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Gesundheitspolitik 24. Juli 2012

Kein ambulanter Alkoholentzug mehr in Wien

Finanzierung von ambulanter Leistung des Anton Proksch Instituts reicht nicht aus.

Weil das Anton Proksch Institut als größte Suchtklinik Europas diese Leistung in seinem Ambulatorium in Wien-Wieden nach eigenen Angaben querfinanzieren musste, heißt es jetzt: "Rien ne va plus". Seit April dieses Jahres wird dort keine Alkohol-Entzugsbehandlung mehr durchgeführt. Sonst waren es pro Jahr rund 2.000 Patienten.

Nichts geht mehr

Beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger und bei der Wiener Gebietskrankenkasse wird auf den bestehenden Vertrag verwiesen. Bei beiden Institutionen war auf Nachfrage die aktuelle Situation offenbar zunächst nicht bekannt. "Wir haben den ambulanten Alkoholentzug immer querfinanziert. Das können wir jetzt nicht mehr. Wir machen die Weiterbehandlung von Patienten nach einem stationären Aufenthalt und Erstgespräche. Aber ambulanten Entzug können wir unter diesen finanziellen Bedingungen nicht mehr durchführen", sagte Psychiater Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des API, im Gespräch mit der APA.

"Ich habe da einige Patienten, die alkoholkrank sind und in die Ambulanz gehen wollten. Aber ambulant gibt es keinen Entzug mehr. Ich weiß nicht, wohin ich die schicken sollte", machte ein Wiener Kassen-Allgemeinmediziner vor einigen Wochen auf die Sache aufmerksam.

Gegen den Trend 

Derzeit geht die Tendenz aller Reformbestrebungen der Gesundheitspolitik in Österreich eher dahin, das im internationalen Vergleich ausgesprochen hohe Angebot an stationären Leistungen (Spitalsbetten) zugunsten mehr ambulanter Leistungen umzubauen. Doch die in Wien eingetretene Situation bei der Versorgung von Alkoholkranken sieht akut anders aus. Neben dem bisherigen Angebot für einen ambulanten Alkoholentzug im API-Ambulatorium gibt es in der Bundeshauptstadt kein vergleichbares, bleibt derzeit also nur eine stationäre Aufnahme.

Kompletter Entzug um 33 Euro?

API-Verwaltungsdirektorin und Geschäftsführerin der API-GesmbH, Gabriele Gottwald-Nathaniel: "Es ist relativ einfach. Es ist so, dass wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder Leistungen angeboten haben, die wir nicht abgegolten bekommen haben. Das war immer eine Art Querfinanzierung, leider ist das nicht mehr möglich."

Der zahlenmäßige Hintergrund, so Gabriele Gottwald-Nathaniel: "Im Jahr 2011 haben wir insgesamt 2.032 Patienten stationär betreut, hinzu kamen rund 10.050, die ambulant versorgt wurden. Mehr als 3.000 davon waren Kontakte am Ambulatorium Wien-Wieden, von denen wieder zwei Drittel der Patienten einen ambulanten Entzug machten."

Was das API dafür erhielt: Für ein Quartal und Patient jeweils den Gegenwert eines Krankenscheins der Wiener Gebietskrankenkasse von 32,87 Euro. Gabriele Gottwald-Nathaniel: "Ein ambulanter Entzug bedeutet in etwa drei Wochen eine intensive Betreuung, bei welcher der Patient viermal pro Woche in die Ambulanz kommt." Das ließe sich einfach nicht mit 32,87 Euro abgelten.

Stellungnahmen der Sozialversicherungsträger

Bei der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) sieht man das laut Mag. Ursula Griesser, Chefin der Abteilung für Vertragspartnerverrechnung, anders: "Es gibt laufende Verträge, den der Hauptverband der Sozialversicherungsträger für die Krankenkassen mit dem Anton Proksch Institut abgeschlossen hat - einen für stationäre Leistungen und einen Vertrag für den ambulanten Bereich. Wir zahlen im ambulanten Bereich den geltenden Tarif (Fallpauschale, Anm.) von 32,87 Euro. Darüber hinaus zahlen wir jede Psychotherapiestunde in Einzel- und Gruppentherapien."

Vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger wird diese Darstellung vollinhaltlich bestätigt. Josef Probst, stellvertretender Generaldirektor: "Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat mit dem Anton Proksch Institut einen Rahmenvertrag aus dem Jahr 2010." Es ginge um die medizinische Hilfe, psychologische und psychotherapeutische Leistungen. Der Vertrag beziehe sich auch auf die Vorbetreuung vor einer stationären Aufnahme und die Fortsetzung nach der stationären Versorgung. Außerdem sei eine vertragskonforme Tarifanpassung (2012) inkludiert. Die sei auch erfolgt.

