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Gesundheitspolitik 20. September 2012

Niederösterreichische Ärztekammer kündigt Diabetes-DMP "Therapie aktiv"

Der medizinischer Nutzen sei nicht nachweisbar,  die finanziellen Mittel sollten dort eingesetzt werden, wo sie definitiv Verbesserungen für Patienten bringen, soe die ÄKNÖ. 

Die Kurienversammlung der NÖ Ärztekammer hat mit 19. September mehrheitlich beschlossen, das Disease Management Programm für Altersdiabetes (Diabetes Mellitus Typ 2 - Therapie aktiv) zum nächstmöglichen Termin Ende September zu kündigen.

 

„Die Evaluierung des Projektes hat genau das bestätigt, was alle verfügbaren Studien belegen: Es ist kein medizinischer Nutzen ableitbar", so Dr. Christoph Reisner, Präsident der NÖ Ärztekammer.
Der Vorstand der NÖ Ärztekammer hatte bereits im Herbst 2009 entschieden, das Projekt zu beenden. Anschließende Gespräche mit NÖGUS und NÖGKK hatten jedoch zu Verbesserungen geführt, so dass im Frühjahr 2010 die Fortführung beschlossen werden konnte. „Diese Optimierungen waren jedoch nicht ausreichend, um das Interesse der Patienten- und Ärzteschaft an diesem Projekt zu steigern und medizinische Verbesserungen zu erwirken", so MR Dr. Dietmar Baumgartner, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Niederösterreich.

90 Prozent der Ärzte versorgen 90 Prozent der Diabetiker ohne fix vorgegebene Behandlungspfade

Im Rahmen des Projekts wurde nur ein Bruchteil aller Diabetikerinnen und Diabetiker von ebenfalls einer Minderheit aller Ärztinnen und Ärzte betreut, betont die ÄKNÖ. „Wir haben intern lange diskutiert, ob wir dieses von Verwaltung geprägte Projekt weiterführen sollen. Ausschlaggebend für die Entscheidung im Sinne der Patientinnen und Patienten war jedoch eine Absage an die Tendenz zur Zerstückelung von Einzelfächern, wonach zukünftig nur noch so genannte „Spezialisten" bestimmte, im ärztlichen Beruf elementare Behandlungen durchführen dürften, wenn sie nach den Vorgaben der politischen Führung vor allem in Bürokratie nachweislich zertifiziert geschult wurden", so MR Dr. Baumgartner.

Der Großteil der Diabetespatientinnen und -patienten wird und wurde auch ohne das DMP-Projekt von den Ärztinnen und Ärzten schon immer sehr gut und vor allem auf ihre individuellen Bedürfnisse ausgerichtet durch ihre Krankheit begleitet. „Die Forderung der Ärztekammer nach neuen Leistungen im Kassenvertrag dieses Krankheitsbild betreffend wurde hingegen ständig abgeblockt."

Knappe finanzielle Mittel dort einsetzen, wo sie nachweisbar medizinischen Nutzen bringen

Gerade im hausärztlichen Bereich sollten die Ärztinnen und Ärzte aus Sicht von Präsident Dr. Reisner das anwenden dürfen, was zu den elementaren Grundlagen ihres Berufs gehört. „Dies gehört im Kassenvertrag verankert und nicht in einer als Qualitätssicherung getarnten Bürokratisierung und Zugangsbeschränkung für Patientinnen und Patienten." Diese „Checklistenmedizin" hatte eine breite Ablehnung der Ärzteschaft zur Folge, obwohl für die Abwicklung sogar ein zusätzliches Honorar aus einem Topf abseits des Kassenvertrages gezahlt wurde.
„Und genau das können wir als Ärztekämmerer und auch als verantwortungsvolle Staatsbürger nicht unterstützen: Wenn Budgetmittel im Gesundheitssystem vorsätzlich für Verbürokratisierung ohne medizinischen Nutzen verwendet werden, dann führt das in letzter Konsequenz zur Verknappung des medizinischen Leistungsangebots. Wir Ärztinnen und Ärzte in Niederösterreich stehen hingegen für medizinisch effiziente, von möglichst schlanker Verwaltung begleiteter Diabetesbehandlung für alle Patientinnen und Patienten durch alle Ärztinnen und Ärzte. Und daher erteilen wir dem DMP-Projekt eine Absage", so MR Dr. Baumgartner.

