zur Navigation zum Inhalt
© Klaus Pichler/Fonds Gesundes Österreich
© brave rabbit / shutterstock
 
Gesundheitspolitik 22. November 2012

Kinder für das Leben stark machen

Gesundheitsförderung für die nächste Generation – Aufgaben und Lösungen

Dietmar Schobel sprach mit Prof. em. Klaus Hurrelmann, einem international anerkannten Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Hurrelmann war unter anderem Gründungsdekan der 1993 neu etablierten Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld und für den Aufbau dieser bis heute einzigen voll ausgebauten School of Public Health im deutschen Sprachraum verantwortlich.

Seit März 2009 lehrt der Experte Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Wir haben den renommierten Experten befragt, was für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von Bedeutung ist, welche Herausforderungen im Lebensverlauf zu bewältigen sind und wie Gesundheitsförderung dabei unterstützen kann.

Pädiatrie & Pädologie: Herr Professor Hurrelmann, was brauchen Kinder und Jugendliche, um gesund groß zu werden?

Hurrelmann: Zunächst müssen die materiellen Lebensbedingungen dem Standard von hoch entwickelten Ländern entsprechend gesichert sein – zum Beispiel im Bezug auf Wohnen, Ernährung, Kleidung und Freizeitaktivitäten. Das ist heute nicht selbstverständlich, wie die hohen Anteile von Familien zeigen, die in unseren reichen Gesellschaften in relativer Armut leben. Außerdem benötigen Kinder und Jugendliche eine Familie, die sie unterstützt, eine stabile soziale Umwelt und ein Bildungssystem, das ihre Fähigkeiten fördert. All das sollte auf die Anlagen abgestimmt sein, die jedes Kind individuell mitbringt.

Wie kann Gesundheitsförderung dazu beitragen?

Hurrelmann: Indem sie Kindern und Jugendlichen eine Umwelt anbietet, die sie körperlich, psychisch und sozial stark werden lässt, und ihnen zugleich die Kompetenz vermittelt, diese Umwelt zu erschließen und mitzugestalten und vor allem, ihre alterstypischen Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Gesundheitsförderung sollte also dazu beitragen, das Leben mit Freude und Leidenschaft zu bewältigen.

Was sind die wesentlichen „Entwicklungsaufgaben“ von Kindern und Jugendlichen?

Hurrelmann: Entwicklungsaufgaben sind die physischen, psychischen und sozialen Anforderungen, die ein Mensch in einem bestimmten Lebensabschnitt zu bewältigen hat, wenn er gesund und handlungsfähig sein und bleiben möchte. Im ersten Lebensjahr sollten Kinder beispielsweise eine feste und sichere Bindung zu den Eltern und speziell zur Mutter aufbauen. Dazu müssen Eltern in der Lage sein, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrnehmen und erfüllen zu können. Das grundsätzliche Interesse der Eltern an der Entwicklung ihres Kindes ist für dieses so notwendig wie die Luft zum Atmen.

So genannte „Frühe Hilfen“ können deshalb eine besonders wichtige Form von Gesundheitsförderung sein. Damit sind sämtliche Angebote gemeint, die dazu dienen können, Risiken für Kinder rechtzeitig zu erkennen und die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken. Das reicht von Kursen und Beratung in Eltern-Kind-Zentren oder durch Familienhebammen bis zu Unterstützung durch Sozialarbeiter/innen.

Was ist im Kleinkindalter von Bedeutung?

Hurrelmann: Im Alter von ein bis vier Jahren erwerben Kinder zunehmend die körperlichen, psychischen und sozialen Voraussetzungen, um ihre Umwelt aktiv zu erkunden. Ihr Betätigungsradius wächst und damit auch ihre Neugier und Unternehmungslust. Sie bauen ihre sensorischen, motorischen und sprachlichen Fähigkeiten auf und aus. Sie entwickeln ihr soziales Verhalten weiter und fangen an, Beziehungen zu Altersgenossen aufzunehmen.

Kinder sollten in dieser Lebensphase Angebote erhalten, mit sich selbst und ihrem Körper, aber natürlich auch mit Dingen und Menschen in ihrem Umfeld kreativ umzugehen. Schritt um Schritt werden sie nun zu kleinen eigenständigen Persönlichkeiten. Neben der Familie ist jetzt vor allem auch der Kindergarten eine Lebenswelt, in der Gesundheitsförderung ansetzen und diesen Prozess durch Förderung der sozialen Kompetenz unterstützen kann. Gesunde Ernährung und ausreichende Möglichkeiten für Bewegung sind ebenso wie eine gute Mischung aus Anspannung und Entspannung von Bedeutung.

