zur Navigation zum Inhalt
                  © Vavrik
Dr. Klaus Vavrik, Kinderarzt und Jugendpsychiater
 
Gesundheitspolitik 14. August 2012

Kinderschutzdiskussion

Dass es in einem gesellschaftlichen Diskurs unterschiedliche Positionen geben darf, ist Normalität. Wesentlich dabei ist aber, dass jede beteiligte „Partei“ eine Stimme hat, um ihre Position zu vertreten. Die Stimme der betroffenen Kinder fehlt in der bisherigen Diskussion aber völlig. Auch Eltern, Religions- oder Kulturgemeinschaft bzw. Staat haben oftmals eigene Beweggründe, welche sich nicht automatisch mit dem Wohl des Kindes decken müssen. Die Vereinten Nationen haben daher als objektive Richtschnur die Kinderrechtskonvention erarbeitet. Auch Österreich verpflichtet sich darin, „für alle Kinder, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Religion, politischen oder sonstigen Anschauungen seiner Eltern, das Wohl des Kindes vorrangig zu berücksichtigen, …, das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung oder Schadenszufügung zu schützen und alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen zu treffen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen“.

Sind diese Rechte ausreichend sichergestellt? Niemand in einer aufgeklärten Gesellschaft würde ein Zwangsritual an Erwachsenen tolerieren, warum dann bei Kindern?

Die juristischen oder religiösen Aspekte mögen andere beurteilen. Die gesundheitlichen und die Kinderschutzfragen sollen aber von den zuständigen Fachprofessionen wie Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten diskutiert werden. Dabei ist klarzustellen: Babys empfinden Schmerz zumindest ebenso wie Erwachsene, es gibt ein Schmerzgedächtnis, welches das Erlebte engrammiert, es gibt keine medizinische Indikation zu einer prophylaktischen Entfernung der Vorhaut im Säuglingsalter, es gibt potenzielle Komplikationen sowie somatische wie oft auch heftige seelische Spätschäden.

Religionsfreiheit ist zweifelsohne ein hohes Gut. Jede Religionsausübung, egal welcher Ausrichtung, sollte sich aber im Rahmen der grundsätzlichen Menschenrechte bewegen, wo das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit als das höherwertige Gut erscheint.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben