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© (2) Markus Hechenberger
Die Wiener Stadträtin Sonja Wehsely entnimmt an der Defi-Notfallsäule den mobilen Defibrillator.

Ärzte Woche-Kolumnist, MedizinKabarettist und Arzt, Dr. Ronny Tekal-Teutscher, erklärt, wie wichtig rasche Hilfe im Fall des Falles ist.

 
Gesundheitspolitik 8. Oktober 2012

Weil jede Sekunde zählt

Mehrere Initiativen engagieren sich im Kampf gegen den plötzlichen Herztod. Jetzt soll Wien flächendeckend mit öffentlich zugänglichen Defibrillatoren ausgestattet werden.

Jedes Jahr sterben mehr als 10.000 Österreicherinnen und Österreicher jährlich am plötzlichen Herztod. Ein Ersthelfer kann die Überlebenschancen eines Menschen mit nur wenigen Handgriffen dramatisch steigern und die Zeit bis zum Eintreffen professioneller Hilfe nützen. Ebenso effektiv wie einfach ist dabei die Hilfe mit Laien-Defibrillatoren, vorausgesetzt, diese stehen in unmittelbarer Nähe zur Verfügung und die Ersthelfer haben keine Angst davor, diese auch zu benützen. Um die Verbesserung beider Voraussetzungen bemühen sich zwei gemeinnützige Vereine mit zunehmenden Erfolgen.

Allein in Wien sind jährlich 3.000 Menschen vom plötzlichen Herzstillstand betroffen. Nur jeder Zehnte überlebt ihn. Eine Ursache dafür: Der Rettungsdienst braucht im Durchschnitt zehn Minuten zum Einsatzort, aber bereits nach drei Minuten setzen erste irreversible Schädigungen des Gehirns ein. Im Notfall zählt deshalb jede Sekunde. Deshalb kommt bei der Erstversorgung Laien eine entscheidende Rolle zu, weiß Dr. Mario Krammel, Notfallmediziner an der Universitätsklinik für Anästhesie, allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie der Meduni Wien und geschäftsführender Präsident des Vereins Puls. „Durch kräftigen Druck in der Mitte des Brustkorbes und den raschen Einsatz eines Defis können Zeugen eines Herz-Kreislauf-Stillstands effizient Hilfe leisten“, betont der Experte, „und so die Überlebenschance von zehn auf über 60 Prozent erhöhen.“

Strom fürs Leben

Der Verein Puls engagiert sich seit 2008 im Kampf gegen den plötzlichen Herztod. Unter dem Slogan „Österreich wird HERZsicher“ präsentierte Puls anlässlich des Welt-Herztages 2012 nun seine neue Kampagne „Strom fürs Leben“. Herzstück des Projekts ist die Errichtung von 60 frei zugänglichen Defibrillator-Säulen in Wien. Gründungsmitglied Dr. Ronny Tekal-Teutscher freut sich: „Als wir vor vier Jahren den kleinen Verein Puls gegründet haben, hätten wir uns nicht gedacht, welche Ausmaße das Projekt nun einnimmt.“ Durch die Rund-um-die-Uhr-Bereitstellung der Defis im öffentlichen Raum und Bewusstseinsbildung durch Aufklärungsarbeit für die Bevölkerung sollen die Chancen fürs Überleben signifikant verbessert werden. Tekal-Teutscher: „Ein paar einfache Handgriffe können Leben retten.“ Projektpartner sind Stadt Wien, Gewista und der Arbeiter-Samariter-Bund.

Und so funktioniert es: Sobald an einer der Defi-Säulen das Gerät entnommen wird, stellt das enthaltene Telefonmodul selbsttätig eine Sprechverbindung zur Notrufzentrale der Wiener Rettung her. Per GPS wird für die Rettungs-Notrufzentrale erkennbar, wohin der Ersthelfer mit dem Defi geht. Durch diese Technik kann der Ersthelfer einen Notruf absetzen und dennoch sofort mit der Ersten Hilfe beginnen. Die Mitarbeiter der Notrufzentrale begleiten den Laien Schritt für Schritt und erläutern, welche Maßnahmen zu treffen sind. Bei der Präsentation des Projekts sprach Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely von einem „avantgardistischen Wiener Projekt“ und formulierte eine klare Botschaft: „Wenn es ums Herz geht, muss man handeln und darf nicht warten. Denn gerade die ersten Minuten sind lebensentscheidend.“

Der Verein Puls will neben der Stationierung lebensrettender Defis an stark frequentierten öffentlichen Plätzen vor allem auch die wesentlichen Botschaften an potenzielle Ersthelfer bringen, erzählt Tekal-Teutscher: „1. Erste Hilfe ist kinderleicht! Und 2. Man kann nichts falsch machen, außer nichts zu machen. Wenn sogar Politiker so ein Teil bedienen können, so schaffen das Normalbürger wohl auch.“

Wien hat zurzeit 190 frei zugängliche Laien-Defis in Magistratischen Bezirksämtern, öffentlichen Bädern und Sportanlagen. „Mit den zusätzlichen 60 Defi-Säulen wird das lebensrettende Netz in Wien noch engmaschiger“, freut sich Harry Kopietz, Erster Präsident des Wiener Landtags und Botschafter von Puls: „Wien wird damit die erste Großstadt, die ein solches öffentliches Defi-Netz flächendeckend anbietet.“ Die von Gewista getragenen Investitionskosten für die 60 Defi-Säulen machen rund eine Million Euro aus.