Geltende Tarife

Die Crux liegt offenbar im Detail der Vereinbarung über die Honorierung der ambulanten Leistungen des API. Die Verwaltungsdirektorin des Anton Proksch Instituts, Gabriele Gottwald-Nathaniel: "Die Zusammenarbeit mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und auch mit der Wiener Gebietskrankenkasse ist grundsätzlich eine sehr kooperative. Die aufrechten Verträge werden vertragskonform eingehalten."

Doch, so Gabriele Gottwald-Nathaniel: "Es geht im Falle der ambulanten Leistungen allerdings um die Höhe der verrechenbaren Sätze. Ambulant beträgt die Fallpauschale eben 32,87 Euro. Wenn also ein Patient im Rahmen eines ambulanten Alkoholentzugs mehrmals ärztliche bzw. fachärztliche Leistungen in Anspruch nimmt oder psychosoziale Beratung und Betreuung sowie psychologische Betreuung, dann können diese Leistungen nicht verrechnet werden, sondern pro Quartal nur die Fallpauschale."

Die weiteren Tarife: Für 60 Minuten Einzelpsychotherapie gibt es 41,5 Euro, für 30 Minuten 20,74 Euro. 90 Minuten Gruppentherapie werden pro Patient mit 10,44 Euro abgegolten, 45 Minuten mit 5,20 Euro. Finanzielle Abgeltung für Betreuung durch Sozialarbeiter gibt es nicht.

Musalek: "Alle waren informiert"

Die Angelegenheit - die Beendigung des Angebots für ambulanten Alkoholentzug in Wien, sonst gibt es nämlich keine Möglichkeit, laut dem API, sollte den Gesundheitspolitikern keine Neuigkeit sein. Der Ärztliche Leiter, Psychiater Michael Musalek: "Das Problem ist allen Verantwortlichen bekannt. Wir haben alle in Wien informiert." Niedergelassene Psychiater mit Kassenvertrag können das umfangreiche und spezialisierte Angebot der API-Ambulanz in Wien-Wieden nicht anbieten. Die Wartezeiten, bis neue Patienten - auch mit anderen psychiatrischen Erkrankungen - aufgenommen werden, sind oft lang. Der Psychosoziale Dienst (PSD) ist vorwiegend auf andere Patienten als Alkoholkranke ausgerichtet. 

Therapie im Frühstadium lohnt sich 

Dabei handelt es sich bei Alkoholabusus bzw. Alkoholkrankheit um eines der größten sozialmedizinischen Probleme Österreichs. Psychiater Michael Musalek: "Geschätzte 340.000 Österreicher sind alkoholkrank. Ein Viertel der Erwachsenen Österreicher konsumiert Alkohol ständig in gesundheitsgefährdendem Ausmaß. Hinzu kommt, dass nach der neuesten Diagnose-Klassifikation dieser gesundheitlichen Probleme auch der Alkoholabusus bereits als Frühstadium der Alkoholkrankheit klassifiziert wird. Das wird sich international durchsetzen."

Die Konsequenz müsse dann einfach sein: Es wird früher therapiert. Der Fachmann: "Und gerade hier können Betroffene im Frühstadium ambulant per Entzugsbehandlung versorgt werden." Man sollte doch nicht warten, bis dann die Betroffenen in die relativ teurere stationäre Behandlung müssten. Für die gibt es für das API folgenden Kostenersatz: 142,60 Euro pro Tag und Patient.

Bei der Wiener Gebietskrankenkasse führt man auch an, dass das Anton Proksch Institut wegen technischer Schwierigkeiten bei der Umstellung auf EDV-Verrechnung mit der Krankenkasse seit einiger Zeit keine Abrechnungen für ambulante Leistungen bekommen und somit auch keine Zahlungen leisten konnte. Dies ist laut der API-Verwaltungsdirektorin bereinigt und wäre ein rein technisches Problem im Schnittstellenbereich gewesen.

Für die Patienten mit Alkoholabhängigkeit in einem Stadium, das noch eine ambulante medizinische Versorgung mit Entzugsbehandlung erlauben würde, wirft die Problematik in Wien allerdings eine potenziell gefährliche Situation auf: Wie bei allen Suchtkrankheiten sollte immer möglichst schnell der Wunsch des Betroffenen nach einer Therapie auch umgesetzt werden. Sonst besteht das Risiko, dass die Patienten wieder "verschwinden" - und erst bei der nächsten und womöglich noch schlimmeren Krise wieder auftauchen.

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