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© Getty Images/Hemera
Tägliche Möglichkeiten, sich vom Stillsitzen in der Schule zu erholen, sind auch gut für die Lernfähigkeit.
 
Gesundheitspolitik 15. November 2012

Schule der Bewegung

Die Initiative zur täglichen Turnstunde wird zwar ihr erklärtes Ziel verfehlen, aber vielleicht Etappensiege erzielen. Allein das wäre ein schöner Erfolg.

„Erstmals ist ein nationaler Schulterschluss gelungen, der Gewicht haben wird. Der gesamte Sport steht zusammen“, zeigt sich der Präsident des Österreichischen Skiverbands (ÖSV), Prof. Peter Schröcksnadel von der Initiative zur täglichen Turnstunde begeistert. Es ist tatsächlich ein Novum in der heimischen Sportgeschichte, dass alle Verbände an einem Strang ziehen. „Wir wollen gemeinsam Druck auf die Politik ausüben“, sagte einer, der es wissen muss: Der Präsident der Österreichischen Bundes-Sportorganisation (BSO) Dr. Peter Wittmann weiß als Politprofi, ehemaliger Staatssekretär und langjähriges SPÖ-Vorstandsmitglied aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, den Stellenwert des Sports bei den politischen Entscheidungsträgern zu verankern.

Das gemeinsame Ziel, eine tägliche Turnstunde für alle Kindergartenkinder und Schüler, soll mittels Unterschriftenaktion erreicht werden. Mehr als 70.000 Menschen haben schon unterschrieben. Das ist zwar angesichts der kurzen Dauer der Aktion bemerkenswert, von der anvisierten Million aber noch ein ganzes Stück weit entfernt. Dabei kann sich die Aktion über einen Mangel an PR nicht beklagen, wie eine vom ORF live übertragene Pressekonferenz, Sportidole als unbezahlte Testimonials, ja, sogar 183 Abgeordnete zum Nationalrat belegen, die in ungewohnter Eintracht die Petition medienwirksam unterzeichnet haben.

Vor allem aber hat die Initiative fundierte, wissenschaftlich belegbare Argumente auf ihrer Seite – medizinische ohnehin, aber auch volkswirtschaftliche und sogar lerndidaktische Argumente.

Besorgniserregend: Gesundheitszustand der Kinder

Die Fakten zum Gesundheitszustand von Österreichs Kindern und Jugendlichen sind schlicht besorgniserregend: Österreichs Jugend ist beim Alkohol- und Nikotinkonsum ebenso im europäischen Spitzenfeld zu finden wie bei Übergewicht und Fettleibigkeit. 28 Prozent der Buben und 25 Prozent der Mädchen zwischen sechs und 18 Jahren sind übergewichtig oder sogar fettleibig. 40 Prozent der Kinder mit Symptomen der Fettleibigkeit im Alter von sieben Jahren weisen diese auch als Erwachsene auf.

Chronische Krankheiten und typische Lifestyle-Erkrankungen nehmen schon in jungen Jahren drastisch zu, diagnostiziert Prof. Dr. Peter Schober, Leiter der Abteilung für Sport- und Leistungsmedizin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie an der Meduni Graz. Hauptursache dafür ist mangelnde Bewegung – eine Entwicklung, die sich noch weiter zuspitzen wird, denn schon heute betreiben nur mehr 28 Prozent der Schüler regelmäßig Sport.

„Die Folgekosten für die Gesellschaft werden enorm sein, wenn nichts passiert“, ist Schober überzeugt: „Wir müssen an der Basis beginnen, gegenzusteuern, bei der Bewegung.“ Die Bewegung sei schließlich der „Schlüssel zu einer nachhaltigen Gesundheit“. Trotzdem wird diese als wirksamster Präventionsfaktor bisher von den politischen Entscheidungsträgern sträflich unterschätzt, findet Schober. So gäbe es etwa für die Ernährung durchaus landesweite, vom Unterrichtsministerium geförderte Programme – Stichwort: gesundes Schulbuffet –, Bewegungseinheiten würden aber immer noch zusammengekürzt.

