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Dr. P. Klaus Connert Arzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Psychotherapie; Referent für Komplementärmedizin in der Österreichischen Ärztekammer
© Goldenesbrett
 
Gesundheitspolitik 29. Oktober 2012

Wir haben nichts mit esoterischem Irrglauben zu tun

Dr. P. Klaus Connert, Referent für Komplementärmedizin in der Österreichischen Ärztekammer, kommentiert die Nominierung für das „Goldene Brett vorm Kopf 2012“.

Die Ärztekammer wurde von der „Gesellschaft für kritisches Denken“ für das „Goldene Brett vorm Kopf 2012“ nominiert. Dieser Negativpreis für den Bereich der Pseudo- bzw. Parawissenschaften wird einmal im Jahr an Personen oder Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum vergeben, die nach Ansicht der Verleiher „durch unwissenschaftliches Vorgehen auf besonders kuriose, täuschende oder gar gefährdende Art auf sich aufmerksam gemacht haben.“

Die Ärzte Woche sprach mit dem Referenten für Komplementärmedizin in der Österreichischen Ärztekammer über deren Nominierung für den zweifelhaften Preis, der schließlich an Prof. Harald Walach ging (siehe Info unten).

Herr Dr. Connert, kennen Sie den Award und wie sehr ärgert Sie die Nominierung?

Connert: Die Bewegung der Skeptiker kenne ich natürlich. Sie definieren für sich den Begriff Wissenschaft und setzen diesen dann absolut. Mir ist ein Rätsel, wie jemand so viel Hybris aufbringen kann, um zu sagen: Meine Sicht der Wissenschaft ist die einzig wahre – und alles andere wird verteufelt. Die moderne Wissenschaft ist ein weites Feld, mit vielen möglichen Zugängen. Das alleinige Wahrheitsmonopol gibt es nicht. Höflich ausgedrückt ist also das, was die Skeptiker mit dem Award tun, zumindest anmaßend oder auch kabarettistisch schlicht. Die weniger höfliche Version erspare ich mir.

Ist Skepsis nicht eine notwendige Voraussetzung für wissenschaftliche Arbeit?

Connert: Skepsis ist sehr wohl eine gesunde Einstellung. Ich bin ja selbst skeptisch im Sinn von selbstkritisch. Das ist eine durchaus solide Grundhaltung. Wenn ich daraus aber ein Dogma mache, dann ist das problematisch – und genau das tun die Skeptiker. Sich selbst gegenüber sind sie aber weniger skeptisch.

Die Nominierung wird wie folgt begründet: „Die Ärztekammer hat sich durch herausragende Leistungen im Bereich der Unterminierung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch esoterischen Irrglauben qualifiziert“. Was sagen Sie dazu?

Connert: Wenn ich einer Organisation Irrglaube unterstelle, setzt das voraus, dass es einen wahren Glauben geben muss. Wir kennen das aus der Inquisition. Die Skeptiker behaupten: Nur wir haben den wahren Glauben. Alles, was dem nicht entspricht, verunglimpfen sie als Irrglaube. Mein Ansatz von Wissenschaft ist hingegen ein phänomenologischer: Ich beobachte ein Phänomen, und wenn ich dieses mit den herkömmlichen und bekannten Erkenntnissen nicht erklären kann, dann suche ich nach neuen Modellen, nach neuen Lösungen.

Beruht gute Medizin ausschließlich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen?

Connert: Würden wir Mediziner uns allein auf die wissenschaftliche Ebene zurückziehen, dann könnten wir zwar herausragende Medizinwissenschaftler sein, aber sicher keine guten Ärzte. Medizin ist viel mehr als wissenschaftliche Medizin. Allein die klassische Schulmedizin ist im strengen Sinn zu 50 Prozent nicht wissenschaftlich, weil der Hälfte aller medizinischen Tätigkeiten keine exakten Studien zugrunde liegen. Ein konkretes Beispiel, das mir in diesem Zusammenhang einfällt, ist etwa die Frage der Dosierung vieler Medikamente in der Kinderheilkunde: Dafür gibt es in vielen Fällen keine exakten Studien, trotzdem arbeitet der überwiegende Teil der Ärzte sehr seriös und verantwortungsbewusst mit diesen Substanzen.

Wie sehen Sie die Abgrenzung zwischen Schul- und Komplementärmedizin?

Connert: Eine Abgrenzung gibt es nicht, es handelt sich um eine Ergänzung - das sagt schon der Begriff. Ich bin seit über 20 Jahren Referent für Komplementärmedizin in der Ärztekammer. Als ich die Funktion übernahm, war meine erste Handlung, das Referat umzutaufen von „Referat für Alternativmedizin“ auf „Referat für Komplementärmedizin“. Komplementär bedeutet ergänzend – das heißt konkret, jeder, der das Diplom erwirbt, ist ausgebildeter Schulmediziner und erweitert durch die zusätzliche Ausbildung seine Kompetenz. Wir sprechen auch ganz bewusst von ärztlicher Komplementärmedizin, um uns von anderen Berufsbildern abzugrenzen, von Energetikern zum Beispiel – ohne damit qualitativ werten zu wollen.

