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© Österreichische Ärztekammer/Zeitler

Dr. Johannes Steinhart Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer

Das Ärztekammermodell berücksichtigt auch Restkosten ausgelagerter Ambulanzleistungen, verbliebene Ambulanzleistungen sowie die Kosten der Leistungsübernahme durch neue niedergelassene Versorgungseinheiten, sodass sich der ursprüngliche Bruttoeffekt von rund 1,2 Milliarden Euro in einem volkswirtschaftlichen Auslagerungsnutzen von jährlich netto322 Millionen niederschlägt.

 
Gesundheitspolitik 5. Oktober 2012

Millioneneinsparungen durch Leistungstransfer

ÖÄK-Vizepräsident Steinhart begrüßt den Plan der Gesundheitsreformverhandler, Leistungen aus dem ambulanten in den niedergelassenen Bereich zu verlagern, fordert dafür aber mehr als 1.000 neue Kassenverträge.

In einem Simulationsmodell hat die Ärztekammer ein jährliches Einsparungspotenzial in Höhe von 322 Millionen Euro errechnet, wenn es gelingt, 75 Prozent aller Ambulanzbesuche in den niedergelassenen Bereich umzuleiten. Notwendig dafür wären aber zusätzliche Vertragsarztstellen und ein Ausbau des Leistungsangebots in den Praxen. Zur Finanzierung schlägt die Ärztekammer einen zweckgebundenen Transformationsfonds vor, der aus den Ambulanz-Einsparungen gespeist werden sollte.

Die bisher bekannten Verhandlungsergebnisse der Steuerungsgruppe zur Gesundheitsreform werden von der Ärztekammer differenziert beurteilt. Abgelehnt wird etwa die rein ökonomische Sichtweise, die sich in einer Bindung der Gesundheitsausgaben an das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes manifestieren soll. „Der Gesundheitsminister hat 2009 versichert, dass er ein konjunkturunabhängiges Gesundheitssystem etablieren will. Von dieser Idee hat er sich offenbar verabschiedet“, kritisiert Dr. Johannes Steinhart. Weil nachgewiesenermaßen gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten Menschen eher krank werden, fordert der Bundesobmann der niedergelassenen Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer vielmehr eine Orientierung des Gesundheitssystems am tatsächlichen Bedarf, der sich aufgrund des Bevölkerungswachstums, des zunehmenden Anteils älterer Menschen, der Epidemiologie und der medizinischen Entwicklung ergibt.

Positiv sieht Steinhart hingegen die politische Absicht, Spitalsambulanzen durch eine Verlagerung von Leistungen in den niedergelassenen Bereich zu entlasten. Mit dieser Strategie, die von der Ärztekammer bereits seit Jahren erfolglos gefordert würde, ließen sich Millionenkosten einsparen und gleichzeitig Vorteile, etwa die wohnortnahe Versorgung oder ein persönliches Arzt-Patienten-Verhältnis, erzielen.

322 Millionen Sparpotenzial

Zum Beleg ihrer These hat die Ärztekammer ein Simulationsmodell erstellt, das auf statistischen Daten aus dem Gesundheitsministerium sowie der offiziellen Ärztekostenstatistik 2010 basiert. Demnach finden schon heute 84 Prozent aller ärztlichen Konsultationen im niedergelassenen Bereich statt, 2010 waren das mehr als 94 Millionen Besuche gegenüber 17 Millionen Ambulanzbesuchen. Auf die 16 Prozent Ambulanzbesuche entfielen aber 42 Prozent der Kassenhonorare oder 1,58 Milliarden Euro. Während nämlich ein Besuch beim niedergelassenen Arzt durchschnittlich 23,3 Euro pro Person (12,23 Euro beim Allgemeinmediziner, 44,20 beim Facharzt) kostet, kommt ein Ambulanzbesuch auf 92,4 Euro.

In ihrem Modell geht die Ärztekammer weiters davon aus, dass 75 Prozent aller derzeitigen Ambulanzbesuche ohne Qualitätsverlust in den niedergelassenen Bereich verlagert werden könnten. Unter Berücksichtigung verschiedener Kostenfaktoren ergibt sich daraus ein jährliches Einsparungspotenzial von 322 Millionen Euro (Details der Berechnung siehe Grafik). Auf die Frage, worauf die Annahme einer 75-prozentigen Verlagerung beruhen würde und wie realistisch diese tatsächlich sei, antwortete Steinhart mit einem eher vagen Verweis auf „Erfahrungswerte der Kammermitglieder“.

