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Verpflichtung zu strukturierten Programmen und Richtlinien? Die Wiener Ärztekammer ist dagegen.
 
Gesundheitspolitik 8. November 2012

Kritik an verpflichtenden Disease-Management-Programmen

Wiener Ärztekammer zu Gesundheitsreform.

Ein absolutes No-Go für die Ärztekammer ist der Eingriff in die ärztliche Therapiefreiheit durch die vorgesehenen verpflichtenden staatlichen Behandlungsrichtlinien. Weiters fehle ein nach regionalen Voraussetzungen ausgerichtetes Spitalskonzept. Im niedergelassenen Bereich wiederum würden österreichweit 1.000 Kassenplanstellen fehlen.

"Das Gesundheitsreformpaket thematisiert nicht die eigentlichen Probleme", ist Hermann Leitner, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien, überzeugt. "Die Etablierung von Schwerpunktkrankenhäusern, Versorgungskrankenhäusern mit hohem Pflegeanteil, die Reduktion von Akutbetten zugunsten von Rehabilitations- und Pflegebetten sowie Spezialkrankenhäuser, die sich auf bestimmte Fächer und Leistungen konzentrieren: So könnten hohe Kosten vermieden und gleichzeitig eine Qualitätssteigerung erreicht werden", zählt Leitner die Vorschläge der Ärztekammer auf.

Zudem vermisst der Vizepräsident eine konkrete - und nicht nur vage formulierte - Vernetzungsstrategie für den extra- und intramuralen Bereich zur Abdeckung von Versorgungslücken in ländlichen Regionen, aber auch zur Entlastung der Systeme in Metropolen wie Wien.

Ein diskutierter Entfall der Ausbildungskompetenz der Ärztekammer für die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses zeuge, so Leitner weiter, nicht von einer "wirklich durchdachten Strategie zur Sicherung des Ausbildungs- und Nachwuchsbedarfs". Gerade aber in diesem Bereich müsse angesichts der drastischen Entwicklung und der Tatsache, dass es in den nächsten Jahren zu Pensionsschüben komme und ein Ärztemangel in Österreich drohe, "schon bald ein realistischer Weg gefunden werden".

Mit Ärzten reden

"Ein Gesundheitsminister, der nicht mit den Ärztinnen und Ärzten reden will, ist indiskutabel und nicht mehr tragbar", kommentiert wiederum Johannes Steinhart, Vizepräsident und Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte, seine Sicht der Dinge zur geplanten Gesundheitsreform.

In der Abschaffung eines einheitlichen Gesamtvertrags für Kassenärzte und die Schaffung von Teilkündigungsmöglichkeiten sieht Steinhart jedenfalls den Versuch, die Ärzteschaft zu splitten und damit zu schwächen. "Mit der Ärztekammer wird es so etwas aber nicht geben!"

Die "Angriffe" auf die Ärzteschaft seien mannigfaltig. So sei auch der Wegfall des Kündigungsschutzes, der erst 2011 aufgeweicht wurde, als Angriff zu werten. Und schon jetzt werde in Wien die Versorgung im kassenärztlichen Bereich "schleichend heruntergefahren, bei gleichzeitiger Schließung von Krankenanstalten", kritisiert Steinhart. Gerüchteweise soll sogar der Wahlarztkostenrückersatz gestrichen werden, was "ein direkter Angriff gegen die Patienten und die freie Arztwahl" wäre.

Außerdem könnte es in Zukunft durch den Ersatz freiberuflich tätiger Ärztinnen und Ärzte durch Kassenambulatorien oder privatwirtschaftliche Ambulatorien mit angestellten Ärztinnen und Ärzten aller Fachrichtungen zu keiner wohnortnahen Versorgung mehr kommen. Steinhart: "Statt der allseits proklamierten Förderung des Mittelstands, der Leistung und der Eigeninitiative will man im Gesundheitswesen zentralistische Modelle. Da decken sich politische Aussagen mit politischen Handlungen nicht mehr."

1000 zusätzliche Kassenplanstellen gefordert

"Wir fordern den Ausbau der Kassenarztstellen, und zwar 1000 Stellen österreichweit", stellt der Obmann der Kurie niedergelassenen Ärzte eine konkrete Forderung an die Verantwortlichen. "Der derzeitige Stand bewegt sich auf dem Niveau aus den 1980er-Jahren." Trotz Spitalsschließungen sei die Tendenz sogar sinkend. Die Folgen seien katastrophal: Überlange Wartezeiten in den Spitalsambulanzen, Abwanderung der Patienten in den Privatsektor und Schaffung einer Zwei-Klassen-Medizin.

Eine weitere Forderung der Ärztekammer ist der Wegfall der zwingenden pauschalierten Honorierung von fachunterschiedlichen Gruppenpraxen. Steinhart: "Das ist der Grund, warum diese Form von Gruppenpraxen noch nicht existiert. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Derartige Modelle sind unattraktiv, daher wird es auch niemand machen. Wenn es aber solche Vorgaben gibt, darf man sich nicht wundern, wenn man in der Versorgung nicht weiterkommt."

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