auch die Weiterbildungen in psychosozialer, psychosomatischer und psychotherapeutischer Medizin forciert werden.

Lückenschluss beim Psychotherapie-Angebot

Wesentlich verbessert soll auch das Psychotherapie-Angebot werden. Hier gibt es derzeit die größten Lücken und zum Teil unangemessene Wartezeiten von bis zu fünf Monaten. Das gilt in besonderem Maße auch wieder für die Psychotherapie bei Kindern. Hier sollten Wartezeiten künftig ganz vermieden werden, um Entwicklungsfenster nicht zu versäumen. Insgesamt sollte ein niederschwelliger Zugang zur Psychotherapie verwirklicht werden, dafür wird für alle Versicherten eine zentrale Anlauf- und Informationsstelle aufgebaut.

Weil die Sozialversicherung aber schon heute mehr in diesem Bereich ausgibt, als ihr vom Gesetzgeber in Form einer Beitragserhöhung zur Verfügung gestellt worden ist, soll es rasch zu Gesprächen mit der Bundesregierung über zusätzliche finanzielle Mittel zur Finanzierung der Psychotherapie kommen.

Rehabilitation

Soll die Rate der Zuerkennungen in die Berufsunfähigkeits- bzw. Invaliditätspension aus psychiatrischen Krankheiten verringert werden, muss bereits vorher und rechtzeitig mit geeigneten Maßnahmen entgegengewirkt werden.

Einen Ansatz für präventive Maßnahmen bietet das „fit2work“-Programm, das nach jüngstem Beschluss der Bundesregierung ein jährliches Sonderbudget in der Höhe von zwei Millionen Euro erhält, das für spezifische Maßnahmen für Menschen zur Verfügung stehen soll, die aus psychischen Gründen aus dem Arbeitsleben zu fallen drohen. Außerdem soll der bereits vor zwei Jahren begonnene Ausbau der psychiatrischen Rehabilitation – sowohl stationär als auch ambulant – auch in den kommenden Jahren konsequent fortgesetzt werden.

Damit entspricht die Sozialversicherung ihrem gesetzlich festgeschriebenen Auftrag: „Rehabilitation vor Pension“.

Nachgefragt bei ...

… Dr. Christoph Klein, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger.

Herr Dr. Klein, die Begriffe Dialog und Kooperation kommen in Ihrem Strategiepapier „Psychische Gesundheit“ auffallend häufig vor, warum?

Klein: Weil wir ohne intensive Zusammenarbeit keinen Schritt weiterkommen werden: Zum einen finden psychische Belastungen nicht nur dort statt, wo die Sozialversicherung zuständig ist. Entsprechend müssen auch Präventions- und Versorgungsangebote mit anderen Entscheidungsträgern, etwa mit Bund, Ländern, Schulen oder Wirtschaft koordiniert werden. Zum anderen müssen wir auch dringende Gespräche mit den Leistungsanbietern führen, etwa mit der Ärztekammer zum Thema Medikation, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir haben festgestellt, dass viel zu häufig Einmalverschreibungen von Medikamenten erfolgen, die eigentlich für Langzeittherapien vorgesehen sind, etwa Antidepressiva. Das heißt, entweder werden die Medikamente zu sorglos verschrieben oder es fehlt an der entsprechenden Patienten-Compliance. Das müssen wir gemeinsam mit der Ärztekammer verbessern.

Wurde seitens der Verhandlungspartner Gesprächsbereitschaft signalisiert?

Klein: Ja, mit den Gesundheitslandesräten sind wir bereits im Dialog und haben auch schon ein erstes Analysepapier präsentiert. Es herrscht grundsätzlich politischer Konsens über die Zielvorstellungen. Geplant ist jetzt eine Arbeitsgruppe auf Beamtenebene, die Details erarbeiten soll. Apropos Arbeitsgruppen: Bis jetzt existiert die Strategie nur auf dem Papier.

Wie sollen die definierten Ziele in der Praxiserreicht werden?

Klein: Auf Basis des Strategiepapiers treffen sich derzeit zwölf Arbeitsgruppen, die Maßnahmenpakete zu allen 23 Zielen festlegen werden. Dieser Prozess sollte bis Jahresende weitgehend abgeschlossen sein. Die von den Arbeitsgruppen festgeschriebenen und anschließend von den Gremien akzeptierten Maßnahmen werden dann sukzessive abgearbeitet. Wir haben intern festgelegt, dass mindestens 80 Prozent davon im Laufe des Jahres 2013 umgesetzt sein sollen, das wird von den internen Controlling-Gremien entsprechend evaluiert.

Das Gespräch führte V. Weilguni

V. Weilguni, Ärzte Woche 49/2012

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