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© Ärztekammer für Wien/Gregor Zeitler
Prof. Dr. Thomas Szekeres Präsident der Wiener Ärztekammer
© Alexandr Mitiuc/fotolia.com
 
Gesundheitspolitik 23. November 2012

Der Präsident als Blogger

Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer, ist als offensiver Kommunikator bekannt. Dafür nützt er neuerdings auch seinen eigenen Blog.

„Ich habe mich entschlossen, einen Blog einzurichten. Als Arzt, engagierter Bürger und als Präsident der Ärztekammer für Wien.“ Mit diesen Worten begleitete Szekeres die Online-Schaltung seines persönlichen Blogs http://blog.szekeres.at.

In diesem Blog möchte er zu „vielem Stellung nehmen“, was Gesundheit und Gesellschaft betrifft, vieles kommentieren, das ihm auffällt, einfällt oder „das auf mich zukommt.“

Herr Präsident, warum ein eigener Blog?

Szekeres: Ich glaube, das ist eine moderne und offene Art der Kommunikation nach außen. Ich sehe es als Serviceangebot einer modernen Standesvertretung. Es gibt interessierten Kollegen, aber auch Medienvertretern die Möglichkeit, meine persönliche Meinung bzw. die Meinung der Ärztekammer zu aktuellen, gesundheitspolitischen Themen nachzuvollziehen und auch etwas über meine Beweggründe zu erfahren. Kolleginnen und Kollegen können darin ins Detail gehende Argumentationslinien, Positionen und Motivationen abfragen.

Unterscheiden Sie in Ihrem Blog zwischen persönlicher Meinung und Ihrer Meinung als Präsident der Wiener Ärztekammer?

Szekeres: Bisher gibt es keinen Grund dafür, weil sich die beiden Meinungen decken.

Schreiben Sie selbst oder lassen Sie Ihre Gedanken durch einen Ghostwriter formulieren?

Szekeres: Ich schreibe und kommentiere natürlich selbst. Der persönliche Ansatz ist für mich essenziell, um glaubhaft zu sein.

Ist es in Ihrer exponierten Position nicht gefährlich, pointierte – und nachvollziehbare – persönliche Meinungen zu publizieren und damit zu „verewigen“? Wird man dadurch nicht auch angreifbarer?

Szekeres: Für mich ist das überhaupt kein Problem. Ich habe ja schon bisher meine Positionen immer mit größtmöglicher Transparenz nach außen getragen. Ich setze jetzt lediglich ein zusätzliches Medium dafür ein, inhaltlich ändert das nichts. Meine Meinungen waren schon immer klar und transparent und das wird auch so bleiben. Und sollte ich einmal eine Meinung ändern, dann wird es dafür eine Begründung geben, die ich dann auch entsprechend darstellen kann. Das war bisher noch nicht notwendig. Für sehr notwendig halte ich es aber, offen und transparent zu informieren und zu kommunizieren. Das haben sich vor allem die Kolleginnen und Kollegen verdient.

Eine öffentliche Kommunikation, die auch den „Gegnern“ zur Verfügung steht und von diesen als Angriffsgrundlage verwendet werden kann. Stört Sie das nicht?

Szekeres: Nein, es muss ja nicht jeder meiner Meinung sein, der den Blog abruft. Zumindest kann hier jeder nachlesen, was die Begründung für meine Meinung und die Grundlage für mein Handeln ist.

Sieht Ihr Blog auch Feedback-Möglichkeit vor? Und wenn ja: Wie gehen Sie mit kritischen Kommentaren und Diskussionsbeiträgen um?

Szekeres: Ja, die Möglichkeit gibt es und ich hoffe sehr, dass sie auch genützt wird. Ich wünsche mir eine breite, aktive Kommunikationsplattform. Natürlich werde ich die Kommentare mitverfolgen und gegebenenfalls auch wieder zurückkommentieren. Außerdem hat natürlich jeder Interessierte die Möglichkeit, mich direkt zu kontaktieren. Aber das war ohnehin auch bisher jederzeit möglich. Diese Art von Erreichbarkeit und Offenheit ist mir wichtig.

Gibt es schon erste Reaktionen Ihrer Kollegen auf Ihren Blog?

Szekeres: Noch nicht, dazu ist das Projekt noch zu jung. Wir haben den Blog erst vor wenigen Tagen freigeschaltet. Das muss sich erst herumsprechen und bekannt werden. Ich bin aber sicher, dass bald nicht nur konsumiert, sondern auch fleißig repliziert wird.

Welche Themen werden im Blog vorwiegend behandelt?