Wie definieren sie also Ihr Selbstverständnis als Komplementärmediziner?

Connert: Ich bin Arzt und habe den Auftrag, Menschen möglichst gut und schadensfrei zu versorgen. Wenn ich das mit klassischen, schulmedizinischen Mitteln kann, dann tue ich das, dann ist das sinnvoll. Wenn es aber nicht funktioniert, ist es meine Pflicht, nach anderen Möglichkeiten zu suchen, wie ich helfen kann.

Konkret kritisieren die Skeptiker, dass für „teils haarsträubende Therapiemethoden wie Homöopathie, Anthroposophische Medizin oder Chinesische Diagnostik“ Ausbildungsdiplome verliehen würden, obwohl diese Therapien entweder „ keinen Wirksamkeitsnachweis aufweisen“ oder überhaupt „wissenschaftlich widerlegt“ seien und rücken die Methoden in den Bereich der Esoterik.

Connert: Homöopathie hat aber nichts mit Esoterik zu tun, es gibt sie auch schon viel länger. Es mag einzelne Ärzte geben, die Homöopathie mit Glauben verknüpfen, dazu zähle ich jedenfalls nicht. Für mich haben religiöse Überzeugungen oder persönliche Einstellungen in der Medizin nichts verloren. Für mich gilt nur, was ich sehe. Ich glaube nicht an Homöopathie, ich sehe, dass sie wirkt und daher erlaube ich mir, damit zu arbeiten. Ich bin seit 30 Jahren Landarzt und habe viele Patienten erfolgreich homöopathisch behandelt.

Und wie beurteilen Sie die Wirksamkeit der Chinesischen Diagnostik?

Connert: TCM ist eine seit Jahrtausenden praktizierte Erfahrungsmedizin, auch sie hat absolut nichts mit Esoterik zu tun. Der Name für das Diplom „Chinesische Diagnostik und Arzneitherapie“ ist entstanden, weil wir damit die Breite der Traditionellen Chinesischen Medizin abdecken wollten. In Europa hat sich ja zuerst nur die Akupunktur behauptet. TCM umfasst aber auch noch andere Bereiche wie diagnostische Arzneitherapie, chinesische Ernährungslehre, Energielehre und Tuina.

Stichwort Erfahrungsmedizin: Wie wichtig ist die Erfahrung und Tradition in der Medizin?

Connert: Die Erfahrungs- und auch Naturmedizin hatten immer schon einen beträchtlichen Anteil an der Medizin. Viele Medikamente, die heute in der modernen Schulmedizin etabliert sind und chemisch hergestellt werden, beruhen auf Wirkstoffen, die ursprünglich der Natur entnommen wurde – ACE-Hemmer etwa, die aus Schlangengiften hergestellt wurden, oder Aspirin, dessen Wirkstoffe auf die Rinde der Weide zurückgehen und von der Volksmedizin entdeckt wurden. Die Medizin ist also weit mehr als eine reine wissenschaftliche Medizin.

Die Ärztekammer hat das „Goldene Brett vorm Kopf“ nicht erhalten. Nehmen wir an, es wäre anders gelaufen: Was hätten Sie der Jury dann gesagt?

Connert: Ich hätte wohl gesagt: Ich möchte mich herzlich für die feindliche Aufmerksamkeit bedanken und auch für die kabarettistische Note der Auszeichnung, die für mich aber einen tragischen Hintergrund hat, weil damit Menschen schlecht gemacht werden. Ich nehme den Preis nicht an, weil er völlig am Thema vorbeigeht und von Menschen vergeben wird, die in der Sache völlig unkundig sind. Ich würde mir ja auch niemals anmaßen, eine Diskussion über die Quantenphysik zu führen und Physiker zu bewerten.

Das Gespräch führte V. Weilguni

Das Goldene Brett

Die Gesellschaft für kritisches Denken, vernetzt in der internationalen Skeptikerbewegung, vergab am 19. Oktober im Wiener Naturhistorischen Museum das „Goldene Brett vorm Kopf 2012“ für den „größten pseudowissenschaftlichen Unfug des Jahres“. Aus mehr als 200 Vorschlägen nominierte eine Jury - der so namhafte Wissenschaftler wie die Physiker Werner Gruber und Heinz Oberhummer („Science Busters“) oder der Biomediziner Michael Horak angehören - drei Finalisten: Die Österreichische Ärztekammer, Dieter Broers und Prof. Harald Walach, der die zweifelhafte Auszeichnung schließlich auch für sein „Faible, Vorgänge erklären zu wollen, die gar nicht beobachtet wurden“ zugesprochen bekam. Das Goldene Brett vorm Kopf für das Lebenswerk ging an den Schweizer Sachbuchautor Erich von Däniken.

www.goldenesbrett.at

V. Weilguni, Ärzte Woche 44/2012

  • Herr Hans-Peter Hutter, 06.11.2012 um 20:21:

