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Tag der Suizidprävention am Grazer Hauptplatz. Die 236 leeren Stühle stehen symbolisch für die Anzahl der Suizid-Verstorbenen 2011, die „keinen Platz mehr in der Gesellschaft gefunden haben“. Mag. Barbara Royer (links), Klinische- und Gesundheitspsycholog
 
Gesundheitspolitik 30. September 2012

Hilfeschrei der Seele

Am 10. September wurde der Welttag der Suizidprävention begangen. Sein Ziel war es, verstärktes öffentliches Bewusstsein für die Notwendigkeit einer aktiven, flächendeckenden Suizidprävention und professioneller Hilfe zu schaffen.

Jedes Jahr sterben laut Weltgesundheitsorganisation WHO eine Million Menschen durch Selbstmord. Alle 40 Sekunden nimmt sich jemand das Leben. In Österreich sind 2011 1.286 Menschen durch Selbstmord gestorben. „Damit liegen wir im europäischen Vergleich im Mittelfeld“, sagt Andrea Zeitlinger, Geschäftsführerin von pro mente steiermark. Zeitlinger ist Obfrau des neu gegründete Dachverbands Gemeindepsychiatrischer Verbund Steiermark (GPVSt), der verstärkt auf die verdrängte Problematik der Suizidalität aufmerksam machen und sich für ein verbessertes Hilfsangebot für Betroffene und Angehörige in akuten Krisen einsetzen möchte. Unter anderem fordert der Dachverband die Einrichtung eines psychiatrischen Rund-um-die-Uhr-Krisendienstes, der bislang in der Steiermark fehlt.

Zum bereits zehnten Mal wurde am 10. September der „World Suicide Prevention Day“ von der International Association for Suicide Prevention (IASP) in Zusammenarbeit mit der WHO organisiert. Vorrangiges Ziel der Initiative ist die „Sensibilisierung der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der allgemeinen Bevölkerung“ dafür, dass Selbstmord vermeidbar ist. Außerdem sollen Stigma und Sprachlosigkeit, die dieses Thema begleiten, aufgebrochen werden.

Wie dringend die Aufgabe ist, zeigen aktuelle WHO-Daten aus 2011: Die globale Mortalitätsrate durch Selbstmord beträgt 16 pro 100.000 Menschen, sie hat sich innerhalb der letzten 45 Jahre um 60 Prozent erhöht. Suizide treten in jeder Lebensphase auf, die Häufigkeit nimmt mit dem Alter jedoch steil zu. Dennoch gilt bereits bei den 15- bis 19-Jährigen Selbstmord als zweithäufigste Todesursache weltweit, mindestens 100.000 Jugendliche sterben so Jahr für Jahr. Auf jeden Selbstmord eines Mädchens oder einer Frau kommen drei Suizide von Burschen oder Männern. Diese Verteilung ist konsistent über sämtliche Altersgruppen und Weltregionen hinweg. Umgekehrt kommen weibliche Suizidversuche zwei- bis dreimal häufiger vor als männliche.

Regionale Vergleiche sind schwierig und nur bedingt aussagekräftig, da für viele Länder verlässliche Daten fehlen. Dokumentiert sind jedoch überdurchschnittlich hohe Selbstmordraten in den osteuropäischen Ländern, etwa in Litauen und Russland, während die Länder Mittel- und Südamerikas die geringsten Raten ausweisen. USA, Westeuropa und Asien liegen in der Mitte. Afrikanische Staaten und Südostasien sind statistisch kaum erfasst.

Innerhalb Österreichs ist es wenig verwunderlich, dass die aktuelle Initiative des Dachverbands GPVSt in der Steiermark ins Leben gerufen wird. Im Bundesländervergleich liegt die Steiermark mit 236 Selbstmorden an der Spitze der Suizid-Statistik, gefolgt von Nieder- und Oberösterreich. Damit übertrifft die Selbstmordrate in der Steiermark etwa die Zahl der jährlichen Todesfälle durch Straßenverkehrsunfälle um mehr als das Dreifache.

Schrei nach Hilfe

Suizidalität – der Begriff umfasst sowohl Suizidgedanken also auch Suizidabsicht, Suizidversuch und Suizid – ist meist Ausdruck von Hoffnungslosigkeit in Hinblick auf ein unlösbar erscheinendes Problem. Der Betroffene befindet sich in einer akuten Krise oder es bestehen lang dauernde, sehr belastende Lebensumstände.

Die IASP schätzt, dass etwa fünf Prozent aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben konkrete Suizidabsichten haben oder tatsächlich einen Suizidversuch unternehmen. „Selten ist dabei der Wunsch nach dem Tod ein Motiv“, sagt Barbara Royer, Klinische und Gesundheitspsychologin: „Viele Suizidgefährdete haben einfach den Wunsch nach Ruhe, nach einer Pause.“ Laut Royer gibt es auch meist Anzeichen dafür, „konkrete Ankündigungen, sozialer Rückzug und Isolation, Interesselosigkeit, starke Stimmungsschwankungen, Kontrollverlust über eigene Handlungen, Abschied nehmen und letzte Dinge regeln. Gibt es solche Anzeichen, sollte man sie unbedingt ernst nehmen und handeln.“

