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Labortests für die personalisierte Medizin: Welche Arzneien können einem Patienten helfen?
 
Gesundheitspolitik 3. September 2012

Personalisierte Medizin: Investitionen nötig

Onkologe Zielinski: "Wenn wir sagen 'personalisierte Medizin ist o.k.', müssen wir Geld in die Hand nehmen".

Ausgehend von der Onkologie - dort ist die genetische Charakterisierung von Krankheitsprozessen am weitesten fortgeschritten - hat sich die "personalisierte Medizin" zu einem Slogan für alle Fachgebiete entwickelt. "Wenn wir sagen, dass personalisierte Medizin o.k. ist, dann müssen wir Geld in die Hand nehmen, um dabei zu sein. Wenn man das nicht tut, wird man hintenbleiben", sagte am Freitag der Koordinator des Comprehensive Cancer Center (CCC) von MedUni Wien und AKH, Christoph Zielinski, bei einem Pressegespräch aus Anlass des ersten zentraleuropäischen Kongresses zu dem Thema am Wiener AKH.



Der Hintergrund: Per molekularbiologischer Charakterisierung von beim einzelnen Patienten vorliegenden Krankheits- und Stoffwechselmerkmalen soll in Zukunft die Therapie von Erkrankungen am besten nur mit im Einzelfall wirksamen und gleichzeitig nebenwirkungslosen Therapeutika erfolgen. Das ist ein hehres Ziel - derzeit in mehreren Ansatzpunkten bereits in der Onkologie verfolgt.

Tsunami an Daten

Gerald Prager, Onkologe von der Universitätsklinik für Innere Medizin I der MedUni Wien am AKH: "Die personalisierte Medizin hat längst Eingang in die Onkologie gefunden. Wir haben einen Tsunami an Daten. Wir wollen wissen, wo die Verkehrsknotenpunkte (beim Wachstum von Krebszellen und Tumoren, Anm.) sind. Entscheidend ist, dass wir die 'Südosttangente' und nicht irgendeine Ausfahrt blockieren. Pro Tumorart gibt es wahrscheinlich sechs bis acht solcher Verkehrsknotenpunkte."

Teure Forschung


Dort könnten spezifisch wirkende Therapeutika ansetzen. Doch dafür muss man Tumormaterial molekularbiologisch bis in feine Details charakterisieren, dazu die spezifisch wirkenden Medikamente austesten und - am besten - auch gleich noch die Stoffwechselmerkmale (individuelle Abbaugeschwindigkeit für Wirkstoffe etc.) des einzelnen Patienten einrechnen. Letzteres soll auch vor schweren Nebenwirkungen schützen. Bei Lungenkrebs könnte man schon bei rund der Hälfte der Patienten nach solchen Parametern vorgehen, auch bei Brustkrebs sei man schon recht weit, erklärte Prager.

Für die Forschung - so Österreich dabei sein will - wären hier erhebliche Investitionen in Geräte notwendig, zum Beispiel in Genom-Sequenziergeräte. Das ehemals weltweit führende Sanger-Zentrum (Großbritannien) hat - so der Vizerektor der MedUni Wien, Markus Müller, bei dem Hintergrundgespräch aus Anlass des "Ersten zentraleuropäischen Kongresses für personalisierte Medizin" (bis 1. September), hat derzeit rund 50 der neuesten Geräte, mit denen das Genom eines Menschen binnen rund einem Tag und zu vergleichsweise geringem Preis entschlüsselt werden kann. In Peking aber gibt es ein Zentrum mit 200 solcher Sequenzierer. An der MedUni Wien bzw. am Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CEMM) werden zwei solcher Geräte betrieben.

Unberechtigte Angst vor den Kosten



Die Angst vor enormen Kosten in der Therapie von Patienten per personalisierter Medizin ist laut Zielinski in der Onkologie unberechtigt: "Gerade die Kosten bei Krebs rekrutieren sich aus der chronischen Erkrankung, aus der chronischen Bettlägrigkeit, aus der Pflegebedürftigkeit und daraus, dass jemand den Beruf nicht mehr ausüben kann. Wenn jemand nach 15 Jahren Berufsausübung einen Hirntumor bekommt, bedeutet das eine Pension von weniger als 1.000 Euro im Monat. Das führt zu extremer Armut. Die Patienten müssen ihre Wohnung aufgeben und zu ihren Eltern übersiedeln." Hier gehe der Gesellschaft das meiste Geld verloren. Die rein medizinische Betreuung von Krebskranken lasse sich durchaus mit jener von Diabetikern, Dialysepatienten etc. vergleichen.

Eine skurrile Beobachtung des bekannten Onkologen: Man staune, wenn die größten "Kritikaster" des Gesundheitswesens plötzlich für Verwandte nach den teuersten Medikamenten nachfragen, für die es in der bei der Anfrage genannten Anwendung keine wissenschaftlichen Daten gebe. Er, Zielinski, sei erst vor kurzem mit einem solchen Schreiben konfrontiert gewesen.

MedUni Wien, springermedizin.at

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