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Gesundheitspolitik 27. Oktober 2012

Hinterherläufer statt Vorreiter

Derzeit leben in Österreich etwa 130.000 Menschen mit Demenz. Dem weltweiten Trend folgend wird sich die Zahl in den kommenden zwanzig Jahren verdoppeln. Adäquate Strategien im Umgang mit der Krankheit fehlen bislang weitgehend.

Weltweit wird eine stetige Zunahme der Inzidenz von Demenzerkrankungen verzeichnet. 35 Millionen Menschen sind davon aktuell betroffen, zehn Millionen in Europa. Die Alzheimer-Demenz umfasst mehr als die Hälfte aller Demenzformen und stellt damit die häufigste aller Hirnfunktionsstörungen im Alter von 65 plus dar.

Die Bevölkerung Österreichs wird bis zum Jahr 2050 auf 9,5 Millionen steigen und gleichzeitig massiv altern: Die über 75-Jährigen werden bis dahin auf 1,58 Millionen zunehmen, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird sich mehr als verdoppeln. Damit einher geht auch ein Ansteigen von mit dem höheren Lebensalter verbundenen Erkrankungen, vor allem von Demenz.

Die Prognosen sind besorgniserregend: Die Zahl der Erkrankten wird sich bis 2050 von derzeit rund 130.000 mehr als verdoppeln. Die Entwicklung stellt das private Umfeld der Betroffenen, das Gesundheitssystem insgesamt, den Pflegebereich im Speziellen und auch die medizinische Forschung vor zunehmend große Herausforderungen.

Erste Symptome oft unerkannt

Wesentlich für den Krankheitsverlauf ist der Zeitpunkt der Diagnose. Der Morbus Alzheimer als häufigste Form der Demenz-Erkrankung etwa ist durch seinen Verlauf in Krankheitsstadien gekennzeichnet. Nachdem die Erstsymptome aber oft nicht erkannt beziehungsweise verkannt werden, können viele Patienten erst zeitverzögert einer adäquaten Therapie zugeführt werden. Dabei ist die Früherkennung essenziell, um so durch angemessene, auch nicht-medikamentöse Therapien wie Modifikation von Lebensstil- und Risikofaktoren oder gezielte Gedächtnisübungen, die geistige Leistungsfähigkeit so lange wie möglich zu bewahren.

Pariser Deklaration

Das Thema Früherkennung ist ein zentraler Punkt der sogenannten Pariser Deklaration der Vereinigung „Alzheimer Europe“, deren Ziel es ist, die „Awareness für Morbus Alzheimer europaweit auf allen Ebenen zu sensibilisieren, sich bei den zuständigen Vertretern in der Gesundheitspolitik Gehör zu verschaffen und an sie bezüglich der Relevanz der Finanzierung von strukturierten Betreuungsstrategien für Alzheimer-Patienten zu appellieren“, sagt Geschäftsführer Jean Georges.

Die Pariser Erklärung fordert die Europäische Kommission, das europäische Parlament sowie die nationalen Politiker auf, der Krankheit „höhere Priorität“ zu geben und dafür höhere Forschungsmittel zur Verfügung zu stellen. Außerdem sieht sie die Erarbeitung „Nationaler Demenzpläne“ vor. Erste Teilerfolge konnten bereits erzielt werden, neben dem Aufbau einer „Europäischen Alzheimer Allianz“ auf EU-Parlamentsebene existiert seit 2010 auch eine gemeinsame europäische Forschungsplanung. In beide Initiativen ist Österreich eingebunden.

Auf politischer Ebene allerdings hält sich Österreich vornehm zurück. Weder beteiligt sich das Gesundheitsministerium – im Gegensatz zu 19 anderen Gesundheitsministerien – an der Europäischen Initiative ALCOVE, die sich um einen Erfahrungs- und Wissensaustausch zwischen den Staaten bemüht, noch wurde bisher ein nationaler Demenzplan erarbeitet. Es wurde noch nicht einmal damit begonnen, wie Georges kritisch anmerkt. Andere Länder haben solche Pläne längst fertig – etwa Frankreich, Großbritannien, die skandinavischen und die Beneluxländer – oder arbeiten intensiv daran, wie Spanien und Portugal, Griechenland oder auch die Schweiz.

