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Akute viszerale Schmerzen können sehr unangenehm und mitunter lebensbedrohlich sein, doch auch chronische viszerale Schmerzen sorgen für eine hohe Krankheitslast.
 
Gesundheitspolitik 2. November 2012

Jahr gegen den Schmerz

Viszerale Schmerzen – mehr Bewusstsein für ein unterschätztes Problem europaweit schaffen.

In den 27 EU-Staaten gibt es rund 100 Millionen von chronischen Schmerzen betroffene Menschen, mehr als Herz-, Diabetes- und Krebspatienten. Im ersten „Europäischen Jahr gegen den Schmerz“ von Oktober 2012 bis Oktober 2013 legt der Europäische Dachverband der Schmerzgesellschaften EFIC den thematischen Schwerpunkt auf einen Schmerz, der in seiner Chronifizierung deutlich unterschätzt wird, der viszerale Schmerz.

„Chronische Schmerzen haben in Europa eine häufig unterschätzte Dimension. Jeder Fünfte leidet an Schmerzen, die schon drei Monate oder länger regelmäßig auftreten, jeder Elfte sogar täglich. Etwa 19 Prozent der von chronischen Schmerzen Betroffenen verlieren ihren Arbeitsplatz, rund 500 Millionen Arbeitstage gehen in der EU jährlich verloren, das bedeutet einen wirtschaftlichen Verlust von 34 Milliarden Euro im Jahr“, erläuterte Prof. DDr. Hans Georg Kress, Präsident der EFIC und Leiter der klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der Medizinischen Universität Wien bei einem Pressegespräch der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) am 16. Oktober in Wien.

Um für dieses häufig unterschätze Gesundheitsproblem mehr Bewusstsein zu schaffen, organisiert der Dachverband EFIC, der Schmerzspezialisten aus 36 Ländern vertritt, jährlich im Oktober die Europäische Schmerzwoche. „Die ÖSG gehört mit ihren bereits zum 12. Mal durchgeführten Schmerzwochen zu den traditionell besonders aktiven Fachgesellschaften in Europa bezüglich nationaler Umsetzung der Kampagne“, so Kress. Auf europäischer Ebene geht EFIC jetzt einen Schritt weiter: Mit dem ab Mitte Oktober laufenden „Europäischen Jahr gegen den Schmerz“ (European Year against Pain, EYAP) werden die Informationsaktivitäten ausgeweitet. Im Rahmen des EYAP soll nach den Plänen der EFIC künftig jeweils von Oktober bis Oktober ein anderes wichtiges Syndrom oder Thema des chronischen Schmerzes ins Rampenlicht gerückt werden.

Nur zwei Prozent beim Schmerzspezialisten

„Entscheidend ist das richtige Management, das jedoch häufig verabsäumt wird“, kritisierte Kress. Nur zwei Prozent der Betroffenen wurden einer großen Erhebung zufolge von einem Schmerzspezialisten behandelt, ein Drittel gar nicht. Die wichtigste Ursache für dieses Defizit sieht Kress in dem Umstand, dass Schmerz weiterhin bloß als Symptom einer Grunderkrankung gesehen wird. „Was wir brauchen, ist eine neue Sichtweise des chronischen Schmerzes und eine Anerkennung als eigenständiges Krankheitsbild“, so der Experte.

„Stille Epidemie“ viszeraler Schmerz

Viszerale Schmerzen kennt in der Akutform praktisch jeder, seine Chronifizierung wird jedoch unterschätzt. Unter dieser Bezeichnung werden all jene weitverbreiteten Schmerzformen zusammengefasst, die von inneren Organen wie Herz, Gefäßen, Atemwegen, dem Urogenitaltrakt oder dem Verdauungstrakt ausgehen, und die nachweisbare organische, aber auch sogenannte funktionelle Ursachen ohne erkennbare Schädigung des betroffenen Organs haben können. Ein typisches Beispiel ist das verbreitete Reizdarm-Syndrom.

„Akute viszerale Schmerzen können sehr unangenehm und mitunter lebensbedrohlich sein, doch auch chronische viszerale Schmerzen sorgen für eine hohe Krankheitslast. Nach unfallbedingten Verletzungen oder Beschwerden sind akute viszerale Schmerzen der zweithäufigste Grund für Patienten, eine Notaufnahme aufsuchen“, so Kress. „Trotz dieser schon zahlenmäßigen Bedeutung ist diese Gruppe von Schmerzen viel weniger erforscht als jene, die etwa auf Beschädigungen des Gewebes oder von Nerven zurückgehen.“

Dies steht in einem Widerspruch zur Verbreitung viszeraler Schmerzen. Kress wies auf einige Beispiele hin:

  • 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung leiden unter dyspeptischen Beschwerden, wobei davon nur bei jedem Zweiten eine organische Ursache nachgewiesen werden kann.
  • Vom Reizdarm-Syndrom sind zwischen sechs und 25 Prozent der Bevölkerung betroffen, abhängig auch vom Geschlecht: In Deutschland etwa tritt das Syndrom bei etwa 16 Prozent der Frauen, jedoch bei nur acht Prozent der Männer auf.
  • Auch Blasenschmerzen betreffen Frauen häufiger als Männer, Erhebungen gehen von 900 Betroffenen pro 100.000 Frauen aus.
  • Regelschmerzen betreffen jede zweite Frau mit Regelblutung, bei zehn Prozent von ihnen fallen die Bauchschmerzen so stark aus, dass sie deshalb jeden Monat in den Krankenstand gehen müssen.
  • Insgesamt sind Frauen dreimal häufiger von viszeralen Schmerzen betroffen als Männer.

„Für chronischen viszeralen Schmerz gibt es, im Gegensatz zu den akuten Formen, in vielen Fällen keine adäquate Behandlung“, betonte Kress. „Auch deshalb ist dieses Leiden oft mit einer tief gehenden Stressbelastung verbunden, die ihrerseits häufig unzureichend berücksichtigt wird.“

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