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Gesundheitspolitik 19. Oktober 2012

Sparprogramme schaden

Experte fordert am European Health Forum Gastein eine Strategie des Wachstums.

Das „Experiment Sparkurs“ als Antwort auf die Finanz- und Wirtschaftskrise sei gescheitert, kritisierten Experten am EHFG. Rezession statt Wachstum und dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung seien die Folgen – doch ideologische Motive seien stärker als die Datenlage. Gefordert wurden gezielte Wachstumsimpulse statt Sparbudgets und ein stärkeres Engagement von Gesundheitspolitikern und Gesundheitsexperten in der Debatte um Maßnahmen gegen die Krise.

b„Die europäischen Politiker sollten lernen, dass die strikte Sparpolitik sowohl der Wirtschaft als auch der Gesundheit schadet“, erklärte Prof. Dr. Martin McKee von der London School of Hygiene and Tropical Medicine beim European Health Forum Gastein (EHFG). „Es gibt eine Alternative zu Sparprogrammen, aber ich fürchte, im Moment triumphiert die Ideologie über die wissenschaftliche Evidenz.“

In vielen europäischen Staaten spiegelt sich der Sparkurs deutlich auch in den Gesundheitsbudgets wider. So zeigt der aktuelle Bericht OECD Health Data 2012 , dass 2010, nach Jahren steigender Gesundheitsausgaben in einer Reihe von europäischen Ländern massive Einschnitte erfolgten: minus 7,6 Prozent in Irland, minus 7,3 Prozent in Estland, minus 6,5 Prozent in Griechenland. Andere Studien zeigen für Lettland eine Reduktion des Gesundheitsbudgets von 2008 bis 2010 um 25 Prozent bzw. für die Tschechische Republik um 30 Prozent. „Die Troika verlangt von Irland sogar, dass die Gesundheitsausgaben weiter reduziert werden. Das ist ein sehr gefährliches Unterfangen“, so McKee. „Die europäischen Institutionen, allen voran die Kommission, haben die Verpflichtung, auch die Auswirkungen solcher Maßnahmen auf die Gesundheit der Menschen zu evaluieren. Diese menschlichen Kosten des Sparens sind bisher nicht ausreichend sichtbar worden.“

Anstieg von Suiziden

Doch inzwischen verdichtet sich die Evidenz, welche unmittelbaren negativen Auswirkungen Krise und Sparprogramme auf den Gesundheitszustand der Menschen und die Gesundheitsversorgung haben. So bestätigt sich die Erfahrung, die mit vorangegangenen Krisen gemacht wurde, zum Beispiel in dramatischer Weise beim Thema Suizide. Die Zahl der Selbsttötungen stieg beispielsweise in Griechenland zwischen 2007 und 2009 um 17 Prozent an, nichtoffizielle Quellen dokumentieren von 2009 auf 2010 einen Anstieg um 25 Prozent. Das griechische Gesundheitsministerium berichtete in der ersten Jahreshälfte des Jahres 2011 von einem Anstieg um 40 Prozent gegenüber derselben Periode des Jahres 2010.

Ein vermutlicher Hintergrund dieser dramatischen Entwicklung ist die Tatsache, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Arbeitslosen- und Suizidrate besteht, wie eine Studie zeigt: Ein Anstieg der Arbeitslosenrate um ein Prozent geht mit einem Anstieg der Selbsttötungen um 0,79 Prozent einher, steigt die Arbeitslosenrate um mehr als drei Prozent an, steigt die Suizidrate sogar um 4,45 Prozent. Ein typisches Beispiel dafür, wie Investitionen statt Einsparungen nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht positive Effekte entwickeln könnten, meinte McKee: „Für je 100 US-Dollar, die pro Person für aktive Arbeitsmarktprogramme ausgegeben werden, reduzierten sich die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Selbstmordrate um 0,38 Prozent. Leider werden aber solche Arbeitsmarkt-Maßnahmen im Zug der Sparmaßnahmen in vielen Ländern eingeschränkt.“

Auch andere Indikatoren zeigen, wie wenig zuträglich die Wirtschaftskrise dem Gesundheitszustand der betroffenen Bevölkerung ist: „In Spanien suchen inzwischen deutlich mehr Menschen wegen psychischer Probleme, vor allem Depressionen, einen Arzt auf als vor der Krise“, berichtete McKee. In Griechenland zeigen eine Reihe von Daten einen verschlechterten Gesundheitszustand der Bevölkerung: So stieg von 2009 auf 2010 die Zahl der Aufnahmen in öffentlichen Krankenhäusern um 24 Prozent an. Die Rate der HIV-Neuinfektionen stieg von 2010 auf 2011 um 52 Prozent, das ist auch Folge des 20-prozentigen Anstiegs bei der Zahl der heroinabhängigen Personen.

Dieser Verschlechterung des Gesundheitszustands in Krisenzeiten stehe aber zugleich in vielen Ländern statt vermehrter Betreuung Betroffener eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung gegenüber, betonte Prof. McKee: „So hat Spanien zum Beispiel per Dekret die Anspruchsberechtigung für öffentliche Gesundheitsleistungen von der Voraussetzung eines Wohnsitzes, auf die Voraussetzung eines Arbeitsverhältnisses umgestellt. Damit riskieren Jugendliche, die noch nie einen Arbeitsplatz hatten – was bei fast jedem zweiten Jugendlichen der Fall ist – und illegale Migranten, dass sie faktisch vom Gesundheitswesen ausgeschlossen werden. Diese Entwicklung ist sehr besorgniserregend.“

In Portugal wurden die Selbstbeteiligungen für den Besuch einer Notfallambulanz, auf 20 Euro verdoppelt. Erste Berichte deuten darauf hin, dass aufgrund dieser Maßnahmen Anfang 2012 die Todesfälle anstiegen. In Italien wurde nicht nur eine weitere Reduktion der Spitalsbetten von 4,5 auf vier pro 1.000 Einwohner beschlossen, es wurde auch eine Kostenbeteiligung für den Besuch von Fachärzten und Notaufnahmen eingeführt.

Dramatische Auswirkungen

Zum Teil dramatische Auswirkungen gibt es auch bei der Versorgung mit lebensnotwendigen Arzneimitteln. So war einer Anfrage im EU-Parlament zufolge in Rumänien 2011 ein dramatischer Rückgang beim Einsatz von Zytostatika zu verzeichnen, rund 10.000 Patienten warten auf eine Second-Line-Chemotherapie. „Sicher waren manche dieser Ausgabenreduktionen im Gesundheitswesen durchaus sinnvoll im Sinne eine Beseitigung von ineffizienten Strukturen. Doch in vielen Fällen, wie bei Kostenbeteiligungen, bei denen nicht zwischen notwendigen und unnötigen medizinischen Leistungen unterschieden wird, gibt es keinerlei Nachweis für einen Nutzen“, betonte Prof. McKee. „Die gesamten Folgen der vielfältigen Einschnitte im Gesundheitssystem sind noch kaum absehbar. Sicher ist, dass sie vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs betreffen werden. Ein Zusammenbruch der Versorgung mit lebensnotwendigen Medikamenten wäre fatal“, so der Experte. „Das Schweigen der Gesundheitspolitik zu den menschlichen Folgen der Sparmaßnahmen ist erschütternd.“

Regulierung und Wachstumsimpulse statt Kranksparen

Das sprichwörtliche „Kranksparen“ ist keineswegs die einzige Antwort auf die Krise, wie aktuelle Beispiele zeigen: „Island steht nach dem klaren Referendum gegen den Sparkurs wirtschaftlich besser da als die meisten Staaten, die sich für einen Sparkurs entschieden haben“, betont McKee „Im Gegensatz zu Europa wählten die USA den Weg, zur Abfederung der Krisenfolgen wirtschaftliche Stimuli zu setzen und haben sich heute von der Krise besser erholt als jene europäischen Länder, die auf einen harten Sparkurs setzen, wie Großbritannien, Irland, Griechenland, Portugal oder Spanien.“

Drei-Punkte-Strategie für Europa

Um die negativen Folgen der Krise für Gesundheits- und Sozialsysteme zu verringern und Impulse für die ökonomische Erholung zu setzen, schlägt Experte McKee eine drei-Punkte-Strategie für Europa vor. Zum einen müsste über Regulationsmaßnahmen eine gleichmäßige Risikoverteilung im europäischen Bankenwesen erreicht werden, damit einzelne Länder nicht in unüberwindbare Schwierigkeiten geraten, weil sie das Risiko für Banken. Zum anderen fordert er eine gezielte Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, den wesentlichen Trägern einer wirtschaftlichen Stabilisierung. Und schließlich müsse, so McKee, mehr Geld in die Gesundheitssysteme fließen: „Das ist nicht nur unbedingt notwendig im Sinne einer besseren Gesundheitsversorgung, sondern Investitionen in den Wachstumsmarkt Gesundheit würden auch Wachstumsimpulse setzen.“

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