Risikofaktoren

Suizidgefährdung lässt sich in der Regel nicht auf einen Auslöser, eine Ursache zurückführen, ist vielmehr vielschichtig. Es gibt keine Erkrankungen, keine Faktoren, die zwangsläufig zu Suizid führen, es gibt jedoch belastende Ereignisse, Umstände und Krankheiten, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens suizidaler Gedanken und Handlungen bei manchen Menschen und in einigen Lebenssituationen erhöhen. Dazu zählen schwere körperliche Erkrankungen wie Krebs, HIV-Infektionen oder chronische Leiden ebenso wie psychische Erkrankungen, die nicht rechtzeitig erkannt werden. Speziell in Europa und Nordamerika stellen Depressionen und Suchtkrankheiten enorme Risikofaktoren dar. Besonders gefährdet sind Menschen mit einer Geschichte früherer Suizidversuche oder Selbstverletzungen. In dieser Gruppe liegt die Selbstmordrate 30- bis 40-mal höher als bei der Gesamtbevölkerung. Auch die ersten Tage und Wochen nach psychisch bedingten Krankenhausaufenthalten stellen eine besonders kritische Risikoperiode dar. Daraus lässt sich die Notwendigkeit einer entsprechenden Professionalität und Kontinuität in der Nachversorgung ablesen.

Prävention ist möglich

Trotz der Komplexität des Phänomens ist Suizidprävention möglich. Dabei kommt den medizinischen Spezialisten eine wesentliche Rolle zu. Bei Gruppen mit erhöhtem Suizidrisiko ist die Früherkennung sowie eine exakte Diagnose und Therapie von psychischen Problemen, insbesondere von affektiven Störungen und Suchterkrankungen, maßgeblich. Laut IASP-Daten konsultierten immerhin mehr als die Hälfte aller Patienten, die durch Selbstmord sterben, im letzten Monat vor ihrem Tod den Hausarzt.

Das IASP fordert ein Kompetenztraining von Hausärzten zur Erkennung psychiatrischer Symptome und Störungen, zur Selbstmord-Risikobewertung, für entsprechende Behandlungsmaßnahmen und rechtzeitige Überweisungen an Spezialisten. Ebenso wünschenswert sind Ausbildungsprogramme für die „Gatekeeper“, also Menschen, die berufsbedingt in engem Kontakt mit Menschen und Familien stehen wie Lehrer, Priester, Apotheker oder Polizisten.

Die wirksamste Präventionsmaßnahme ist und bleibt aber das offene Gespräch. „In der kritischen Phase ist es bedeutsam, wie die Umwelt reagiert und agiert“, erklärt Royer: „Sprechen Sie das Thema offen, ruhig und sachlich an und haben Sie keine Angst – Sie können dadurch keinen Suizid auslösen. Im Gegenteil: Für gefährdete Menschen ist es eine Entlastung, über Suizidgedanken sprechen zu können.“ In einer akuten Krise sei es zudem wichtig, sagt Royer, Verantwortung zu übernehmen und umgehend Kontakt mit Hausarzt, Psychiater oder Notruf aufzunehmen.“

Erste Hilfe in Krisen

In seiner neuen Informationsbroschüre „Erste Hilfe in Krisen“ gibt der Dachverband Gemeindepsychiatrischer Verbund Steiermark Tipps und konkrete Anweisungen, wie die Suizidgefahr erkannt werden kann und was dann zu tun ist, um Leben zu retten. Aufgeräumt wird in der Broschüre auch mit manchen Mythen und Vorurteilen:

„Wer von Suizid spricht, tut es nicht“ – stimmt nicht! Etwa 80 Prozent der Menschen, die einen Suizid begehen, kündigen ihn vorher an, was als Hilferuf zu verstehen ist.

„Wenn Suizidabsichten nachgefragt oder angesprochen werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Ausführung“– stimmt nicht! Für Betroffene sind Gespräche meist entlastend. Sie werden dadurch nicht erst auf die Idee eines Suizids gebracht.

„Wer sich tatsächlich umbringen will, ist nicht aufzuhalten“ stimmt nicht! Die meisten Suizide werden im Rahmen von Krisen ausgelöst. Durch rechtzeitige Krisenbewältigung können Suizide verhindert werden.

„Wer es einmal versucht hat, probiert es immer wieder“– stimmt nicht! Ungefähr 80 Prozent aller Suizidversuche sind einmalige Vorkommnisse im Leben der Betroffenen.

„Suizidversuch ist Erpressung“ – stimmt nicht! Ein Suizidversuch ist ein Hilferuf und weist auf eine Notlage hin. Professionelle Hilfe entlastet Betroffene und Umfeld.

„Auf dem Land ist die Suizidrate deutlich geringer als in der Stadt“– stimmt nicht! Es gibt aber länderspezifisch sehr große regionale Unterschiede.

„Suizid ist erbbar“– stimmt nicht! Suizid ist nicht genetisch verankert. Es kann in einer Familie allerdings mehrere Mitglieder geben, die suizidgefährdeten Gruppen wie etwa depressive, alkohol- oder drogenabhängige Personen zuzuordnen sind oder mehr als einen Fall von Suizid. Auch wenn es Imitations- und Lerneffekte gibt, gibt es stets eine persönliche suizidale Entwicklung, die folglich entsprechende Hilfe zulässt.

Bestellungen: Dachverband GPVs, Eisteichgasse 17, 8042 Graz, Tel.: 0316 71 42 45 14,

E-Mail:

V. Weilguni, Ärzte Woche 39/2012

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