Szekeres: Im Moment konzentriere ich mich natürlich auf aktuelle, öffentlich diskutierte Themen wie ELGA oder Gesundheitsreform. Darüber hinaus gibt es aber noch eine ganze Reihe von gesundheitspolitisch relevanten Fragestellungen, wo ich glaube, einen Kommentar abgeben zu müssen. Und schließlich werden auch standespolitische Themen besprochen.

Können Sie ein paar konkrete Beispiele nennen, die Sie bereits gebloggt haben?

Szekeres: Es gibt unter anderem Beiträge zu den kommenden Herausforderungen des modernen Gesundheitssystems, Beispiel Demenz, zu ELGA, zum Ärztebedarf, zur Fehlerkultur oder auch zur Benachteiligung von sozial schlechter gestellten Patienten, also zur unvermeidlichen Verbindung der Attribute arm, dick, bildungsfern und krank.

Zur heiß diskutierten Gesundheitsreform-Plakataktion in den Ordinationen sagen Sie in Ihrem Blog nichts?

Szekeres: Nicht zur Plakataktion selbst, aber natürlich zu deren Hintergründen. Etwa dazu, dass Bund, Länder und Sozialversicherung in der stillen Kammer an einer Gesundheitsreform basteln, dabei aber Ärzte und Vertreter anderer Gesundheitsberufe einfach außen vor lassen. Wir haben eine ganze Reihe guter Ideen dazu und würden uns gerne einbringen.

Was sagen Sie zur vehementen Kritik der Politik an der Plakataktion? Der stellvertretende niederösterreichische Landeshauptmann Sobotka etwa wirft der Kammer vor, in einem unverantwortlichen Ausmaß die Ängste der Patienten zu schüren und mit diesen Ängsten Standespolitik zu betreiben.

Szekeres: Dann soll uns die Politik beweisen, dass unsere Befürchtungen unbegründet sind, das können sie nicht. Die heftigen politischen Reaktionen zeigen jedenfalls, dass wir nicht so falsch liegen, sonst wären die Herrschaften nicht so empfindlich. Es wurde ja sogar schon die Abschaffung der Kammer gefordert. Diese überzogene Reaktion ist beunruhigend, nicht die Tatsache, dass wir auf Fehlentwicklungen hinweisen. Wir würden als Experten und Involvierte jedenfalls gerne mitdiskutieren und die Frage erörtern, wie es möglich sein soll, die angekündigten Finanzierungsbeschränkungen umzusetzen, ohne dabei die Versorgungsqualität negativ zu beeinflussen. Über Maßnahmen, wie die Gesundheit der Bevölkerung verbessert werden könnte, wird im Zuge der Reformdiskussionen ja ohnehin gar nicht gesprochen. Das wäre aus unserer Sicht aber der zentrale Ansatz jeder wirksamen Gesundheitsreform. Vor dem Hintergrund der dramatischen demografischen Entwicklung und den wachsenden Möglichkeiten der modernen Medizin gäbe es durchaus Möglichkeiten einer bedarfsorientierten Verbesserung des Systems. Ausschließlich auf Sparmaßnahmen zu setzen, ist jedenfalls kontraproduktiv und führt nur in Richtung Privatmedizin. Dort wollen wir Ärzte aber nicht hin.

Das Interview führte Volkmar Weilguni

Der Szekeres-Blog – Originalauszüge aus den ersten Blogs

http://blog.szekeres.at

„ ... Angesichts dieser Gesundheitsreform kann man verzweifeln, weinen oder lachen. Bei eventuellen „Nebenwirkungen“ kann man den Arzt nicht mehr fragen. Die Ärzte und die Patienten spielen bei dieser Reform keine Rolle – sie sind Manövriermasse.“

„ ... Es ist unsinnig und ungerecht, die Ausgaben des Gesundheitssystems an das Wirtschaftswachstum zu koppeln. Die Gesundheitsausgaben werden zwangsläufig stärker steigen. Das weiß jeder Demograf, jeder Volkswirt und jeder Arzt. “

„ ... Es geht ein Gespenst um in Europa, das sich Dienstleistungsoptimierung nennt. Unter diesem Deckmantel sollen Mitarbeiter motiviert werden, das Beste zu geben, stets das Wohl des Unternehmens und des Kunden vor Augen zu haben. Die perfekte Dienstleistungsgesellschaft ist auch die perfekte Ausbeutungsgesellschaft.“

„ ... Die Medizin forscht, aber die finanziellen Mittel reichen nicht aus, die Pharmaindustrie lauert, ist aber risiko- und investitionsarm geworden, Städteplanung und Sozialpolitik bremsen. Mit dem sonderbaren Argument, man müsse in der Krise sparen und Banken retten.“

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