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Gesundheitspolitik 15. Juni 2009

"Ein Gesamtbudget ist unbedingt notwendig"

Mag. Monika Maier als Sprecherin des ARGE Selbsthilfegruppen Österreich bemängelt, dass Patienten bei der Diskussion über eine Gesundheitsreform auf der Strecke bleiben.

Hört man sich die Diskutanten in der laufenden Debatte um eine Gesundheitsreform an, so glaubt man tatsächlich, dass der Patient im Vordergrund stehe. Doch werden Patienten überhaupt in die Reformgespräche einbezogen?

Monika Maier, Sprecherin der ARGE Selbsthilfegruppen, kritisiert, dass Patienteninteressen kaum berücksichtigt werden. Die stünden den meisten Verantwortlichen nur im Wege.

Wo krankt es Ihrer Meinung nach im Gesundheitswesen?

Maier: Eine fast chronische Krankheit im Gesundheitssystem ist die fehlende Bereitschaft der Player, Veränderungen zuzulassen oder auch nur anzudenken. Die Energie wird nicht dafür verwendet, emotionslos über Veränderungen nachzudenken, sondern dazu, die erworbenen Rechte mit allen Mitteln zu verteidigen und die eigenen Interessen durchzusetzen. Dabei ist jedes Mittel, seien es Demonstrationen oder Streiks, recht. Es entsteht der Eindruck, dass der Begriff Gesundheitsreform zum Reizwort geworden ist und so viel Staub aufwirbelt, dass der Blick auf die Fakten stark vernebelt wird. Wenn Veränderungen von allen Beteiligten getragen werden sollen, müssen sie auch gemeinsam entwickelt werden. Wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Reform sind konkrete Ziele, wie das System finanziert werden kann. Aber – und das macht mir wirklich Sorge – die scheint niemand zu haben. Es ist reine Zeitverschwendung, über eine Reform nachzudenken, wenn das Ziel – zumindest aus Patientensicht – nicht bekannt ist.

Und wie soll eine solche Finanzierung dann aussehen?

Maier: Die zahlreichen Finanzierungsströme machen eine Kostentransparenz unmöglich. Aus meiner Sicht ist ein Gesamtbudget unbedingt notwendig, um zum einen die notwendige Transparenz herstellen zu können und zum anderen auch die Finanzströme entsprechend lenken zu können. Es kann ja wohl nicht sein, dass die Sozialversicherung einen Pauschalbetrag für die stationäre Versorgung zahlt, aber keinen Einfluss auf die Verwendung der Mittel hat und auch keinen Überblick, wie viel die Behandlung eines Versicherten im Krankenhaus kostet.

Welche Visionen haben Sie?

Maier: Patientinnen und Patienten müssen im Mittelpunkt der Reformbemühungen stehen. Und sie sind am Prozess zu beteiligen. An ihrem Bedarf und ihren Bedürfnissen hat sich das Gesundheitssystem zu orientieren, da eine unzureichende Bedarfsorientierung einen kostentreibenden Faktor darstellt. Und die notwendigen Leistungen müssen in Hinblick auf Angemessenheit, Kosteneffektivität und effiziente Erbringung hinterfragt werden. So sind etwa Doppeluntersuchungen, die entweder aus Erwerbsinteresse oder aus mangelnder Koordination vorkommen, nicht im Interesse der Betroffenen, verursachen aber nicht unerhebliche Kosten. In der Diskussion darf nicht vergessen werden, dass Ausgaben für die Behandlung von Patienten immer auch Einnahmen für Behandler sind.

Wie ist die ARGE Selbsthilfe in die Diskussion über eine Gesundheitsreform eingebunden?

mAIER: Sie ist in die aktuelle Diskussion überhaupt nicht eingebunden. Weder Hauptverband noch Ärztekammer halten es für notwendig, Patientinnen und Patienten im Vorfeld zu informieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich aktiv einzubringen.

