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Ziel: Weniger Reparaturmedizin, mehr Vorsorge.
 
Gesundheitspolitik 21. August 2012

„Wissensweltmeister – aber Umsetzungszwerge“

Österreich investiert viel in sein Gesundheitssystem, produziert aufgrund mangelnder Effizienz damit aber beachtlich wenig Outcome, sagt eine IHS-Studie.

Im Auftrag der Plattform Gesundheitswirtschaft Österreich, einer Initiative der Wirtschaftskammer Österreich und des Forums der Forschenden Pharmazeutischen Industrie (FOPI), hat das Institut für Höhere Studien die Effizienz des heimischen Gesundheitssystems durchleuchtet und international verglichen. Das Ergebnis in einem Satz zusammengefasst: Österreichs Gesundheitssystem ist überdurchschnittlich teuer, dafür aber unterdurchschnittlich effizient. Verbesserungspotenzial gäbe es genug, das Problem dabei – mit den Worten von WKO-Vizepräsident Hans Jörg Schelling gesprochen: „Wir sind zwar Wissensweltmeister, aber leider Umsetzungszwerge.“

Die Ausgaben für Gesundheit sind hierzulande hoch, das ist längst bekannter und heute weitgehend unbestrittener Fakt. 2010 wurden 31,4 Mrd. Euro oder rund elf Prozent des Bruttoinlandprodukts in die Gesundheit investiert. Dass sich diese hohen Ausgaben aber nicht unmittelbar positiv auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung, die Patientenversorgung und die Effizienz des Systems insgesamt auswirken, belegt nun die Analyse des Instituts für Höhere Studien (IHS) „Patientennutzen stärken und Effizienzpotenziale heben!“

In der Studie wurden verschiedene Methoden der Effizienzmessung in Gesundheitssystemen angewandt, die Ergebnisse gegenübergestellt und analysiert. Ziel war es aufzuzeigen, in welcher Relation Kosten und Ergebnisse im heimischen Gesundheitssystem stehen und wie Österreich damit im internationalen Vergleich abschneidet. Dabei zeigte sich, dass die Outcome-orientierte Performance des heimischen Gesundheitssystems im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld, die Effizienz desselben sogar nur im hintersten Drittel liegt.

Outcome-Performance

Für die Berechnung eines „Ergebnisorientierten Performance-Indikators“ zog das IHS auf Basis der OECD Health Data 2011 fünf Indikatoren zur Berechnung heran: bösartige Neubildungen, Diabetes mellitus und ischämische Herzkrankheiten, öffentliche Pro-Kopf-Ausgaben für Vorsorge und für öffentliche Gesundheitsleistungen sowie potenziell verlorene Lebensjahre durch Tod vor dem 70. Lebensjahr. Österreich lag dabei mit einem errechneten Effizienzwert von knapp über 0,7 (von 1) unter 18 bewerteten Ländern lediglich auf Platz zehn. Deutschland liegt einen Platz hinter Österreich, führend sind die Niederlande. Das einzig Positive daran: Österreich hat sich in den letzten neun Jahren um rund 30 Prozent verbessert.

Die vergleichenden EU-Daten machen jedenfalls deutlich klar, dass der Outcome des österreichischen Gesundheitssystems noch ausbaufähig ist. Österreicher haben laut IHS nur Aussicht auf 59,4 gesunde und beschwerdefreie Lebensjahre, während der EU-Durchschnitt bei 60,7 Jahren liegt. Bei einer Lebenserwartung bei Geburt von mehr als 80 Jahren in Österreich gehen demnach mehr als 20 Jahre an Lebensqualität durch Krankheit verloren.

Effizienz-Performance

Beim „Effizienzorientierten Performance-Indikator“ wurden die Input-Variablen Akutbettendichte, Dichte des ärztlichen und des Pflegepersonals sowie öffentliche Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente und Medizinprodukte den Output-Variablen wie etwa Mortalitätsraten von chronischen Krankheiten wie Diabetes mellitus, gesunde Jahre und Lebenserwartung gegenübergestellt. Bei diesem „Effizienzorientierten Performance-Indikator“ erreicht Österreich dann überhaupt nur mehr den dreizehnten Platz unter fünfzehn Ländern. Dänemark, Finnland, Norwegen, Portugal, Spanien und Slowenien erreichten im Jahr 2009 den höchsten Effizienzwert von 1, Österreich lag bei knapp über 0,8.

Das Ergebnis unserer Studie belegt ganz klar, dass es in Österreich bezüglich der Effizienz des Gesundheitssystems massiven Aufholbedarf gibt“, resümiert der Studienautor und Gesundheitsexperte des IHS, Dr. Thomas Czypionka: „Der hohe finanzielle Einsatz zerschellt momentan an den Schnittstellen.“

Czypionka präzisiert auch den in der politischen Diskussion oft missbrauchten Begriff der „Kostendämpfungspotenziale“ im Gesundheitssystem: „Wenn wir von Kostendämpfung sprechen, heißt das vielmehr: Wir müssen die dadurch frei werdenden Mittel umschichten, um damit später höhere Kosten zu vermeiden.“ Im Sinne einer besseren Ressourcennutzung sollten diese frei werdenden Mittel also verstärkt in innovative Lösungen zur Verbesserung der Bevölkerungsgesundheit re-investiert werden, wünscht sich Czypionka.

Schelling-Kritik

Auch Hans Jörg Schelling, WKO-Vizepräsident und Vorsitzender des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, kommentiert die IHS-Studie kritisch: „Hohe Gesundheitsausgaben bedeuten demnach nicht, dass auch der Gesundheitszustand der Bevölkerung auf einem Bestniveau liegt. Ein relativ hoher Ressourceneinsatz bei einer nur mittelmäßigen Performance ergibt eine eher geringe Gesundheitssystemeffizienz. Das bedeutet: Unser Gesundheitssystem könnte wesentlich patientenorientierter und effizienter arbeiten. Derzeit haben wir eine einrichtungsorientierte Finanzierung, aber keine bedarfsorientierte Versorgung.“

Eine wesentliche Schuld an der mangelnden Performance sieht Schelling im typisch österreichischen Kompetenz-Wirrwarr: „Jeder ist in Österreich für etwas zuständig, aber niemand ist verantwortlich.“

Ziel müsse es nun sein, schlussfolgert Schelling aus den präsentierten Studienergebnissen, den eigentlichen Patientennutzen zu stärken und Effizienzpotenziale zu heben, denn anders sei das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem „langfristig nicht finanzierbar“. Dabei gehe es aber nicht nur um effizienzsteigernde und kostendämpfende Schritte, sondern auch um die Förderung von Eigenverantwortung, sagt Schelling. Dazu werde es notwendig sein, das „Krankheitssystem in ein Gesundheitssystem umzuwandeln“. Momentan konzentriere sich die heimische Medizin zu sehr darauf, wie man Krankheiten heilen kann und vergesse darüber hinaus, mehr auf die Bevölkerungsgesundheit zu achten.

Schelling fordert aus diesem Grund schon seit längerer Zeit ein Präventionsgesetz und beklagt, dass Krankenkassen heute nur dann „Geld für die Prävention ausgeben dürfen, wenn sie Überschüsse erzielen.“ Der Vorsitzende des Hauptverbandes argumentiert damit in die gleiche Richtung wie Czypionka, der ebenfalls einen Paradigmenwechsel von einer reinen Reparaturmedizin hin zu einer Vorsorgemedizin fordert.

Vorsorge sei letztendlich aber nicht nur eine Frage des Geldes, sondern in erster Linie des Bewusstseins. Hier liege die Verantwortung im Wesentlichen bei jedem Einzelnen, betont Schelling und verweist als Beispiel darauf, dass etwa schon 30 Minuten Bewegung am Tag den stärksten Effekt im Sinne einer aktiven Gesundheitsförderung hätten.

Aber auch die Politik sei gefordert – und zwar weit über das eigentliche Gesundheitsressort hinaus, sagt Schelling. So sollten etwa - geht es nach den Vorstellungen des Hauptverbandes – alle Gesetzesvorlagen ressortübergreifend auf ihre unmittelbaren und mittelbaren Gesundheitsauswirkungen geprüft werden müssen, bevor sie im Nationalrat beschlossen werden können.

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