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Gesundheitspolitik 28. September 2012

Apothekenöffnungszeiten - unterschiedliche Interpretationen

Kundenfreundliche Öffnung nach Entscheidung des Unabhängigen Verwaltungssenats für Wiener Apotheken nun möglich?

 

Wer am Samstagnachmittag Arzneimittel und pharmazeutische Beratung benötigt, steht in aller Regel vor verschlossenen Apothekentüren. Die Wiener Apotheken sperren um 12 Uhr Mittag. Der Unabhängige Verwaltungssenat (UVS) hat nun entschieden, dass Wiener Apotheken innerhalb der wöchentlichen Höchstbetriebszeit individuell offenhalten dürfen, auch an Samstagnachmittagen.

 

Egal ob eine Apotheke in Wien ihre Öffnungszeiten an die Ordinationszeiten der umliegenden Ärzte anpassen will oder am Samstagnachmittag für die Kunden da sein möchte, beides ist ab sofort möglich. Der UVS stellt in einem aktuellen Entscheid klar, dass die Betriebszeitenverordnung des Magistrats lediglich darüber bestimmt, zu welchen Zeiten auf jeden Fall offen zu halten ist. Sie besagt aber nicht, "dass eine Apotheke zu einem gewissen Zeitpunkt nicht geöffnet halten darf, soweit sich die Öffnungszeit innerhalb der maximalen wöchentlichen Betriebszeit befindet", heißt es da wörtlich.

Der Bescheid des UVS wurde von einer Apotheke in der Wiener Innenstadt erkämpft, der der Magistrat der Stadt Wien sogar die Konzession entziehen wollte, weil sie für ihre Kunden an Samstagnachmittagen offen hatte.

"Mit dem UVS-Entscheid wurden alle Angriffe auf meine Mandanten abgewehrt. Wenn eine Apotheke am Samstagnachmittag offenhalten will oder unter der Woche nach 18 Uhr, dann ist das ab jetzt ganz offiziell möglich", sagt Apothekenrechts-Experte Dr. Peter Krüger. Krüger: "Die Wiener Apotheken-Betriebszeiten sind Mindestöffnungszeiten."

"Ich bin sehr erleichtert und freue mich, dass wir unsere Öffnungszeiten am Bedarf unserer Kunden orientieren dürfen", sagt die Sprecherin der Apotheke, Mag. pharm. Sigrid Derflinger.

Großer Bedarf am Samstagnachmittag

Die Innenstadt-Apotheke ist bei ihren Stammkunden sehr beliebt und auch für viele Wienbesucher die erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen. Der Bedarf an Arzneimitteln und kompetenter Beratung ist dementsprechend hoch: Über 20.000 mal jährlich wurde die Apotheke an Samstagnachmittagen benötigt, bevor dies der Magistrat mit einer Anordnung unterbunden hat. Mittlerweile haben 4.000 Stammkunden der Apotheke die dringende Forderung nach einem offenen Samstagnachmittag unterzeichnet.

Derflinger: "Unsere Kunden waren verärgert, weil alle Geschäfte rundum am Samstagnachmittag offen haben und nur die Apotheke mittags zusperrt."

Individuelle Apothekenöffnungszeiten bringen aber nicht nur Vorteile für die Kunden. Sie entlasten auch die Krankenkassen, wenn die Patienten die offenen Zeiten nutzen, um verstärkt Privatvorsorge zu betreiben. Außerdem schaffen sie zusätzliche Arbeitsplätze in den Apotheken. Vor allem Mütter können familiär bedingt an Samstagnachmittagen oft leichter einer Beschäftigung nachgehen.

Unterschiedliche Sichtweisen: Die Interpretation der Apothekerkammer zum Entscheid 

 

Jeden Samstagnachmittag, jedes Wochenende, jede Nacht und an jedem Feiertag haben in Wien 35 Apotheken Bereitschaftsdienst, um die Bevölkerung optimal mit Arzneimitteln zu versorgen. Und dabei bleibt es bis auf weiteres auch. Aus Sicht der Österreichischen Apothekerkammer ist die Interpretation des UVS (Unabhängiger Verwaltungssenat)-Entscheids durch besagte Wiener Innenstadt-Apotheke nicht korrekt und steht sogar im Widerspruch zur Judikatur des Verfassungsgerichtshofes.

Die 315 Wiener Apotheken haben von Montag bis Freitag von 8.00 bis 12.00 und von 14.00 bis 18.00 Uhr und am Samstag von 8.00 bis 12 Uhr geöffnet. Mehr als 70 Prozent der Wiener Apotheken sperren zu Mittag nicht zu und haben somit bereits jetzt 54 Wochenstunden offen. Außerhalb der regulären Öffnungszeiten werden die Wienerinnen und Wiener nach einem ausgeklügelten, flächendeckenden Turnus-System betreut, um das uns jede Großstadt beneidet. "Im Sinne einer optimalen Kundenbetreuung machen wir uns natürlich auch über die Öffnungszeiten Gedanken. Unsere Gespräche mit den zuständigen Behörden verlaufen sehr gut, allerdings ist eine Änderung des bestehenden Systems frühestens 2014 umsetzbar", so Mag. pharm. Andrea Vlasek, Präsidentin der Apothekerkammer Wien.

Betriebspflicht für Apotheken

Apotheken haben Betriebspflicht. Das heißt, die Apotheke MUSS während der vorgeschriebenen Öffnungszeiten offen halten und sie darf auch nicht während Urlauben oder Fortbildungen schließen. Der Verfassungsgerichtshof hat dazu festgestellt: Dem Zwang zur Öffnung während der Betriebszeiten und zu den festgelegten Zeiten des Bereitschaftsdienstes steht das Verbot gegenüber, die Bereitschaftsdienste anderer Apotheken durch ein freiwilliges Offenhalten zu konterkarieren.

Es ist zu befürchten, dass durch den unüberlegten Schnellschuss der Apotheke an die Medien Erwartungen bei den Kunden geweckt werden, die die betroffene Apotheke gar nicht erfüllen wird können. Um Verwirrungen vorzubeugen, selbstverständlich muss sich auch die betroffene Apotheke an die gültigen rechtlichen Bestimmungen halten.

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