Was sind die Herausforderungen der kommenden Jahre?

mAIER: Darüber nachzudenken, wohin der medizinische Fortschritt führt. Er führt meiner Meinung nach dazu, dass Menschen zwar behandelt, aber nicht geheilt werden können, das heißt, sie leben Jahre und oft Jahrzehnte mit einer chronischen Erkrankung und sind mit dem Gesundheitssystem konfrontiert. Diese Patienten erwarten sich einen Zugang zu einer optimalen Versorgung, unabhängig von ihrem sozialen Status und ihren finanziellen Möglichkeiten. Es muss eine ehrliche Diskussion darüber geführt werden, ob das Gesundheitssystem tatsächlich alle Behandlungsmöglichkeiten finanzieren kann und will. Es stellt sich schon die Frage nach der Patientenorientierung, wenn es zwar eine geeignete Behandlungsmethode gibt, die aber nicht bezahlt oder gar rationiert wird.

Das Gespräch führte Andreas Feiertag

 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie Stakeholder im Gesundheitswesen:

Im Interview Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungsträger: "Ohne Kassensanierung braucht es keine Visionen"

Im Interview Dr. Hubert Dreßler, Präsident der Pharmig Österreich: "Alle Zusatzzuckerln nur über Zusatzversicherung"

Im Interview Mag. pharm. Heinrich Burggasser, Vorstand der Österreichischen Apothekerkammer: "Zu viele Seiten reden mit"

Im Interview Dr. Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer: "Nein, die Ärztekammer ist nicht reformresistent"

Im Interview Dr. Otmar Peischl, Obmann des Generikaverbands: "Gleicher Zugang für alle zum Gesundheitssystem"

Im Interview Mag. Christoph Sauermann, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI): "Daumenschrauben für den Föderalismus"

Kasten:
Sprachrohr für alle Selbsthilfegruppen
Themenübergreifende Selbsthilfe-Dachverbände und -Kontaktstellen Österreichs haben sich im Jänner 2000 zu einer Arbeitsgemeinschaft, der ARGE Selbsthilfe Österreich, zusammengeschlossen, um eine Stärkung, Qualifizierung und Bündelung der Ressourcen in den unterschiedlichen Formen der Selbsthilfe zu erreichen. Die ARGE vertritt derzeit die Interessen von gut 1.000 Selbsthilfeorganisationen mit mehr als 200.000 chronisch Kranken.
Wordrap:
Kurz gefragt
• Gesundheitssystem leistet ...
- ...zu wenig Beziehungsmedizin und zu viel Apparatemedizin.
• Selbstbehalte sind für mich...
- ... an der Grenze des Zumutbaren.
• Meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ...
- ... vor etwas mehr als einem Jahr.
• Gesundheitspolitik interessiert mich, weil ...
- ...ich dazu beitragen möchte, dass PatientInnen die Versorgung bekommen, die sie in ihrer Situation benötigen.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... Lebensqualität und Selbstbestimmung.
Zur Person
Mag. Monika Maier, Sprecherin der ARGE Selbsthilfegruppen Österreich.




Monika Maier wurde 1954 geboren. Nach dem Studium der Pädagogik mit der Fächerkombination Grundlagen der Psychologie und psychosoziale Praxis (Diplomarbeit: Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen im Rahmen der Gesundheitsförderung) begann sie zunächst bei der Kärntner Selbsthilfegruppen-Organisation, 1997 wurde sie dort mit der Geschäftsführung betraut. Mit der Gründung der ARGE Selbsthilfegruppen Österreich wurde die Kärntnerin dann als bundesweite Sprecherin dieser Vereinigung gewählt. Mag. Monika Maier ist daneben Lektorin an der Fachhochschule Feldkirchen im Studiengang Gesundheits- und Pflegemanagement. Sie wurde 2004 mit dem Silbernen Verdienstzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet.
Info: ARGE Selbsthilfe, Kärnten; www.selbsthilfe-oesterreich.at

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche 24 /2009

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