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Gesundheitspolitik 10. September 2012

Warum hängen alle so an diesem Unsinn?

Ökonomen im Gesundheitssystem führen zu Kostenexplosionen

Immer wieder versuchen Ökonomen das Gesundheitssystem in Zahlen abzubilden, was natürlich erkenntnistheoretisch nicht geht. Abgesehen davon, dass es in den Arbeitszeiten und Gehaltszahlungen enorme Unterschiede zwischen privat und öffentlich gibt, hat die Medizin nun evidence-based nachgewiesen, dass ökonomische Interventionen zur Kostenexplosion führen, weil es, wie McKinsey (unverdächtig) nachweist, erst zu Einsparungen kommt, wenn Ärzte in den Führungspositionen stehen und mitentscheiden.

Im Hauptverband der Sozialversicherungsträger und vielen Kassen sitzen vor allem Ökonomen, die keine Ahnung von Medizin haben (woher auch, sie haben ja noch nie Patienten behandelt und können sich das nicht vorstellen). Diese propagieren, dass z. B. Vorsorgeuntersuchungen Einsparungen bringen. Seit Jahren ist bekannt, dass Vorsorgeuntersuchungen mit wenigen Ausnahmen vor allem zusätzliche Kosten verursachen und fast nichts zur Gesundheit der Bevölkerung beitragen. Warum sollen eine Anamnese und ein Status, durchgeführt an einer 23-jährigen, ein längeres und gesünderes Leben ergeben. Das ergibt a priori keinen Sinn.

Aber es gibt noch ganz andere Hinweise: In den USA wurden die Polizzenkosten für ambulante Arztbesuche für ältere Patienten erhöht, um Kosten zu sparen. Auf so eine Idee können nur Ökonomen kommen. Die Patienten gingen tatsächlich weniger oft zum Arzt und wurden dann kränker ins Spital eingeliefert, mussten dort länger liegen und die Gesamtkosten explodierten.

In North Carolina wurden Millionen Dollar für Qualitätsmanagement ausgegeben (zumeist nur eingeführt, um Kosten zu sparen), an der Qualität änderte sich nach sieben Jahren nichts, aber das Geld war weg. Mittels Disease Management wollte man die Kosten senken, indem man Patienten intensiver ambulant betreute. Dies ist wirklich weltweit gescheitert. So kam es also zu keiner Senkung der Spitalsaufenthalte und zu keiner Senkung der Zahl der Notfallsambulanzbesuche - und auch zu keinen Einsparungen.

Sodann erfanden Ökonomen in England „pay for performance“. Außer, dass die Ärzte nach Einführung dieses Systems weniger gut für die Patienten erreichbar und Millionen Pfund weg waren, hat auch dieses System nichts gebracht – auch qualitativ nicht.

Ebenso wurden alle „total quality systeme“ (ISO, EFQM, Balance Score Card etc.) dazu erfunden, die Kosten in den Griff zu bekommen. Seit Jahren zeigt sich, auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt, dass es zu keiner Verbesserung der Performance von Spitälern kommt, aber dass diese Systeme unglaublich teuer sind und das Personal vor allem an der Arbeit am Patienten behindern.

Die Liste an Beispielen ließe sich beliebig fortsetzen. Es ist ganz klar und gut dokumentiert, dass auch alle ELGA-Systeme für die Patienten gar nichts bringen (sondern insgesamt potenziell gefährlich sind), strategisch nichts bringen und zu einer Verteuerung führen. Warum hängen alle so an diesem Unsinn? Was bringt den Befürwortern das Befürworten? Der EDV-Industrie Millionen oder Milliarden? Vermeintliche Macht? Vermeintliche Kontrolle über Ärzte? Es ist und bleibt unklar, dafür ist es aber zu teuer.

Also: Beenden wir diese teuren unsinnigen Qualitätssysteme! Wir würden unglaublich viel Geld sparen und könnten unsere Qualität wieder erhöhen, indem wir uns wieder mit Patienten statt mit Computern auseinandersetzen.

1 Univ.-Prof. Dr. Kaspar Sertl, Systemischer Organisationsberater, Gruppendynamiktrainer, Primarius, Pianist, Wien

Corrigendum
Qualitätsmanagementsysteme
Durch einen Übertragungsfehler wurde im Beitrag „Warum hängen alle so an diesem Unsinn?“ von Univ.-Prof. Dr. Kaspar Sertl in der Rubrik „Perspektiven“ in der Ausgabe 4/2012 des wiener klinischen MAGAZINs anstelle der Weltgesundheitsbehörde WHO die Österreichische Wirtschaftskammer WKO als Referenz für ausbleibende Verbesserungen der Performance von Spitälern durch „total quality systeme“ genannt.
Richtig muss es heißen: „Ebenso wurden alle „total quality systeme“ (ISO, EFQM, Balance Score Card etc.) dazu erfunden, die Kosten in den Griff zu bekommen. Seit Jahren zeigt sich, auch von der WHO bestätigt, dass es zu keiner Verbesserung der Performance von Spitälern kommt, aber dass diese Systeme unglaublich teuer sind und das Personal vor allem an der Arbeit am Patienten behindern.“
  • Herr Dr. Max Laimböck, 16.10.2012 um 11:45:

    „Sehr geehrter Herr Sertl,

    Sie verwenden in Ihrem Beitrag im „wiener klinischen magazin“ für die Qualifikation als Führungskraft im Gesundheitsbereich ein Entscheidungskriterium, das - nach meiner Meinung – nicht mehr zeitgemäß ist: die ursprüngliche Ausbildung als Arzt, Krankenpfleger, Therapeut, Wirtschaftswissenschaftler.

    Auf Führungsebenen wird das in der Ausbildung ursprünglich angeeignete Fachwissen unbedeutender und die Managementkompetenz wichtiger. Daher leitet ein Arzt ohne Führungskompetenz ein Spital eher ungünstiger als ein Manager mit Führungskompetenz und begrenztem medizinischen Wissen (der sich von kompetenten Medizinern bzw. Stabsstellen beraten lässt). Und jetzt werden wir einer Meinung sein: günstig sind hohe medizinische und Managementkompetenz als Voraussetzung für Führungspositionen im Gesundheitswesen.

    In Österreich haben sich Ärzte zumeist auf den medizinischen Bereich begrenzt und können ohne Managementqualifikation und –erfahrung daher kaum Führungspositionen gewinnen. Wenn ein Arzt eine einjährige theoretische Managementfortbildung absolviert reicht das nicht aus, unmittelbar eine Führungsposition ausfüllen zu können. Meine Erfahrungen mit leitenden Ärzten, die hohe medizinische aber völlig ungenügende Führungskompetenz hatten, sind umfangreich. Manche Ärztliche Direktoren verstehen sich als ärztliche Interessenvertreter und nicht als Unternehmensführung. Wenn sich Ärzte zum Berufswechsel entscheiden, haben sie gegenüber Managern ohne medizinischer Ausbildung und Praxis Vorteile und führen Spitalsunternehmen als Alleinvorstand sehr erfolgreich. Wenn sich Ärzte aber zu diesem Berufswechsel nicht entscheiden können, bleiben sie auf der „Fachebene“ und sind für Managementebenen kaum 1. Wahl. Sie müssen sich für diesen Berufswechsel vom Arzt zum Manager entscheiden, sonst werden sie von Nicht-Ärzten geführt werden.

    In anderen Bereichen hat sich dieses Wissen längst etabliert: wenn ein Pharmakologe ein Pharmaunternehmen leitet, kann dies sehr sinnvoll sein (bei Bayer leiteten zumeist Pharmakologen das Unternehmen, kaum aber bei den anderen führenden Pharmaunternehmen), aber es reicht nicht ein Pharmakologe zu sein, um ein Pharmaunternehmen erfolgreich zu führen. Ich war z.B. 12 Jahre in einem sehr erfolgreichen Pharmaunternehmen, das ein ursprünglich als Ingenieur ausgebildeter Manager geleitet hat. Die ursprüngliche Ausbildung tritt in den Hintergrund und die Führungskompetenz in den Vordergrund, wenn eine höhere Führungsposition ausgefüllt werden muss.

    Daher: für eine Führungsperson im Gesundheitssystem ist nicht entscheidend, zu welcher Berufsgruppe der Leiter einer Kasse, eines Spitals, eines Gesundheitsunternehmens oder einer Behörde zählt, er muss das Unternehmen gut führen können. Und dafür reicht die Fachkompetenz als Arzt, Krankenpfleger, Therapeut nicht aus. Aber: Ärzte, Krankenpfleger, etc., die sich Managementkompetenz theoretisch und praktisch angeeignet haben, sind als Führungspersonen im Gesundheitsbereich besonders gut geeignet.

    Kurzum: Die berufsgruppenspezifischen Betrachtungsweise ist nicht mehr zeitgemäß. Die zeitgemäße Forderung ist die Kompetenz zur Unternehmensführung und nicht die ursprüngliche Ausbildung zum Arzt.

    Nichts für ungut! Aber das Berufsgruppendenken ist ein Vergangenheitsdenken.

    Max Laimböck“

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