Worin bestehen die Herausforderungen im Schulalter?

Hurrelmann: Im Alter zwischen sieben und elf Jahren stehen Kinder vor allem vor der Entwicklungsaufgabe, sich kognitiv und intellektuell zu entfalten und die grundlegenden Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen zu erwerben. Sie können jetzt bereits einem beachtlichen Leistungsdruck ausgesetzt sein. Viele Eltern sind heute der Auffassung, schon mit dem Eintritt in die Grundschule beginne die Berufslaufbahn ihres Kindes, werde die entscheidende Weiche für den späteren gesellschaftlichen Erfolg gestellt. Eine „Schonzeit“ für Kinder gibt es heute nicht.

Auch die Entwicklungsaufgabe, die sozialen Beziehungen zu ordnen, ist nicht zu unterschätzen. Das gilt innerhalb der Schulklasse, aber zunehmend auch gegenüber den eigenen Eltern. Viele Kinder müssen heute Beziehungsmanager sein. Trennungen der Eltern sind häufig, sie wachsen in „Patchworkfamilien“ auf und müssen lernen, mit unterschiedlichen Formen enger und intimer sozialer Beziehungen umzugehen.

Was sind die wichtigsten Entwicklungsaufgaben während und nach der Pubertät?

Hurrelmann: Die Leistungs- und Beziehungsfähigkeiten müssen weiterentwickelt und auf ein komplexeres Niveau der Bewältigung gebracht werden. Das Jugendalter fängt heute sehr früh an. Das Alter, in dem die körperliche Geschlechtsreife oder Pubertät beginnt, hat sich in den vergangenen 100 Jahren immer weiter nach vorne verlagert. Heute beträgt es im Durchschnitt zwölf Jahre. Zwischen zwölf und 19 Jahren stehen Jugendliche vor großen Herausforderungen. Dazu gehört die Fähigkeit, die eigene, veränderte körperliche Erscheinung anzunehmen und zu akzeptieren. Dazu gehört, neue, tiefere Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen und recht bald auch, intime Beziehungen zu einem Freund oder einer Freundin aufzunehmen und sich zunehmend vom Elternhaus zu lösen und unabhängig zu werden. Außerdem geht es darum, mit den modernen Medien souverän und zum eigenen Vorteil umzugehen, eine Zukunftsperspektive zu entwickeln, sein Leben zu planen und Ziele anzusteuern.

Ist es für Kinder und Jugendliche von heute schwieriger, gesund erwachsen zu werden als für vergangene Genera- tionen?

Hurrelmann: Das würde ich klar so sagen, denn die Entwicklungsaufgaben zu bewältigen ist heute vielfältiger und komplexer geworden. Durch die „Individualisierung“ der sozialen Strukturen in modernen westlichen Gesellschaften bestimmen Faktoren wie soziale Herkunft, Geschlecht, Religion und Ethnie nicht mehr so stark über einen Lebenslauf wie früher. Das hat aber auch zur Folge, dass es kaum noch tradierte Muster für das Verhalten während bestimmter Phasen oder in bestimmten Rollen im Leben gibt.

Bereits von Kindern und mehr noch von Jugendlichen wird heute auch erwartet, dass sie zu Managern ihrer persönlichen Entwicklung werden. Das setzt ein hohes Maß an Reflektion über das eigene Leben voraus. Die meisten Jugendlichen kommen mit diesem „Biografie-Management“ jedoch erstaunlich gut zurecht und sehen die verschiedenen Anforderungen pragmatisch und gelassen. Das zeigen alle unsere Untersuchungen aus den vergangenen Jahren.

Trifft das auf alle Jugendlichen zu?

Hurrelmann: Es trifft auf die Mehrheit der Jugendlichen zu. Bei ihnen herrschen trotz unsicherer Perspektiven am Arbeitsmarkt hohe persönliche Zuversicht und ein solider Optimismus vor. Dem stehen diejenigen gegenüber, die in der schulischen und beruflichen Ausbildung schlecht abschneiden. Sie verfügen auch nach ihrer eigenen Wahrnehmung nicht über das hohe Ausmaß von Selbstorganisation, das in der Leistungsgesellschaft gefragt ist.