Projektevaluierung

Das Defi-Projekt steht unter der wissenschaftlichen Begleitung der MeUni Wien. Ziel ist es, „die Einsätze der Defi-Säulen auszuwerten, um so auf Basis von gesammelten Daten Einsatz und Nutzen der Geräte zu optimieren und bedarfsorientiert zu erheben, wo zusätzliche Defibrillatoren sinnvoll wären“, erklärt Prof. Dr. Klaus Markstaller, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin, MedUni Wien. Außerdem werden kostenlose Seminare für Laienhelfer angeboten, bei denen das richtige Verhalten im Notfall sowie die Handhabung der Defis geübt werden.

Samariter-App

Die neuen Defi-Standorte werden in die bereits bestehende Erste-Hilfe-App „Samariter“ des Arbeiter-Samariter-Bundes Österreich integriert. Diese ermöglicht es, den aktuellen Standort eines Ersthelfers zu ermitteln und zeigt den nächstgelegenen Defi-Standort an. Die App leistet aber noch mehr: „Die gratis downloadbare Samariterbund-App unterstützt Ersthelfer schrittweise in Bild und Text: von der Absicherung eines Unfallortes, der richtigen Alarmierung bis hin zur Wiederbelebung nach einem Herzstillstand“, erklärt ASBÖ-Bundesgeschäftsführer Reinhard Hundsmüller. Die App für IOS-Handys (iPhone oder iPad) ist auf Wien fokussiert und kann über das iTunes App Store bezogen werden.

Die Erstellung eines österreichweiten Online-Defibrillatoren-Katasters hat sich der neu gegründete Verein „Definetz.at“ zum Ziel gesetzt. Schon innerhalb von wenigen Wochen wurden mehr als 350 öffentlich zugängliche Defi-Standorte eingespeist und beschrieben. Damit ist der Kataster schon jetzt der umfassendste österreichweit, wenn auch noch auf bescheidenem Niveau. Zum Vergleich: Im europäischen Vorzeigeland Holland umfasst die Datenbank etwa 10.000 Defis. Der Definetz-Kataster wird daher täglich erweitert und adaptiert. Ein besonderer Kompetenzschwerpunkt des Vereins widmet sich darüber hinaus der fundierten Standortplanung. Die Verteilung der Defis erfolgt heute weitgehend zufällig. Es wäre aber medizinisch und wirtschaftlich wichtig, die Geräte dort zu platzieren, wo sie auch gebraucht werden. Definetz arbeitet dafür mit Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen im In- und Ausland zusammen, um Kommunen aber auch Unternehmen Grundlagen für eine optimale Standortplanung zur Verfügung zu stellen.

Pilotprojekte

Zurzeit wird ein Pilotprojekt in der niederösterreichischen Gemeinde Bad Fischau-Brunn durchgeführt. Unter dem Titel „Sicher leben in Bad Fischau-Brunn“ wird auf Basis eines Berechnungsmodells der Universität Dortmund ein Plan erarbeitet, wie eine möglichst lückenlose Versorgung der Gemeinde mit Defibrillatoren sichergestellt werden kann. Ein ähnliches Projekt startete vor Kurzem in Krems. Die Erfahrungen aus beiden Projekten werden wertvolle Erkenntnisse für die geplante flächendeckende Versorgung Österreichs mit einem Definetz bringen.

Zusätzlich bietet der gemeinnützige Verein interessierten Kommunen und Institutionen auch Unterstützung in den Bereichen Coaching, Projekt- und Finanzierungsmanagement, Aufklärungs- und Infoveranstaltungen sowie eine unabhängige Investitions-Entscheidungshilfe an.

Definetz.at

Der Verein Definetz.at verfolgt drei wesentliche Ziele:

• Erstellung eines österreichweiten Online-Katasters

• Wissenschaftlich fundierte Standortplanung für Defis

• Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Aufklären und Angst nehmen

Der Verein startet seine Projekte in Niederösterreich, will diese aber sukzessive österreichweit ausbauen. Er ist international gut vernetzt, arbeitet eng mit dem deutschen Verein „Definetz.de“ aber auch mit europäischen Institutionen wie der „esqh - European Society for Quality in Healthcare“ zusammen.

Obfrau: Maria Anna Zwiauer

Weitere Informationen zum Verein Definetz.at: www.definetz.at

Puls

Puls, der Verein zur Bekämpfung des plötzlichen Herztods, wurde 2008 ins Leben gerufen. Seither initiiert und organisiert er „Projekte, die das Selbstvertrauen von Laien zur Hilfeleistung fördern sollen“, und setzt sich für die Installation von Defibrillatoren im öffentlichen Raum ein. Der Fokus der Aktivitäten liegt auf Wien.

Geschäftsführender Präsident: Dr. Mario Krammel

Weitere Informationen zum Verein Puls: www.puls.or.at

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