    „Sehr geehrte Redaktion,

    Die von Dr. Connert angesprochen „Hybris“ der Skeptiker und Verleiher des „Goldenen Bretts“ ist uns auch schon mehrfach unangenehm aufgefallen. Etwa wenn der Skeptiker und Science Buster Prof. Oberhummer auf dem Gebiet der elektromagnetischen Felder dilettiert und behauptet (www.sciencebusters.at): „Es existiert sowohl für Hochspannungsleitungen und Handymasten bis heute kein wissenschaftlicher Nachweis, dass diese ein Gesundheitsrisiko darstellen. Und es gibt Zehntausende solcher wissenschaftlicher Untersuchungen.“ In Wirklichkeit sind es z.B. zu Handymasten bisher 33 wissenschaftliche Artikel, die Auswirkungen auf den Menschen behandeln („Untersuchungen“ sind es noch weniger, weil einige Studien in mehreren Artikeln veröffentlicht wurden) und 9 zu Untersuchungen an Versuchstieren oder Zellen. Dieses Märchen von den Zehntausenden geht auf einen findigen Telekom-Manager aus Australien zurück, der das in einem Interview in den 1990er Jahren behauptet hat. Seither beten es alle Freunde des Mobilfunks nach. Auch zu Hochspannungsleitungen, die ja schon viel länger untersucht werden, gibt es nicht zehntausende, sondern nur etwa 700. Es muss auch erwähnt werden, dass sowohl niederfrequente Magnetfelder (z.B. Hochspannungsleitungen) als auch Hochfrequenzfelder (wie sie z.B. von Basisstationen emittiert werden) von der WHO (IARC 2002, 2011) als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft wurden.
    Da passt es auch gut ins Bild, dass die Verleihung des „Goldenen Bretts“ von der Mobilfunklobby (Forum Mobilkommunikation) gesponsert wurde (siehe www.goldenesbrett.at). Und was die "namhaften Wissenschaftler" der Jury (siehe Kasten oben) anbelangt: Weder vom Physikdidaktiker Werner Gruber noch vom Biomediziner Michael Horak konnten wir in medizinischen Datenbanken auch nur eine einzige (!) Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift finden.
    Was immer die Intention der Verleiher des „Goldenen Bretts“ ist und war, was sie tun widerspricht fundamental den Prinzipien der Wissenschaft. Die Wissenschaft muss auch absurd scheinende Ideen verfolgen dürfen, jede Zensur und besonders die selbsternannter Richter ist scharf zu verurteilen. Vielleicht wird dann das nächste Mal Prof.Anton Zeilinger mit dem „Goldenen Brett“ geehrt, denn was gibt es Absurderes als Teleportation, oder gleich die gesamte Quantenmechanik, denn die „Verschränkung“ ist ja wohl nur einem kleinen Kreis zugänglich und entspricht somit der Definition der Esoterik.

    Mit freundlichen Grüßen

    OA Assoz. Prof PD DI Dr. Hans-Peter Hutter
    Ao.Univ.-Prof. Dr. Michael Kundi
    Dr. Peter Wallner

    Institut für Umwelthygiene, Medizinische Universität Wien


    Literatur:
    WHO IARC (International Agency for Research on Cancer) (2002): IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans. Volume 80. Non-Ionizing Radiation, Part I: Static and Extremely Low-Frequency (ELF) Electric and Magnetic Fields. Lyon, ISBN 92 832 1280 0.
    WHO IARC (2011): IARC classified radiofrequency electromagnetic fields as possibly carcinogenic to human. Press release N° 208. http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2011/pdfs/pr208_E.pdf“

  • Herr Peter Erdinger, 27.11.2012 um 16:07:

    „"Viele Medikamente, die heute in der modernen Schulmedizin etabliert sind und chemisch hergestellt werden, beruhen auf Wirkstoffen, die ursprünglich der Natur entnommen wurde (......) Die Medizin ist also weit mehr als eine reine wissenschaftliche Medizin."

    Nichts demonstriert ein totales Unverstaendnis der wissenschaftlichen Methode besser als diese sinnfreie Aussage. Da war die Nominierung doch gerechtfertigt...“

  • Herr Jörg Wipplinger, 27.11.2012 um 18:22:

    „Warum die Abgrenzung zur Esoterik nicht funktioniert:
    http://www.diewahrheit.at/video/grenzenlose-scharlatane“

  • Herr rka 001, 28.11.2012 um 07:42:

    „Ein weiteres prominent illustriertes Beispiel dafür, daß das Medizinstudium DRINGEND umgestaltet werden muss. Der Mann hat offensichtlich keine Ahnung, was Wissenschaft ist und wie sie funktioniert.
    Mir hats gegraust beim Lesen.“

  • Frau Siebert Kathrin, 28.11.2012 um 22:14:

    „Homöopathie soll es länger als Esoterik geben?
    Der Glaube an Geister und Magie an Hexen und Kräuterweiblein, Schamanen und Medizinmänner ist doch wohl ein paar Tage älter als die 200 Jahre, die HP auf dem Buckel hat.
    Und da ist es ja ncht wie bei Wein oder Antiquitäten, Abgerglaube wird nicht besser wenn er älter ist-“

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