zur Navigation zum Inhalt
© Nadine Bargad/EHFG
Dr. Thomas Czypionka, IHS Wien
 
Gesundheitspolitik 24. Oktober 2012

Windows of Opportunity

Wirtschaftskrisen können durchaus positive Impulse für das Gesundheitssystem liefern – zumindest in hoch entwickelten Ländern.

Wirtschaftskrisen und Rezessionen wirken sich auf Gesundheitssysteme unterschiedlich aus: Während sie in weniger entwickelten Ländern erreichte Fortschritte massiv gefährden, können sie in Industriestaaten ein Motor dafür sein, dass verkrustete Strukturen aufbrechen und Neues entsteht, betonten Experten beim European Health Forum Gastein. Nachhaltige Reformen sind allerdings nur dann möglich, wenn dazu schon Konzepte vorbereitet sind.

„Das Gesundheitswesen stabilisiert die Wirtschaft in Krisenzeiten, sofern es ausreichend Reserven und Effizienzpotenziale besitzt. Umgekehrt bringt der Kostendruck in Zeiten der Rezession mitunter sogar die Chance, Reformen im Gesundheitssektor zu beschleunigen“, sagte Dr. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS), Wien, auf dem European Health Forum Gastein (EHFG). Meist ändert sich in Industriestaaten die Gesundheitsversorgung und Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen durch Krisen nicht sonderlich: Die Nachfrage nach Dienstleistungen des Sektors hängt nicht von der Konjunktur ab, womit der Wirtschaftsfaktor Gesundheit sogar ausgleichend auf die Turbulenzen wirken kann.

Nachfrage und Konjunktur

Die OECD belegte dies 2010 in einem Arbeitspapier: „In Ländern, in denen das BIP fällt, steigt der BIP-Anteil der Gesundheitsausgaben in der Regel“, berichtete der Experte für Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik. Der Kostendruck, den wirtschaftliche Krisen mit sich bringen, kann das Gesundheitssystem sogar positiv verändern, so Czypionka. „In vielen entwickelten Ländern gibt es historisch gewachsene Strukturen, die tiefer gehender Reformen bedürfen, aber durch politische Widerstände verhindert werden. Krisen können – müssen aber nicht – ein Antrieb für diesen Wandel sein. Denn sie lassen Bedarf und Finanzierung kurzfristig so stark auseinanderklaffen, wie das andernfalls erst Jahre später eintreten würde.“

Czypionka sieht Krisen somit als „window of opportunity“, das sich jedoch mit einer Besserung der Wirtschaftslage rasch wieder schließt: „Der Druck wird geringer, zudem kosten dann tiefere Umstellungen verhältnismäßig mehr politisches Kapital.“ Nutzen lässt sich dieses Phänomen freilich nur dann, wenn schon vor der Krise ernsthafte Konzepte für Reformen entwickelt worden sind, die bei Bedarf mehr oder weniger schnell umgesetzt werden können.

Wirtschaftskrise in Europa

Die aktuelle Wirtschaftskrise in Europa beurteilt Czypionka differenziert: „Ihre Wirkungen dürften nachhaltiger sein als die früherer Krisen, da nicht bloß Banken, sondern Staaten und im Fall der EU sogar die ganze Gemeinschaft in den Sog gerissen wurde. Eine genaue Bezifferung dieser Effekte ist jedoch schwer.“ Die Art dieser Effekte ist bisher sehr unterschiedlich, stellt das „Health Evidence Network“ der WHO dazu fest: Teils konnten die Länder auf Reserven zurückgreifen und somit etwa den Zugang zu Dienstleistungen für Menschen des Niedriglohnsektors ausbauen oder ihr System effizienter gestalten. Allerdings gilt die Einschätzung nicht für die globale Situation. „In weniger entwickelten Ländern wirken sich Krisen in der Regel viel ungünstiger als in Industrieländern aus. Wo Gesundheitssysteme erst in der Phase der Entwicklung sind, verbessern ihre Fortschritte die Lebensqualität und Verteilungsgerechtigkeit in der Bevölkerung meist deutlich. Beides verschlechtert sich durch Krisen auf direkte Weise, wobei Erfolge und Errungenschaften der Reformen rückgängig gemacht werden können“, so der Experte. Aktuelle Zahlen dazu liefern Forscher um Christopher J.L. Murray in der Zeitschrift Health Affairs: Die Steigerung der Entwicklungshilfe für Gesundheitsprojekte verläuft seit 2009 stark gebremst, da mit dem Sinken der Beiträge der Geberländer auch die Finanzierungszusagen seitens vieler UN-Einrichtungen oder des Global Fund gegen AIDS, Tuberkulose und Malaria stagnierten. Dass es insgesamt noch ein Wachstum von vier Prozent jährlich gab, geht hauptsächlich auf die Weltbank zurück, die mit einem Förderplus offenbar bewusst auf die globale Wirtschaftskrise reagiert.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben