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Netzwerken in Alpbach: (von re.) Dr. Robin Rumler (Geschäftsführer Pfizer), Prof. Dr. Thomas Szekeres (Präsident der Wiener Ärztekammer) mit Gattin,Dr. Jan Oliver Huber (PHARMIG-Geschäftsführer) und KammeramtsdirektorDr. Thomas Holzgruber (Ärztekammer Wie
 
Gesundheitspolitik 27. August 2012

In die Zukunft investieren

Health In All Policies – das war auf den Punkt gebracht auch heuer wieder das Fazit zahlreicher Expertendiskussionen und Forderungskataloge im Forum Alpbach.

Die Kinder- und Jugendgesundheit war bei den diesjährigen gesundheitspolitischen Gesprächen von 17. bis 21. August zum Schwerpunkt gewählt worden und bildete den roten Faden durch zahlreiche Veranstaltungen. Aufmerksame Leser wissen, dass bereits im Vorjahr das Thema im Mittelpunkt eines Arbeitskreises stand. Umso berechtigter ist daher die Frage: Was ist passiert mit dem Forderungskatalog von 2011, der traditionell am letzten Tag der Gespräche den politischen Entscheidungsträgern präsentiert wird? Und welche Chancen auf Realisierung haben jene Ideen, die in den Expertenrunden heuer ausgearbeitet wurden?

Zurück in den – damals ebenso heißen – August 2011: Im Arbeitskreis Kinder- und Jugendgesundheit waren die Schaffung und die gesetzliche Verankerung eines unabhängigen und weisungsfreien, interdisziplinären Sachverständigenrates für Kinder-und Jugendgesundheit, die systematische Datenerhebung, das Monitoring und die EDV-Verarbeitung sowie ganzheitliche präventive Programme zur Gesundheitsförderung das Ergebnis, das an Gesundheitsminister Alois Stöger als Forderung übergeben wurde. Und obwohl oder gerade weil diese Themen nach wie vor in weiten Strecken unbehandelt auf dem Tisch liegen, waren heuer gleich die gesamten Gesundheitsgespräche noch einmal den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft gewidmet.

Körper, Geist und Seele

Sehr umfassend ging es bereits bei den Keynote-Vorträgen um die körperlichen, mentalen und sozialen Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt, wenn aus Kindern später einmal gesunde Erwachsene werden sollen. Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth, Vizepräsidentin des Forum Alpbachs und Leiterin der Wiener Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, fordert mehr Verantwortungsbewusstsein bei Medizin und Gesellschaft für den Umgang mit dem wertvollen Gut „Kind“. Psychologe Prof. Dr. Thomas Elbert von der Universität Konstanz beleuchtet die Chancen und Gefahren des Einsatzes von Tablet-Computern anstelle der leiblichen Eltern.

Dr. Robert Schlack, Gesundheitswissenschaftler vom Berliner Robert-Koch-Institut und Studien- sowie Mitautor des ersten deutschlandweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), zeigt Daten und Fakten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern auf.

Neue Herausforderungen

„In den letzten Jahren haben sich die Risiken verändert. Die Bedrohungen heißen nicht mehr Infektions- und Mangelerkrankungen, sondern Süchte, chronische Erkrankungen, Entwicklungsstörungen und psychosoziale Indikations- und Regulationsstörungen“, bringt es Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, auf den Punkt. Für Kinder und Jugendliche, die 19 Prozent der österreichischen Bevölkerung ausmachen, beträgt der Anteil an den Gesundheitsausgaben lediglich sieben Prozent. Sozial benachteiligte Gruppen in Ballungszentren und ländlichen Einschichtgebieten werden von medizinischen Angeboten teilweise gar nicht erreicht.

Auch Dr. Robin Rumler, Präsident der Pharmig, betont die Bedeutung eines guten Lebensstils ab frühester Jugend. „Österreich hat bei der Olympiade in London keine einzige Medaille gewonnen. Dafür belegen wir beim Rauchen einen Stockerlplatz und sind in den Disziplinen Alkoholkonsum und Übergewicht im Spitzenfeld“, so Rumler. Der schlechte Gesundheitszustand der Jugend wird bei einer Fortführung dieser Situation bis 2030 jährliche Mehrkosten von 1,6 Milliarden Euro verursachen und bis zum Jahr 2050 auf 3,7 Milliarden Euro steigen.

Neue Impulse für die Forschung

Die meisten Kinder werden gesund geboren und wachsen auch in guter Gesundheit auf. Werden sie krank, sollen sie die bestmögliche Versorgung erhalten. Doch anders als bei Erwachsenen werden viele Kinder mit Medikamenten behandelt, die für diese Zielgruppe nicht ausreichend geprüft wurden.

Hier gibt es erfreuliche Nachrichten aus den Tiroler Gesprächen: Eine gemeinsame Anschubfinanzierung für den Aufbau eines entsprechenden Forschungsnetzwerkes für Kinderarzneimittel durch das Gesundheitsministerium und die pharmazeutische Industrie wurden von Bundesminister Stöger und Pharmig-Präsident Dr. Jan Oliver Huber zugesagt. In den nächsten fünf Jahren gehen 150.000 Euro pro Jahr in ein Netz, das Medikamente auf ihre Kindertauglichkeit prüft.

„Bis zu 90 Prozent der Medikamente sind für Kinder nicht zugelassen“, erklärt Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde die aktuelle Situation. Das birgt nicht nur ein Risiko für die Patienten, sondern kann auch schwerwiegende Haftungsfolgen für die Behandler haben – vor allem im niedergelassenen Bereich. Eine ausreichende Versorgung von Kindern mit eigens für sie geprüften und zugelassenen Arzneimitteln ist nicht nur dringend notwendig, sondern außerdem seit 2007 per EU-Verordnung vorgeschrieben. Das geplante Kinderforschungsnetzwerk werde nicht nur die Versorgung der Kinder mit für sie zugelassenen Arzneimitteln nachhaltig verbessern, sondern kann auch als wesentlicher Impuls für den Forschungsstandort Österreich gewertet werden“, sagt Huber. Die Aufnahme der operativen Tätigkeit des Kinderforschungsnetzwerkes ist für 2013 geplant; ab 1.1.2018 soll das Netzwerk finanziell auf eigenen Beinen stehen.

Medizin ist nicht alles

„Somatisch Kranke erhalten fast ausnahmslos zeitgemäße Therapien, wenn auch manchmal mit Off-Label-Medikamenten Für psychiatrische, psychosomatische und sozialpädiatrische Erkrankungen und Probleme gibt es aber noch Defizite, die es rasch zu beseitigen gilt. Vor allem im „Mental-Health“-Bereich wird man innovative Konzepte brauchen, um möglichst bald eine flächendeckende Versorgung anbieten zu können“, so Kerbl. Großes Verbesserungspotenzial sieht der Experte auch im Bereich der Prävention wie beispielsweise bei der Zahngesundheit, der Adipositas-, Sucht- oder Unfallprävention. Als wirksames – und bereits vorhandenes Instrument – nennt der Mediziner etwa den Ausbau des gut etablierten Mutter-Kind-Passes bis ins Schulalter „Und es sollte selbstverständlich werden, dass auch Kinder einen Anspruch auf Rehabilitation, kostenfreie Physio-, Logo-, Ergo- und Psychotherapie haben sowie von Selbstbehalten befreit werden“, meint Kerbl.

Die Gesundheitsgespräche haben deutlich gezeigt, dass es nicht unbedingt die „Hardcore“-Fragen der medizinischen Versorgung sind, die einer Lösung bedürfen. Der Bogen spannt sich von einer verantwortungsvollen Elternschaft, über die Förderung der Gesundheits- und Lebenskompetenz bis zum Ausbau von Angeboten in Schulen und Kindergärten, von der Rolle der Schulärzte bis zur offenen Jugendarbeit. Viele Wege führen zum Ziel und vielleicht ist gerade das die Krux: Denn plakative, öffentlichkeitswirksame oder durchaus engagierte Einzelaktionen gibt es viele. Was nach wie vor fehlt, ist ein längerfristiges Problembewusstsein und die vernetzte Zusammenarbeit unterschiedlicher Interessengruppen quer über alle Ressorts.

Eine Reihe konstruktiver Veränderungsvorschläge (siehe Kasten) wurde mit dem Know-how der Teilnehmer erarbeitet. „Damit wird ein Dialog zwischen Experten und Politik möglich, weil gleichermaßen fundierte wie klar formulierte Veränderungsvorschläge an die Politik adressiert werden“, verdeutlicht Rumler die Ergebnisse der Alpbacher Gesundheitsgespräche. Ob man dennoch nicht wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat, beleibt offen, denn Betroffene selbst – nämlich die so oft zitierten Kinder und Jugendlichen– waren in keinem der Arbeitskreise anwesend ...

Die Top 7 Veränderungsvorschläge der Alpbacher Gesundheitsgespräche 2012 im Einzelnen

(Reihung nach Relevanz):

1. Investition in Elternkompetenz (Primärprävention) und in psychosoziale Früherkennungs- und Frühfördersysteme: Etablierung eines aufsuchenden Angebots beginnend mit jeder Schwangerschaft

2. Gesundheits- & Lebenskompetenz (v.a. Ernährung, Bewegung, psychosoziale Aspekte) bereits ab Kindergarten und dann in Schulen gut verankern

3. Schule als Lebensraum für den ganzen Tag mit verfügbaren freien Projekt- und Bewegungsflächen gestalten

4. Etablierung des „Kinderforschungsnetzwerks“ für sichere Arzneimittel

5. Investition in beziehungsorientierte psychosoziale Aus- und Weiterbildung für alle Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten (Kindergarten, Schule, Jugendarbeit, Pflege etc.), v.a. im pädagogischen Bereich

6. Datensammlung und Versorgungsbedarfsplanung

7. Konzertierte Umsetzung von Strategien forcieren & langfristige Health-In-All-Policy & Bündelung der Initiativen – Messbarkeit und Governance

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