Körper und Geist

Bewegungsförderung ist dabei weit mehr als ein bloßes Fitnessprogramm. Durch regelmäßige Bewegung lassen sich auch viele psychische Probleme in ihrer Ausprägung reduzieren oder sogar verhindern, etwa Depressionen, aber auch Angst- oder Suchterkrankungen.

Experimente haben gezeigt, dass körperliche Aktivität die Konzentration von körpereigenen Opiat-ähnlichen Botenstoffen um das Dreifache ansteigen lässt, was mit einer deutlichen Schmerzdämpfung und Stimmungsaufhellung verbunden ist. Die dafür wichtigsten Botenstoffe des Gehirns, Serotonin und Dopamin, werden durch ausdauerbetonte Aktivitäten gleich stark beeinflusst wie durch antidepressive Medikamente.

Mehr Bewegung erhöht zudem nachweislich die Gehirnsubstanz und verringert Gedächtnisprobleme. Einer schwedischen Studie gelang der wissenschaftliche Nachweis, dass eine tägliche Sporteinheit nicht nur die motorischen Fähigkeiten, sondern auch die Schulnoten in Hauptfächern wie Mathematik oder Englisch signifikant verbessert.

Projekt Vital4Brain

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen hat der Direktor des Bundesgymnasiums Zehnergasse in Wiener Neustadt, Dr. Werner Schwarz, gemeinsam mit der Uniqa-Versicherung ein viel beachtetes Projekt entwickelt: Vital4Brain. „Wir gehen mit der Bewegung direkt in den Unterricht“, so die Devise des Sportwissenschaftlers Schwarz, ehemaliger Spitzensportler und Nationaltrainer. Ziel von Vital4Brain ist es, durch kurzzeitige bewegungsorientierte Interventionen während der Unterrichtsstunden die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit der Schüler zu erhöhen. Das wird für den Lernerfolg immer wichtiger, zitiert Schwarz aus der deutschen Studie „Jugend und Gesundheit“, wonach bereits 16 Prozent der Jugendlichen zwischen elf und dreizehn Jahren an diagnostizierten Aufmerksamkeitsstörungen leiden, Tendenz stark steigend.

Die Studie zeigt auch einen direkten Zusammenhang zwischen fehlender körperlicher Aktivität und der Zunahme von Aufmerksamkeitsdefiziten. Das deckt sich mit Erkenntnissen der modernen Gehirnforschung, wonach während – aber auch noch nach – einer körperlichen Bewegung das Gehirn besser durchblutet ist, die Nerven aktiviert und im Netzwerk dicht verbunden sind. „Wenn die Bewegung wieder reduziert wird, herrschen also nahezu ideale Voraussetzungen für intellektuelle Tätigkeiten“, sagt Schwarz: „Das Bewegungsecho ist lernfördernd.“ Die Evaluierungsergebnisse aus dem Schul-Pilotprojekt bestätigen das, sie weisen eine um acht Prozent verbesserte Aufmerksamkeitsfähigkeit nach. „Das Bewegungsprogramm ist keine verlorene Unterrichtszeit, sondern ein großer Energiegewinn“, resümiert Schwarz.

Ein weiter Weg

Argumente, die eigentlich ausreichen sollten, um mehr Bewegung in Österreichs Schulbetrieb zu bringen. Allerdings glauben nicht einmal die Initiatoren der Unterschriftenaktion selbst an eine realistische Chance auf Umsetzung ihrer Forderung. Viele würden schon eine Trendumkehr bei der Reduktion von Turnstunden, Ski- oder Sportwochen etc. als wichtigen Etappensieg verbuchen.

Auch die zuständige Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied dämpft diesbezügliche Hoffnungen und sieht eine Realisierungschance nur im Zusammenhang mit der Einführung der Ganztagsschule. Gelernte Österreicher wissen, wie langwierig politische Entscheidungsfindungsprozesse gerade im Bildungsbereich ablaufen. Ein Erfolg ist da schon, sie überhaupt einmal in Gang zu bringen. In diesem Sinn wird die tägliche Turnstunde wohl noch länger Zukunftsmusik bleiben und die Forderung danach eher als Synonym für eine Willensbekundung stehen denn als konkrete Zielsetzung. Aber bekanntlich enthalten Sprichwörter oft ein Körnchen Wahrheit. Vielleicht auch dieses: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.“

V. Weilguni, Ärzte Woche 46/2012

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