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© Dr. Rainer Schroth,
Obmann der Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin. © Schrothkur
© Tischenko Irina / shutterstock
 
Gesundheitspolitik 24. August 2012

„Messen, Therapieren, Kontrollieren“

Die Orthomolekulare Medizin wird vom VKI kritisiert. Dr. Rainer Schroth, Obmann der Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin (ÖGOM), erklärt im Gespräch mit der Ärzte Woche, warum die Darstellungen „unqualifiziert und unrichtig“ sind.

Für den Verein für Konsumenteninformation (VKI) ist die therapeutische Wirksamkeit der Orthomolekularen Medizin (OM) bis dato nicht ausreichend nachgewiesen. Kritisiert werden vor allem die hohen Dosierungen, die laut VKI zum Teil weit über den in der EU empfohlenen Höchstmengen liegen. Solche Überdosierungen könnten für den Patienten problematisch sein.

Herr Dr. Schroth, der Bericht des Vereins für Konsumenteninformation hat die Orthomolekulare Medizin scharf kritisiert – was haben Sie gedacht, als Sie den Bericht gelesen haben?

Schroth: Unqualifizierte Angriffe regen mich nicht auf. Sie sind leicht widerlegbar. Neu war, dass ein dem Konsumentenschutz verpflichtetes Medium kein ausgewogenes Bild vermittelte. Die „andere Seite“ wurde nicht befragt. Leicht hätten die in dem Artikel gemachten Ausführungen, welche über weite Strecken unrichtig und irreführend tendenziös dargestellt wurden, widerlegt werden können. Dass die Autorin nicht davor zurückschreckt, die Ursprünge der Orthomolekularen Medizin in einer „Vitamingläubigkeit“ der Nationalsozialisten zu orten, erstaunt. In der Bezeichnung OM ist nicht, wie der Artikel zu vermitteln versucht, die „einzig richtige Medizin“ subsumiert, sondern vielmehr das normale Vorgehen in der Medizin, dass mit den richtigen (ortho) Substanzen (Moleküle) behandelt wird.

Die Conclusio aus dem Bericht lautet: Die Orthomolekulare Medizin ist weitgehend wirkungslos, den Medizinern geht es nur ums Geldverdienen. Ihr Kommentar?

Schroth: Die angebliche Patientin wurde ja gar nicht behandelt. Aus einer Nichtbehandlung zu folgern, die „OM hat sich in unserem Test als ungeeignet zur Behandlung von Krankheiten und Störungen erwiesen“, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

Gibt es nun eine nachweisbare therapeutische Wirksamkeit?

Schroth: Zahlreiche Substanzen haben sich längst in der klassischen Medizin etabliert. Zum Beispiel: Omega-3-Fettsäuren zur Risikoreduktion des plötzlichen Herztodes; Niacin, das in Kombination mit Statinen das Risiko bei koronarer Herzkrankheit statistisch signifikant reduziert; Selen bei Schilddrüsenerkrankungen und in der Intensivmedizin. Der Aminosäure-Stoffwechsel ist auf Vitamin B6 angewiesen; Zink, ein echtes Multitalent, ist nicht nur für die Haut essenziell; Magnesium, Eisen, Folsäure in der Schwangerschaft und als Begleitung einer Methotrexat-Therapie, R-Alpha-Liponsäure bei Polyneuropathien, Aminosäuren und, und, und. Es gibt dazu eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen, die die Wirksamkeit der OM belegen. Man muss sich allerdings die Mühe machen, sie zu lesen.

Kritisiert werden vom VKI zu hohe Dosierungen, die zum Teil weit über den in der EU empfohlenen Höchstmengen liegen würden. Die Autorin zitiert dazu die Cochrane Collaboration, wonach zu hohe Dosen von antioxidativen Nahrungsergänzungsmitteln das Erkrankungsrisiko sogar erhöhen könnten.

Schroth: Leider hat die Verfasserin die Bjelakovits et.al. Metaanalyse zu den Antioxidantien nicht recherchiert. Rasch wäre sie auf Widersprüche gestoßen. Dass Studien nicht heterogen sein dürfen, einen definierten Endpunkt haben müssen und eine Spezifität haben sollen, bedarf keiner Erklärung. Zum besseren Verständnis ein Vergleich: Studien zur Wirkung von Antibiotika auf die durch Infektionen verursachte Mortalität: Dazu nehme man alle vorhandenen Antibiotika-Studien mit unterschiedlichen Antibiotika und unterschiedlichen Krankheiten und führe sie zu einer Gesamtkategorie „Antibiotika“ zusammen. Auch mit geringem Basiswissen in bakteriell verursachten Infektionen wird man ein solches Projekt als dumm bezeichnen. Was immer auch das Ergebnis für diesen gesamten Antibiotika-Effekt wäre, den es nicht gibt, ja nicht geben kann, es wäre bedeutungslos. So ging Bjelakovic in der erwähnten Cochrane Collaboration vor. Alle Vitamine – als Multivitamin, als Einzelprodukt, solche die antioxidativ wirken und solche die das nicht tun, – in unterschiedlichsten Dosierungen, mit unterschiedlich langen Einnahmezeiten, bei Kranken , Gesunden, etc. Bei näherem Interesse empfehle ich „Comments on the Cochrane review by Bjelakovic et al.“ zu googeln oder die Stellungnahme von Prof. Biesalski, welcher zu dem Schluss kommt: „Es besteht kein Anlass, auf der Basis des Reviews von Bjelakovic et al. Antioxidantien neu oder kritischer zu bewerten.“

Noch ein Wort zu hohen Dosen: Es gibt eine physiologische Dosis zur Aufrechterhaltung vitaler Funktionen und es gibt eine therapeutisch-pharmakologische Dosis. Wenn formuliert wird: „Die Vitamin D-Dosierung ist doppelt so hoch wie empfohlen“ – was ist damit gemeint? Welche Empfehlungen? EFSAHöchstgrenzen? Die der DACH-Gesellschaft? Dann lese man einfach nach. Die dortigen Empfehlungen und Schätzungen dienen der Verhinderung von Mangelkrankheiten wie Skorbut, Rachitis und anderen, die es bei uns kaum noch gibt. DACH- oder EFSA-Höchstwerte – sind diese Werte evidenced? Das Vorgehen kann nur heißen: Messen – therapieren – kontrollieren.

Wie hat die Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin auf den VKI_Artikel reagiert?

Schroth: Ich habe einen Medien-Rechtsanwalt gebeten, meine Stellungnahme dem Verein für Konsumenteninformation zu übermitteln.

Gibt es schon Reaktionen von Patienten, die den Bericht gelesen haben?

Schroth: Ja. Die meisten sahen eine Tendenz im Artikel. Der Artikel schneidet auch bei objektiver Beurteilung nicht gut ab.

Abseits des VKI: Warum sollen sich Ärzte mit OM beschäftigen?

Schroth: Die Anwendung orthomolekularer Arzneien zur Prävention und Therapie erfordert eine gründliche Anamnese, eine ausführliche Untersuchung und eine klare Diagnostik. Maßnahmen, die ausschließlich in die Hand von Ärzten gehören. Die Therapie ist patientennah und nebenwirkungsarm. Es ist eine Therapie, die den täglichen medizinischen Alltag erfolgreich erweitert. Die OM ist in der Schulmedizin sehr gut angesiedelt.

Wie viele Ärzte (und Patienten) vertritt die Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin in Österreich?

Schroth: Wir haben nicht ganz 250 Mitglieder und mehrere hundert Absolventen unserer Seminare.

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni.

ÖGOM-Seminare

Die Österreichische Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin bilden seit zwölf Jahren Ärzte aus. Durch den Besuch der ÖGOM-Seminare kann man das Diplom der ÖÄK erwerben.

Die nächsten Termine:

21. – 22. September 2012: Magnesium, Kalzium, OM in der Kardiologie, Aminosäuren

16.– 17. November 2012: Hypertonie, Säure-Basen-Haushalt, Homocystein, CYP450-Systeme

12.– 13. April 2013: OM und Diabetes, rezidivierende Infekte, Hormonhaushalt, Osteoporose

24.– 25. Mai 2013: OM und Zahnmedizin, affektive Störungen, Infusionskonzepte

Detaillierte Unterlagen unter www.schrothkur.at

Oder direkt bei Dr. Schroth:

Dr. Rainer Schroth,, Ärzte Woche 34/2012

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