zur Navigation zum Inhalt
© Peter Albrektsen / fotolia.com
Die steigende Anzahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher und der Abschied vom Präventionsgedanken werden in Zukunft zur massiven Zunahme von Folgeschäden und damit zu hohen Kosten für das Gesundheitssystem führen, befürchtet die Ärztekammer.
© ÖÄK

Dr. Artur Wechselberger Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 
Gesundheitspolitik 8. November 2012

Eine volkswirtschaftliche Zeitbombe

Die Ärztekammer kritisiert die Kurzsichtigkeit einsparungswütiger Politiker ebenso wie deren fehlendes Bekenntnis zur Prävention und sieht das Gesundheitssystem in Richtung Zweiklassenmedizin abdriften.

„Intelligent ausbauen statt destruktiv einschränken“ sollte das Grundprinzip einer vernünftigen Gesundheitsreform lauten – zumindest, wenn es nach den Vorstellungen des Präsidenten der Ärztekammer geht. Der nun von der Steuerungsgruppe zur Gesundheitsreform vorgelegte Entwurf zur § 15a-Vereinbarung würde sich demgegenüber aber ausschließlich auf die Aufgaben Einsparen, Zentralisieren und Einflusssichern beschränken, kritisiert Dr. Artur Wechselberger die Verhandlungspartner und befürchtet einen bevorstehenden Paradigmenwechsel, an dessen Ende das Prinzip der Chancengleichheit in der medizinischen Versorgung auf der Strecke zu bleiben droht.

§ 15a-Vereinbarungen haben für gewöhnlich die Aufgabe, die Verteilung der Mittel zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung festzulegen. Im aktuellen Fall der Gesundheitsreform sei das Ziel aber ein ganz anderes, vermutet ÖÄK-Präsident Wechselberger: „Diesmal geht es darum, ein direktes Durchgriffsrecht von oben nach unten zu erreichen und das Gesundheitswesen so durchzustrukturieren, dass gewisse Gruppen immer das Sagen haben und ihnen niemand mehr dreinreden kann.“ Unter gewissen Gruppen versteht Wechselberger die „selbst ernannten Leistungserbringer“, also Bund, Länder und Sozialversicherung.

In Wahrheit gehe es der Politik gar nicht um eine Gesundheits-, sondern vielmehr um eine Finanzreform, also um das Erreichen eines vorab festgelegten Sparziels in Höhe von 3,4 Milliarden Euro bis 2016 oder – hochgerechnet – von rund elf Milliarden bis 2020. Gleichzeitig wird aber immer wieder betont, dass es dadurch zu keinen Leistungseinschränkungen kommen dürfe. „Wie soll das gehen?“, fragt sich Wechselberger vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, der Zunahme neuer und chronischer Krankheiten sowie innovativer Entwicklungen in der Medizin selbst, die zwar äußerst vielversprechend, gleichzeitig aber auch äußerst teuer sind.

Abschied von der Prävention

Die Bundesregierung habe sich in ihren ebenso kurzfristigen wie kurzsichtigen Sparbemühungen vom Präventionsgedanken völlig verabschiedet, bedauert Wechselberger. Dabei würden vor allem in der primären und sekundären Prävention die größten Einsparungspotenziale liegen, die ohne Qualitätsverlust zu heben wären: „Wir sitzen heute auf einer volkswirtschaftlichen Zeitbombe, deren Explosion ungeahnte finanzielle Folgekosten nach sich ziehen wird, prognostiziert Wechselberger und meint damit vor allem die steigende Anzahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher, die zu einer massiven Zunahme von Folgeschäden wie Diabetes oder chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates führen und so das Gesundheitssystem enorm belasten wird.

Point of Best Service

Ein von allen Seiten immer wieder lauthals proklamiertes Ziel der Reformverhandlungen betrifft den Abbau existierender Parallelstrukturen. Gemeint sind damit in erster Linie Überschneidungen zwischen dem niedergelassenen und dem Spitalsbereich. Die Zielrichtung ist dabei allerdings umstritten. Während die Reformverhandler laut Ansicht der Ärztekammer die bestehenden Strukturen weitgehend erhalten wollen, weil sie ja „in vielen Fällen selbst Leistungsanbieter in der stationären Versorgung sind und kaum Interesse daran haben werden, die eigenen Strukturen zurückzufahren“, wünscht sich die Ärztevertretung eine Umschichtung von Versorgungsleistungen aus der Spitalsambulanz in die Arztpraxis und eine damit einhergehende „Stärkung des niedergelassenen Bereichs“. Dazu müsste aber zuerst einmal zusätzliches Geld in die Hand genommen werden, um das extramurale Serviceangebot zu verbessern und auszubauen. So wären nach kammerinternen Berechnungen allein 1.300 neue Kassenverträge – zusätzlich zu den rund 8.000 bestehenden – notwendig, um eine flächendeckende medizinische Versorgung der Bevölkerung nachhaltig sicherzustellen.

