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Ist die Entfernung der Vorhaut Körperverletzung?
 
Gesundheitspolitik 26. Juli 2012

Beschneidung wird zum Problem

Ausgehend von Deutschland schwappte die Diskussion um religiös motivierte, medizinisch nicht indizierte Beschneidungen bei Buben diese Woche auch nach Österreich über.

Das Urteil eines Kölner Gerichts, das in Beschneidungen eine strafbare Körperverletzung sieht, sorgt seit vergangener Woche auch in Österreich für Debatten. Kritiker fordern ein Verbot, im Justizministerium betont man die Straffreiheit.

„Es handelt sich um einen kleinen, in der Regel unkomplizierten Eingriff. Ungeachtet dessen stellt aber die Beschneidung - wie grundsätzlich jeder invasive Eingriff - eine Körperverletzung dar", fasst Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer, die Problematik zusammen. Vertreter des Justizministeriums erklärten, dass es keine klare Regelung diesbezüglich in Österreich gebe, dass aber von Straflosigkeit „ausgegangen wird". Die Ärztekammer überlässt die Entscheidung dem Gewissen des einzelnen Arztes, will aber das Problem diskutieren und sucht dabei auch das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse. 

Landesweite Unterschiede

In den Bundesländern wird die Situation indes verschieden gehandhabt: In Niederösterreich, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und dem Burgenland werden Beschneidungen grundsätzlich nur aus medizinischen Gründen durchgeführt. Einzelfälle von rituellen Beschneidungen will man aber nicht ausschließen und verweist darauf, dass es immerhin besser sei, wenn diese von einem Arzt durchgeführt werden anstatt von unqualifizierten Personen, an die sich die Eltern vielleicht im Fall einer Ablehnung des Eingriffs wenden würden.

Die Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie hat nach dem Kölner Urteil beschlossen, religiös motivierte Zirkumzisionen vorerst einmal einzustellen, bis die rechtlichen und ethischen Aspekte geklärt wären. Auch in der zuständigen Abteilung am Klinikum Klagenfurt prüft man derzeit die Rechtslage: Bis die gesetzliche Situation vollständig geklärt ist, sei man bei der Annahme von Beschneidungsterminen "sehr zurückhaltend“. In Vorarlberg rät Landeshauptmann Markus Wallner ebenfalls, bis zur Klärung der Rechtslage von Zirkumzisionen aus religiösen Gründen abzusehen.

Gelassener sieht man die Angelegenheit in der Bundeshauptstadt Wien. In den städtischen Spitälern werden aus religiösen Gründen pro Jahr rund 15 Beschneidungen durchgeführt. Das teilte ein Sprecher von Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely mit. Einen Anlass, diese Eingriffe zu verbieten, sieht man nicht, wie betont wurde. Für die Zulässigkeit seien das Gesundheits- und das Justizministerium zuständig. Dass es dort entsprechende Bedenken gebe, sei nicht bekannt.

   

Islam und Judentum einig

Die Vertreter von Islam und Judentum in Österreich zeigen – zumindest in dieser Frage – Einigkeit: Sie haben kein Verständnis für die Debatte über ein Beschneidungsverbot. Fuat Sanac, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) spricht von einem "Schlag gegen die Religionsfreiheit". Die Israelitische Kultusgemeinde hätte zwar kein Problem damit, wenn österreichische Spitäler den Eingriff nicht mehr durchführen würden: Es gäbe ausgebildete Mohalim, die dies übernehmen würden. Dessen ungeachtet wird die Kultusgemeinde aber gegen jeden, der Beschneidungen verbieten will, vorgehen - wenn nötig auch mit Anzeigen wegen Wiederbetätigung oder Gesetzesbruch, wie Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, ankündigt. 

Kein Kommentar vom Gesundheitsminister

Der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg überträgt die Verantwortung an Gesundheitsminister Alois Stöger: "Ich appelliere an den Gesundheitsminister, hier im Sinn aller, vor allem der Kinder und der behandelnden Ärzte, die die Entscheidungen letztendlich treffen müssen, österreichweite einheitliche Standards zum Thema Beschneidung festzulegen.“ Stöger allerdings bezeichnete die Debatte als "aufgesetzte Diskussion". Es sei ein Thema aus Deutschland übernommen worden, "das nicht wichtig ist".

Quellen: apamed

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