Österreich: zu wenig Initiative

Laut Georges haben die nationalen Pläne eine sehr ähnliche Struktur und definieren Aktivitäten zu den zentralen Punkten frühe Diagnose, umfangreiche Forschung, spezielle Fortbildung und Unterstützung der pflegenden Angehörigen. „Der Unterschied ist“, sagt Georges, „dass manche Länder viel Geld dafür in die Hand nehmen und engagierte Politiker dahinter stehen, die das Programm zusammenhalten. Vorbilder sind Frankreich und Großbritannien.“ Zu den Ländern ohne Initiative zählen neben Österreich, auch Deutschland und Polen.

„Wir sind in Österreich ein bisschen im Hintertreffen. Meist laufen wir hinterher, im besten Fall laufen wir mit. Aber nirgendwo sind wir Vorreiter“, beschreibt Antonia Croy, Präsidentin der Selbsthilfegruppe Alzheimer Austria, die zaghaften heimischen Demenzaktivitäten auf politischer Ebene. Zwar gebe es durchaus vielversprechende Initiativen und „wir wüssten auch, wie es geht“, es fehle aber an den Strukturen dahinter, diagnostiziert Croy. Als Beispiele nennt sie etwa das Projekt demenzfreundliche Gemeinden, die Einrichtung spezieller DemenzServicestellen in Oberösterreich oder vom Sozialministerium geförderte Demenzprojekte im Burgenland und in der Steiermark.

Toller Plan – wenig Geld

Auch das – auf Basis des 1. Österreichischen Demenzberichts 2009 – in Kooperation mit der Sozialversicherung erarbeitete Modell „Integrierte Versorgung Demenz“ sei eine vielversprechende Initiative, erläutert Croy, allerdings wurden die geplanten Pilotprojekte in verschiedenen Bundesländern bis heute nicht gestartet, weil die Finanzierung fehlt: „Es ist ein toller Plan entstanden, aber wir warten seit Jahren auf die Umsetzung.“

Fehlende Kompetenz und Infrastruktur

Demenz ist nicht nur eine der gefürchtetsten Krankheiten unserer Zeit – Georges zitiert aus einer Umfrage von Alzheimer Europe, wonach auf die Frage, vor welcher Krankheit die Menschen am meisten Angst haben, Alzheimer nach Krebs an zweiter Stelle genannt wird, – sie ist auch eine der teuersten. Laut Schätzungen von Alzheimer Europe wurden dafür 2008 allein in der Europäischen Union 160 Milliarden Euro benötigt. Das ergibt 22.000 Euro pro Person und Jahr, oder – hochgerechnet auf Österreich – Kosten von 2,5 Milliarden, wovon aber fast 1,5 Milliarden die Angehörigen leisten. Daher sollte für sie nicht nur lobende Anerkennung, sondern auch konkrete Unterstützung eigentlich selbstverständlich sein.

Croy fordert in diesem Zusammenhang spezielle Hospize und Pflegeheime, die besonders auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz ausgerichtet sind, sowie bessere Ausbildungsprogramme: „Die Ausbildung der auf diesem Gebiet tätigen Berufsgruppen – Ärzte, Therapeuten, Pflege- und Betreuungspersonen –, die Fortbildungsangebote für betreuende und pflegende Angehörige sowie die derzeitigen sozialen Maßnahmen und Betreuungsangebote sollen nach bereits bewährtem internationalem Vorbild gestaltet und verändert werden.“

Zielen näher kommen

Damit würde man vielleicht auch dem Ziel der Pariser Deklaration näherkommen, Demenz möglichst frühzeitig zu diagnostizieren, meint ergänzend Dr. Andreas Winkler, Ärztlicher Direktor und Vorstand der Abteilung für neurologische Rehabilitation der Klinik Pirawarth und Vizepräsident von Alzheimer Austria. Derzeit sei Österreich jedenfalls „noch immer weit hinten nach“, findet Winkler und sieht grade im medizinischen Bereich einen „großen Schulungsbedarf“, nicht zuletzt bei den Hausärzten. Ihnen kommt in der Alzheimer-Diagnose eine wichtige Rolle zu, weil sie oft als erster medizinischer Ansprechpartner den weiteren Diagnose- und Therapieverlauf entscheidend beeinflussen. Inzwischen würden zwar eine Reihe von neuen Diagnoseverfahren und -methoden zur Verfügung stehen, sagt Winkler, diese wären aber unter den Kollegen noch nicht hinreichend bekannt, zum Teil allerdings auch noch nicht entsprechend ausreichend implementiert.

V. Weilguni, Ärzte Woche 43/2012

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