Reaktionen auf die Entscheidung

Niederösterreichs Patientenanwalt Gerald Bachinger hält die Argumente der Kammer für fadenscheinig. "In Wirklichkeit stört die Standesvertretung, dass sie zu wenig Einfluss auf das Programm nehmen kann. Dem wird nun das Wohlergehen jetziger und künftiger Diabetes-Patienten geopfert." Für Elfriede Schnabl von der Selbsthilfe NÖ ist die Ungeduld seitens der Ärztevertreter unverständlich. "Nach Kritik der Ärztekammer wurde erst im Frühjahr 2010 eine neue Vereinbarung geschlossen, in der ihre Forderungen berücksichtigt wurden. Nur eineinhalb Jahre später aus einem langfristig angelegten Projekt auszusteigen, ist unverantwortlich."

Es würde ihn freuen, würde die Kammer ihre Entscheidung überdenken, reagierte der Obmann der NÖGKK, Gerhard Hutter. Gleichzeitig kündigte er an, dass die Gebietskrankenkasse alles tun werde, um die verbesserte Versorgung der Diabetespatienten nicht zu gefährden. "Wir prüfen derzeit sämtliche Möglichkeiten, wie wir das Projekt für die Patienten und Ärzte fortsetzen können."

Der Gesundheitssprecher der Grünen fordert die Weiterführung des Programms in Niederösterreich

In Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Grünen betreffend 'Verbesserung der Diabetes-Versorgung in Österreich' teilte der Gesundheitsminister im Mai diesen Jahres mit, dass mit Stand 10. 4. 2012 in Österreich 966 ÄrztInnen am Programm 'Therapie Aktiv' teilnehmen und insgesamt 30.027 DiabetikerInnen versorgen (Niederösterreich: 142 ÄrztInnen und 5.489 PatientInnen). "Das ist noch immer viel zu wenig", so der Gesundheitssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, "um eine moderne, optimale Behandlung der DiabetikerInnen in Österreich zu gewährleisten, muss das Programm ausgebaut, nicht eingeschränkt werden!"

In der Anfragebeantwortung der parlamentarischen Anfrage heißt es von Bundesminister Alois Stöger: 'Das DMP (Disease Management Programm) soll die Basistherapie im Rahmen von strukturierten Behandlungspfaden auf die Hausärztinnen/-ärzte konzentrieren, daher ist es wichtig, dass es von diesen wohnortnah und zahlreich angeboten wird. Für das Jahr 2012 beabsichtigt die Sozialversicherung die Anzahl der DMP-Ärtztinnen/-Ärzte maßgeblich zu erhöhen.'

"Mit den Disease Management Programmen im Bereich Diabetes wird der niedergelassene Bereich aufgewertet, deshalb ist der Ausstieg der niederösterreichischen Ärztekammer umso unverständlicher ", so Grünewald "außerdem ist dies äußerst unverantwortlich den PatientInnen gegenüber, die bereits das Programm begonnen haben".

Landesrätin Scheele: "Bedauerlichen Rückschritt"


Das Ende des Diabetes-Programms "Therapie aktiv" in Niederösterreich wäre ein "bedauerlicher Rückschritt", reagierte Landesrätin Karin Scheele (S). Sie appellierte an die NÖ Ärztekammer, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken.

"Diabetes Mellitus Typ 2 wird leider immer mehr zur Volkskrankheit, immer mehr Menschen sind zu einem immer früheren Zeitpunkt betroffen", erinnerte Scheele. Gerade für Diabetiker seien regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen besonders notwendig. Sie hoffe daher, dass es gelinge, "dieses Programm doch noch aufrechtzuerhalten", so die Landesrätin.


 

ÄKNÖ/APA/IS, springermedizin.at

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