Diese Gruppe umfasst nach unseren Studien 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen, darunter auffällig viele junge Männer. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Eltern über eine vergleichsweise niedrige Bildung verfügen, relativ arm und häufig sozial isoliert sind, also nicht gut in die Mehrheitsgesellschaft integriert. Ein großer Teil von ihnen kommt aus Familien mit einem Zuwanderungshintergrund.

Wie können diese Jugendlichen durch Maßnahmen zur Gesundheitsförderung erreicht werden?

Hurrelmann: Indem diese Förderung früh beginnt, nämlich schon im Kindesalter, bevor sich erste Benachteiligungen verfestigt haben, und indem – wie schon erwähnt – soziale Kompetenz- und Gesundheitsförderung miteinander verzahnt und auf die Bewältigung der jeweiligen altersspezifischen Entwicklungsaufgaben ausgerichtet werden. Diese Förderung muss inklusiv erfolgen. Wer sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche erreichen will, darf nicht auf Maßnahmen setzen, die sich ausschließlich an diese wenden. Dadurch werden sie unfreiwillig und unbeabsichtigt allzu leicht ausgegrenzt und stigmatisiert.

Weshalb ist es generell so wichtig, früh mit gesundheitsförderlichen Maßnahmen zu beginnen?

Hurrelmann: Die frühen Jahre sind alles entscheidend. Wenn die Entwicklungsaufgaben während dieser Zeit nicht angemessen bewältigt werden, so lässt sich das oft nur schwer oder gar nicht nachholen. Probleme in späteren Lebensphasen sind fast in allen Fällen durch übermäßige Belastungen in den ersten vier bis sechs Lebensjahren bedingt. Deshalb muss für alle Kinder von Beginn an versucht werden, Risikofaktoren zu verringern und die Schutzfaktoren für eine gesunde Entwicklung zu verstärken.

Quelle: Der Erstabdruck dieses Artikels ist in „Gesundes Österreich“ vom Juli 2012 erschienen. Dieses Vierteljahresmagazin für Gesundheitsförderung und Prävention kann kostenlos bestellt werden: telefonisch unter 01/895 04 00, per E-Mail an oder online unter www.fgoe.org im Bereich „Publikationen“.

Buchtipp
Klaus Hurrelmann hat zahlreiche Lehrbücher und Handbücher sowie populäre Werke als Autor, Mitautor oder Herausgeber veröffentlicht. Im Folgenden werden drei seiner Publikationen vorgestellt:

Das „Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung“ liegt bereits in der dritten Auflage vor. Es ist ein anerkanntes Grundlagenwerk, das unter anderem in der Ausbildung von angehenden Mediziner/innen, Gesundheitswissenschafter/innen, Pflegefachleuten und vielen anderen Gesundheitsberufen Verwendung findet.

„Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung“, herausgegeben von Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz und Jochen Haisch. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2010, Hans Huber Verlag, Bern, 453 Seiten, 34,95 Euro.

Das „Handbuch Gesundheitserziehung“ soll einen Beitrag zur Verbindung der beiden Konzepte „Gesundheit“ und „Erziehung“ leisten. Zusammenhänge zwischen Disziplinen wie den Erziehungswissenschaften, der Medizin oder der Psychologie zur Gesundheitserziehung werden ebenso aufgezeigt, wie die Bedeutung von Gesundheitserziehung in Settings – wie der Familie, Kindergärten, Schulen, Betrieben oder Hochschulen.
„Handbuch Gesundheitserziehung“, herausgegeben von Britta Wulfhorst und Klaus Hurrelmann. 2009, Hans Huber Verlag, Bern, 304 Seiten, 49,95 Euro.

„Kinder stark machen für das Leben“ ist ein populärer und lesenswerter Ratgeber für Eltern. Er soll zeigen, wie Kindern durch „Herzenswärme, Freiräume und klare Regeln“ in der Erziehung Sicherheit, aber auch Selbstsicherheit und Selbständigkeit auf ihren Lebensweg mitgegeben werden können.
„Kinder stark machen für das Leben“ von Klaus Hurrelmann und Gerlinde Unverzagt. 2008, Verlag Herder, 192 Seiten, 9,95 Euro.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben