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Gesundheitspolitik 18. Oktober 2012

Großer Zuspruch und hohe Zufriedenheit

Die Bedeutung der Wahlärzte als stabilisierendes Element im österreichischen Gesundheitswesen nimmt mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu. Laut einer OGM-Umfrage geht bereits jeder dritte Patient zum Wahlarzt.

„Die Wahlärzte sind für das Funktionieren des österreichischen Gesundheitssystems inzwischen unverzichtbar.“ So oder so ähnlich lassen sich die Ergebnisse der von der Ärztekammer in Auftrag gegebenen Patientenbefragung „Wahlärzte – Wissensstand, Meinungen und Verhalten der Bevölkerung“ auf den Punkt bringen. Aber nicht nur bei den Patienten, auch innerhalb der Standesvertretung gewinnen Wahlärzte zunehmend an Gewicht. Es ist daher kein Zufall, dass nach Dr. Christoph Reisner in Niederösterreich mit Dr. Josef Huber auch in der Kärntner Ärztekammer ein Wahlarzt an der Spitze steht.

In Österreich ordinieren gegenwärtig fast 10.000 Wahlärzte, das ist mehr als die Hälfte aller niedergelassenen Ärzte. Verblüffender als die Tatsache an sich ist vor allem die rasante Entwicklung innerhalb der vergangenen Jahre: Während die Kassenärzte in den letzten 20 Jahren mit rund 7.650 nahezu konstant geblieben sind, hat sich im selben Zeitraum die Anzahl der Wahlärzteschaft nahezu auf das Sechsfache vergrößert. Zum Vergleich: Insgesamt ist die Anzahl der Ärzte in Österreich seit 1990 um 75 Prozent auf rund 40.000 gewachsen.

„Das öffentliche Gesundheitssystem, das im wohnortnahen Bereich durch niedergelassene Kassenärzte repräsentiert wird, könnte mittlerweile ohne die ergänzende Funktion der Wahlärzte nicht mehr aufrecht erhalten werden“, beschreibt Dr. Christoph Reisner, Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich und selbst praktizierender Wahlarzt, die zunehmende Bedeutung der Wahlärzte für das heimische Gesundheitssystem. Reisner wird von einer aktuellen Patientenbefragung der Österreichischen Gesellschaft für Marketing (OGM) bestätigt, die zum Thema landesweit über 2.200 Telefoninterviews mit Wahlarzt- und Kassenpatienten durchgeführt hat.

OGM-Geschäftsführer Wolfgang Bachmayer interpretiert das Gesamtergebnis als „klaren Trend in Richtung Wahlärzte. Bereits jeder dritte Befragte gab an, heuer ein- oder mehrmals in wahlärztlicher Behandlung gewesen zu sein. Bei der Befragung im Jahr 2008 war das noch ein Viertel der Befragten.“ Eine signifikante Ausnahme stellt laut Bachmayer die Wien dar, wo der Wert mit 25 Prozent mit Abstand am niedrigsten ist, was wohl „an der städtischen Struktur und der damit verbundenen hohen Ärztedichte“ liegt.

Mehr Zeit für Patienten

Als wesentlichen Grund für einen Besuch beim Wahlarzt gab die Mehrzahl der Befragten den Zeitfaktor an – in zweifacher Hinsicht: Zum einen wurde argumentiert, dass die Wartezeiten sowohl hinsichtlich eines Termins, als auch vor Ort in der Praxis deutlich unter denen beim Kassenarzt liegen würden (60 Prozent Zustimmung), zum anderen vertraten 35 Prozent der Befragten die Ansicht, dass sich Wahlärzte mehr Zeit für ihre Patienten nehmen würden. Für Dr. Josef Huber, Präsident der Ärztekammer für Kärnten und wie sein Kollege Reisner ebenfalls Wahlarzt, ist diese Argumentation keine Überraschung: „Ein Internist mit Kassenvertrag hatte rein statistisch im Jahr 1990 etwa 13.000 Einwohner zu versorgen, 2010 waren es schon 15.500. Da ist es vollkommen klar, dass die Wartezeiten auf einen Arzttermin länger und die Behandlungszeiten kürzer werden müssen.“

42 Prozent der Befragten nannten zudem eine „bessere Qualität“ als Motivation für die Konsultation eines Wahlarztes, wobei sich Qualität in diesem Zusammenhang nicht so sehr auf die Behandlungsqualität an sich beziehen dürfte, sondern ebenfalls in Zusammenhang mit dem Zeitaspekt betrachtet werden müsste, wie Huber vermutet: „Aus meiner Sicht ist das die gefühlte Qualität, die sich nicht aus besserer fachlicher Kompetenz, sondern einfach aus einer Mehrzeit für den Patienten ergibt.“ Eine Ansicht, die im Übrigen auch Bachmayer teilt und in der Tatsache bestätigt sieht, dass „drei von vier Wahlarztpatienten auch Kassenärzten eine sehr gute oder eher gute medizinische Betreuung attestieren.“ Die Zufriedenheit mit den Wahlärzten ist dann aber doch nochmals um eine Dimension höher: Bemerkenswerte 98 Prozent der Wahlarztpatienten sind mit der ärztlichen Leistung zufrieden.

Gefahr Zweiklassenmedizin

Auch der Wiener Ärztekammerpräsident Prof. Dr. Thomas Szekeres bestätigt die zunehmende Bedeutung der Wahlärztegruppe als „stabilisierendes Element“ in der Gesundheitsversorgung, warnt aber zugleich vor der Gefahr einer medizinischen Zweiklassengesellschaft: „Wahlärzte sind aus der österreichischen Gesundheitsversorgung nicht mehr wegzudenken. Sie schließen mittlerweile eine große Lücke in der allgemeinmedizinischen und fachärztlichen Gesundheitsbetreuung. Sie entlasten das stark strapazierte Kassensystem“, sagt Szekeres und ergänzt: „Es ist aber zu befürchten, dass weitere Einsparungen im öffentlichen System unweigerlich zu einer stärkeren Inanspruchnahme der Privatmedizin führen werden.“ Dies wiederum würde in letzter Konsequenz aber gleichzeitig eine „Verabschiedung vom Solidarprinzip“ bedeuten, das laut Szekeres „unser Gesundheitssystem in Österreich ausmacht. Patienten, die sich eine Behandlung beim Wahlarzt nicht leisten können, werden dann einen erschwerten Zugang zur medizinischen Versorgung haben.“

Szekeres fordert in diesem Zusammenhang die politischen Entscheidungsträger einmal mehr dazu auf, die Kopplung der Gesundheitsausgaben an das Bruttoinlandsprodukt, wie es im Zuge der Gesundheitsreform geplant ist, zurückzunehmen: „Diese Maßnahme ist sachlich in keiner Weise nachvollziehbar, denn Krankheit und Wirtschaftswachstum entwickeln sich niemals konform. Gerade sozial schwächere Menschen, von denen es in wirtschaftlich schlechten Zeiten mehr gibt, sind häufiger krank und auf das öffentliche Gesundheitssystem angewiesen. Die logische Folge wäre, dass in diesen Zeiten mehr und nicht weniger Geld ins System fließen müsste.“

Verzicht auf Rückerstattung

Fast jeder vierte Wahlarztpatient verzichtet – so ein weiteres Detailergebnis aus der OGM-Befragung – auf das Einreichen der Honorarnoten bei den Kassen. Bachmayer begründet dies nur zu einem geringeren Teil mit fehlendem Wissen, eher schon mit einem zu großen Aufwand bzw. einer oft zu geringen Rückerstattungssumme. Diesen letzten Punkt kritisiert auch Huber und spricht von einem „grotesken System“, weil „durch die Limitierungen bei den Kassenärzten auch der Rückverrechnungsanteil für den Wahlarztpatienten sinkt.“ In diesem Sinne würde zwar die Versorgungswirksamkeit der Wahlärzte nachgewiesenermaßen zunehmen, gleichzeitig die Rückerstattung insgesamt aber abnehmen. Als Beispiel nennt Huber die Situation in Kärnten, wo der Aufwand seitens der Kasse mit etwa sechs Millionen Euro zu 85 Millionen Euro für Kassenärzte pro Jahr „eher gering ist“.

Sowohl Huber als auch Reisner beeilen sich aber zu betonen, dass sie keinesfalls für ein Ausspielen von Kassenärzten und Wahlärzten zu haben wären. Immerhin seien beide Gruppen für die Qualität und Versorgungssicherheit des heimischen Gesundheitssystems unerlässlich. Es gehe ihnen beiden vielmehr darum, das medizinische Angebot an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen und nicht an die Vorgaben des globalen Finanzmarktes.

V. Weilguni, Ärzte Woche 42/2012

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