Bezüglich konkreter Umsetzungschancen der politischen Absichtserklärung äußerte sich Steinhart zurückhaltend und verwies auf gegenteilige vergangene Entwicklungen: „Seit dem Jahr 2000 wurden Kassenstellen massiv eingeschränkt. Unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums fehlen auf das damalige Versorgungsniveau 1.309 solcher Stellen österreichweit.“ Weniger Praxen, aber gleichzeitig mehr Patienten dorthin transferieren, das sei jedenfalls kein gangbarer Weg, diagnostiziert der ÖÄK-Vizepräsident: „Sonst droht der Super-GAU im Gesundheitswesen: das Zurückfahren der Ambulanzen bei gleichzeitig fortgesetztem Aushungern der Ordinationen.“ Damit sei eine flächendeckende Versorgung nicht aufrecht zu erhalten.

Transformationsfonds

Als Voraussetzung für eine Ambulanzentlastung fordert Steinhart daher 1.041 zusätzliche Kassenstellen im niedergelassenen Bereich sowie die Einrichtung eines dauerhaften Transformationsfonds. Dieser Fonds sollte mit den Geldmitteln aus den Ambulanz-Einsparungen dotiert und den Krankenkassen zweckgebunden zur Verfügung gestellt werden, um damit die notwendigen Strukturen im niedergelassenen Bereich aufzubauen. Neben zusätzlichen Kassenstellen betrifft das auch den Ausbau des bestehenden Angebots, etwa durch die Finanzierung zusätzlicher Gruppenpraxen, um das Leistungsangebot am Tagesrand, am Wochenende und an den Feiertagen zu verbessern. Parallel dazu müsste aber auch dringend eine „praxistaugliche Anpassung der gesetzlichen Regelungen für ärztliche Gruppenpraxen“ erfolgen, verlangt Steinhart und wehrt sich gegen Vorwürfe, wonach Ärzte wenig Interesse an Gruppenpraxen zeigen würden, Stichwort Ärzte-GmbH. Schuld an der schleppenden Umsetzung sei nicht fehlendes Interesse oder Engagement der Ärzte, sondern vielmehr ungenügende rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen sowie fehlende Kassenverträge, betont Steinhart. Trotz der Hürden gäbe es aber beispielsweise in Wien bereits 70 Gruppenpraxen „und wir hätten noch mindestens 80 weitere in der Pipeline, wir brauchen dazu aber Kassenverträge.“ Besonders benachteiligt wären momentan sogenannte bunte Ärztekooperationen – also die fächerüberschreitende Zusammenarbeit von mehreren Ärzten in einer Praxis –, da die Krankenkassen dafür keine Finanzierung bereitstellen.

Der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger wollte sich gegenüber der Ärzte Woche übrigens weder zu den Vorwürfen Steinharts noch zu dessen Forderungen nach zusätzlichen Kassenverträgen äußern.

Um die Missstände zu beheben und eine zeitgemäße, kostengünstige neue Versorgungsstruktur bei gleichzeitiger Entlastung der Krankenhäuser „zügig voranzutreiben“, bot Steinhart der Steuerungsgruppe „sofortige Verhandlungen“ an. Besonders optimistisch zeigt er sich allerdings nicht, gerade jetzt von der Politik gehört zu werden: „Ich kann unser Modell und unsere Gesprächsbereitschaft nur öffentlich anbieten. Wenn die Politik das Angebot nicht wahrnimmt, muss sie auch die Verantwortung dafür übernehmen.“

„Jetzt schon Weltspitze“

Mit den Forderungen der Ärztekammer konfrontiert, formuliert Bundesminister Alois Stöger seine gesundheitspolitische Vision: „In Zukunft werden der Spitalsbereich und der niedergelassene Bereich in enger Kooperation die Bevölkerung versorgen und nicht so wie jetzt oftmals nicht optimal aufeinander abgestimmt. Wir brauchen eine stärkere Vernetzung beider Sektoren und nicht eine Auseinanderentwicklung. Es werden in der Planung die Behandlungsprozesse im Mittelpunkt stehen, die der konkrete Patient braucht.“ Stöger war es außerdem wichtig, zu betonen, dass „Österreich im internationalen Vergleich jetzt schon Weltspitze ist, was die Versorgung mit niedergelassenen Ärzten betrifft.“

V. Weilguni, Ärzte Woche 40/2012

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