Aber steht diese Forderung nicht im Widerspruch zum von der Kammer immer wieder prognostizierten, drohenden Ärztemangel? Nein, sagt Wechselberger, räumt aber ein, dass „die Nachwuchsproblematik gerade im extramuralen Bereich tatsächlich ein akutes Thema“ sei. Einen adäquaten Lösungsansatz sieht er im Hausärztemodell der Ärztekammer, das jedoch nur auf Basis von drei wesentlichen Voraussetzungen funktionieren könnte: eine eigene Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner, die Etablierung von verpflichtenden Lehrpraxen – Wechselberger: „Österreich ist heute das einzige Land weit und breit, wo man als Allgemeinmediziner selbstständig praktizieren kann, ohne zuvor einen einzigen Tag in einer Praxis gewesen zu sein“ – und entsprechende „Motivatoren“. Darunter würde nicht nur der finanzielle Aspekt fallen, auch zum Beispiel familienfreundliche, weil flexible Arbeitszeitmodelle oder neue Formen der Arbeitsteilung und Vernetzung, von losen Kooperationsformen bis hin zu fixen Anstellungen.

Wechselberger wünscht sich zumindest ein „klares Bekenntnis der Politik“, wo in der medizinischen Versorgung der „Point of Best Service“ sein soll. Könnte man sich dabei auf den niedergelassenen Bereich mit seinen Attributen „wohnortnah, individuell und persönlich“ einigen, dann braucht es zukünftig nicht nur zusätzliche Kassenverträge, sondern auch Anpassungen von bereits bestehenden Verträgen an veränderte medizinische Anforderungen und Patientenbedürfnisse. Die meisten Verträge basieren auf einer 20-Stunden-Vereinbarung, laut der darüber hinausgehende Leistungen deutlich geringer abgegolten werden. Trotzdem würde ein Großteil der Kollegen diese Zusatzleistungen schon heute erbringen, sagt Wechselberger. Er vermutet, dass diese zukünftig etwa in Form von längeren Öffnungszeiten oder Wochenenddiensten noch weiter zunehmen würden, wenn es gelingen soll, Patienten aus dem ambulanten Bereich abzuwerben. „Dazu muss man den niedergelassenen Bereich wettbewerbsfähig machen“, fordert Wechselberger von den Kassen mehr Flexibilität und Kreativität.

Zweiklassenmedizin

Dem Präsidenten ist aber durchaus bewusst, dass seine Forderung mehr Hoffnung als realistische Erwartung ausdrückt. Viel größer sei momentan die Gefahr eines grundsätzlichen Paradigmenwechsels im Gesundheitssystem: von der Versorgung für alle hin zur Zweiklassenmedizin.

Drei Viertel aller Kosten im Gesundheitssystem entfallen heute auf das öffentliche System, ein Viertel auf private Zahlungen. „Die geplanten Sparmaßnahmen werden zu 100 Prozent den öffentlichen Bereich betreffen, womit dieser regelrecht ausgehungert werde“, formuliert es Wechselberger ungewohnt drastisch. Den Patienten bliebe dann nur noch die Alternative, nicht mehr abgedeckte Leistungen im privaten Bereich zuzukaufen – zumindest „jenen Patienten, die sich das auch leisten können. Aber damit sind wir bereits am Weg zur Zweiklassenmedizin.“ Ein Weg, der laut Wechselberger im völligen Widerspruch zur Regierungserklärung von 2008 stehen würde, wonach die Bundesregierung alles dafür zu tun verspricht, um eine Zweiklassenmedizin in Österreich zu verhindern. Aber Papier sei eben geduldig, vor allem dann, wenn darauf politische Absichtserklärungen gedruckt sind.

V. Weilguni, Ärzte Woche 45/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben