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Gesundheitspolitik 3. Juni 2009

Wohin geht die Reise meines Lebens?

Probleme der Lebensmitte: Psychosomatik als Wechselwirkung von Körper und Geist.

In der Lebensmitte kommt es häufig zu großen Umbrüchen. Gerade bei Frauen ändert sich der Hormonstatus, die Generativität (Liebe in die Zukunft zu tragen und sich um zukünftige Generationen zu kümmern) nimmt ab, Kinder verlassen das Haus, manche Ehe wird brüchig, das Berufsende kommt in den Blick. Bei Problemen in der Lebensmitte geht es oft nicht mehr um harmlose Lebenskrisen, sondern um grundsätzliche Fragen.

 

Entscheidende Fragen, die sich Menschen in der Lebensmitte stellen, betreffen das eigene Leben und sind vor allem Sinnfragen nach der eigenen Existenz. Fragen nach dem „Wer bin ich eigentlich?“ oder „Welchen Sinn hat mein Leben?“ werden stärker, Fragen nach dem Tod tauchen auf, Einsamkeit und Depressionen entstehen.

Spätestens jetzt geht es bei den aufbrechenden Problemen um das Ganze des Lebens. Die Fragen reichen weit über psychosomatische Analysen von Erleben, Verhalten, Bewältigung von Konflikten, depressiven Verstimmungen oder Vater- und Mutteranalysen hinaus. Im Mittelpunkt steht die geistige Dimension des Menschen, die den Gesamthorizont des Seins umgreift und über die Endlichkeit der Welt hinausragt. Der menschliche Geist, der das eigene Leben als endlich erfasst, gelangt schon dadurch, dass er diese Grenze des Daseins als Grenze erfasst, in seinem Denken darüber hinaus. Deshalb kann er gar nicht anders, als sich irgendwann einmal mit den Fragen nach Tod, Endlichkeit, dem Darüber hinaus und dem Danach zu stellen. Der Mensch beginnt über sich selbst zu reflektieren: Hat das Ganze einen Sinn? Wohin geht die Reise meines Lebens? Ist mein Leben stimmig oder innerlich zerrissen? Wo und wie finde ich meinen inneren Frieden? Was habe ich bisher in meinem Leben getan?

Und dann wird das aufgewühlte Wasser klarer

Gerade in der Lebensmitte, wenn sich auch physiologische Änderungen ergeben (z.B. Menopause) brechen diese Fragen auf. Der Umbruch umfasst die Physiologie, die Psychologie und vor allem die geistige Verfasstheit des Menschen. In dieser Phase tritt das Verhältnis von Seele, Geist und Körper besonders deutlich in Erscheinung. Zur Bewältigung dieser Krise bedarf es einer inneren Umkehr und Neuausrichtung. C.G. Jung hat es so formuliert: „Was der Mensch der ersten Lebenshälfte draußen fand, muss der Mensch der zweiten Lebenshälfte drinnen finden.“

Wie aber soll er sich nach innen wenden und was findet er dort? Der erste Schritt des Sich-nach-Innen-Wendens ist das Stillwerden: der Rückzug aus dem Getriebe, um das aufgewühlte Wasser zur Ruhe kommen zu lassen, damit die Teilchen sich absetzen und das Wasser langsam klarer wird. Wenn aber jemand still wird und sich zurückzieht, um in der Stille auf sein Inneres zu hören, findet er dort oft nur Chaos, Schatten, Dunkles, Leere, Unangenehmes. In der Stille zeigt sich langsam das Verdrängte. Auf die eigene innere Wahrheitsstimme zu hören, bringt Angst und Unruhe. Also wendet sich der Mensch vom Inneren wieder ab und läuft weg. Aber langsam schwinden die Kräfte zum Weglaufen und manche Depression oder Krankheit zwingt den Einzelnen, doch zu bleiben.

Kraftzehrende Neuordnung

In dieser Phase muss das Leben neu geordnet werden. Der Begriff der „midlife crisis“ verharmlost die Dimension des Umbruchs (es sei denn, man nimmt den griechischen Begriff „krisis“ ernst, der soviel bedeutet wie Entscheidung), denn es gilt, jetzt eine ganz andere Seite des Lebens kennen zu lernen. Es ist dies zum einen das eigene Innere und zum anderen die Dimension der Endlichkeit des Daseins – und mit dieser auch jene der Unendlichkeit – zu entdecken. Es ist jene Dimension der Unendlichkeit, der Ewigkeit, des Absoluten, das jenseits von allem Relativen aufscheint. Häufig zeigt sich diese Dimension zunächst von seiner Kehrseite als Traurigkeit, Depression und ein So-geht-es-nicht-weiter-Gefühl. Die Geschwindigkeit des Lebens wird gedrosselt. Der Mensch muss ins Jetzt kommen und in den Brunnen seines Unbewussten hinabsteigen. Das ist nicht leicht und kostet Kraft. Es macht womöglich auch einsam. Doch anders kann man der Krise nicht Herr werden. Die Seele des Menschen in dieser Zeit werde, so sagte der mittelalterliche Mystiker Johannes Tauler, 77 Mal am Tag innerlich herumgewirbelt.

Die Stimme des Schweigens

Es gilt sich also dem Inneren und dem Absoluten zuzuwenden. Dieses Absolute ist dem Menschen vertraut und fremd zugleich. Augustinus drückte es personal aus: „Du bist mir innerlicher als ich mir selbst bin.“ Spätestens jetzt gilt es, dieses „Du“ in seinem Inneren zu finden und seinem Andrängen zu folgen. Nur im Vertrauen auf dieses Du wird man die inneren Turbulenzen aushalten. Es melde sich die Stimme des Gewissens und der Wahrheit. Aber sie spricht nur in der Weise des Schweigens, wie es der deutsche Philosoph Martin Heidegger formulierte. Der Mensch findet jetzt innere Stimmigkeit und inneren Frieden nur noch in diesem dialogischen Geschehen, indem er sich einlässt auf die andere Dimension des Seins, der er vertrauen lernen muss. Er kann sich dieser inneren Stimme anvertrauen, dann wird er – wie auch das Klavier, das am vorgegebenen Kammerton a gestimmt wird – seine innere Stimmigkeit und Harmonie finden. Schrittweise kann er dann sehen, dass die Zerrissenheit, die Unruhe, die depressiven Verstimmungen nur die Kehrseite eines zu eng gewordenen Gefäßes waren, das jetzt bricht, um dem Wachstum der Pflanze Raum zu geben.

Physiologisch wissen wir, dass innere Unstimmigkeiten, Zerrissenheiten, Ängste und das gesamte Innenleben des Menschen auf das Immunsystem einwirken und darüber hinaus auch auf die genetische Ebene. Gene müssen aktiviert und inaktiviert werden, und daran ist auch das Gehirn mit seinem Denken und Fühlen beteiligt: „Auch das Gehirn ... nimmt direkten Einfluss darauf, welche Gene einer Zelle aktiviert und welche Funktionen von der Zelle infolgedessen ausgeführt werden.“ (Huether 1997). Aber auch soziale Interaktionen spielen eine Rolle: „Dass zwischenmenschliche Beziehungen Einfluss auf die Aktivität von Genen ... haben, hat sich auch für das Immunsystem als zutreffend erwiesen.“ (Bauer, 2003). So schließt sich der Kreis: Die Information für Krankheit und Gesundheit liegt im Gesamtorganismus und nicht nur in den Genen. Das Innenleben spielt eine bedeutende Rolle in diesem Prozess; wenn es in die Dimension des Absoluten hineinreicht, dann hat auch die geistseelische Dimension des religiösen Innenlebens des Menschen Einfluss auf das Immunsystem und auf die genetische Verschaltung. Psychosomatik ist keine Ganzheitsmedizin, wenn sie diese Dimension des Geistes und damit die Geist-Seele-Körper-Relation nicht berücksichtigt.

Prof. Dr. med. Dr. theol. Mag. pharm. Matthias Beck hat Studien in Pharmazie, Medizin, Philosophie und Theologie abgeschlossen. Seine Promotion in Medizin verfasste er über Allergien, seine Promotion in Theologie über das Leib-Seele-Problem und die psychosomatische Medizin, seine Habilitation über die ethischen Probleme von Mensch-Tier-Wesen. Er ist außerordentlicher Universitätsprofessor für Moraltheologie/Medizinethik an der Universität Wien und veröffentlichte zahlreiche Beiträge zu medizinethischen Themen.

Von Prof. Dr. Matthias Beck, Ärzte Woche 23 /2009

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