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Karlheinz Töchterle, Alois Stöger und Artur Wechselberger an einem Tisch.
 
Gesundheitspolitik 23. Juli 2012

Ärztebedarf: Prognose bis 2030

Stöger, Töchterle und Wechselberger präsentieren die Studie "Ärztinnen und Ärzte: Bedarf und Ausbildungsstellen 2010 bis 2030". 

 

Erstmals wurde im Auftrag des Gesundheitsministeriums und des Wissenschaftsministeriums in Kooperation mit der Ärztekammer, in einer gemeinsamen Studie der künftige Bedarf an Ärztinnen und Ärzten bis 2030 voraus geschätzt. Die Studie wurde von der Gesundheit Österreich GmbH erstellt und von Gesundheitsminister Alois Stöger, Wissenschafts- und Forschungsminister Dr. Karlheinz Töchterle sowie dem Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Artur Wechselberger, in einer gemeinsamen Pressekonferenz präsentiert. Sie beinhaltet sowohl den Ist-Stand der Ärzteversorgung, als auch eine Prognose bis 2030 und entsprechende Empfehlungen. 

Ist-Stand

Generell hat Österreich im internationalen Vergleich mit rund 4,7 berufsausübenden Ärztinnen und Ärzten pro 1.000 Einwohner (Stand: 2009) eine der höchsten Ärztedichten Europas und weltweit, die auch in den vergangenen Jahrzehnten noch eine maßgebliche Steigerung erfahren hat (OECD 2011). Insgesamt weist Österreich mittlerweile fast viermal so viele Ärztinnen und Ärzte auf wie vor vierzig Jahren (1960 bis 2010: plus 257 Prozent). Dabei ist die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte deutlich stärker gestiegen (plus 470 Prozent) als jene der Allgemeinmediziner/innen (plus 115 Prozent).

Seit dem Jahr 2000 ist die Gesamtzahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in Österreich um 30 Prozent gestiegen. Bereits jetzt verlässt ein Teil der Medizin-Universitätsabsolventinnen und -absolventen das Land (vor allem nach Deutschland und in die Schweiz). Um den medizinischen Nachwuchs in Österreich zu sichern, wird daher als zentrale Aufgabe erkannt, die Absolventinnen und Absolventen österreichischer Medizin-Universitäten auch in den hiesigen Arbeitsmarkt zu bringen.  

Allgemeinmediziner sollen besser ausgebildet werden

Gesundheitsminister Stöger betonte, wie wichtig es sei, dass es laufend Verbesserungen und Adaptierungen sowohl in der Ausbildung, als auch in der Behandlung gebe. Die vorliegende Studie zum Ärztinnen- und Ärztebedarf in Österreich sei jedenfalls ein wichtiges Teilstück der Basis für eine koordinierte gesamtösterreichische Planung des künftigen Gesundheitswesens.

"Die Medizin entwickelt sich rasant weiter, sie wird moderner und auch technischer, zudem gibt die demografische Entwicklung neue Rahmenbedingungen vor. Um Schritt halten zu können, halte ich es für unabdingbar, die Ausbildung aller Gesundheitsberufe anzupassen. Denn nur so können wir garantieren, dass die österreichische Bevölkerung auf die bestmögliche Qualität sowohl in der medizinischen Ausbildung, als auch in der Behandlung vertrauen kann. Als nächstes Projekt werde ich deshalb eine Verbesserung der praktischen Ausbildung der Allgemeinmediziner umsetzen", so Stöger.

Spitals- und Gesundheitsreform auf halbem Weg

Aber auch strukturell müsse und werde sich das Gesundheitssystem weiter entwickeln. "Ich habe in meinem Bereich auch bereits wichtige und notwendige Reformen begonnen. Nach der Sanierung der Kassen und einer Neugestaltung der rechtlichen Voraussetzungen für Gruppenpraxen, wird im Moment auf Hochtouren an einer Spitals- und Gesundheitsreform gearbeitet. Mit der erfolgten politischen Einigung auf eine gemeinsame Planung-, Steuerung- und Finanzverantwortung des Gesundheitssystems durch Bund, Land und Sozialversicherung sind wir in der Mitte des Weges angekommen. Nun geht es darum, den Weg der notwendigen strukturellen Änderungen zu Ende zu gehen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird", bekräftigte Gesundheitsminister Stöger.

Töchterle setzt sich für Verlängerung der Medizinerquote ein

"Das Medizinstudium in Österreich hat eine lange und weltweit anerkannte Tradition in Forschung und Ausbildung", so Wissenschafts-und Forschungsminister Dr. Karlheinz Töchterle. Die Medizinischen Universitäten in Innsbruck, Graz und Wien haben in den vergangenen Jahren mit der Adaptierung ihrer Curricula in Richtung einer verstärkten klinischen und patientenorientierten Ausbildung, der markanten Senkung der Drop-Out-Raten der Studierenden sowie der durchschnittlichen Studiendauer, der Einführung des klinisch-praktischen Jahres und derzeitigen Überlegungen zu einem einheitlichen Aufnahmeverfahren richtige Schritte in die Zukunft der medizinischen Ausbildung gesetzt. "Sie tragen damit wesentlich zur weiteren Steigerung der Qualität des Studiums bei", betont Töchterle.

Die Attraktivität und hohe Qualität der heimischen Medizinausbildung zeige sich auch daran, dass viele junge Menschen aus dem Ausland zum Medizinstudium nach Österreich kommen möchten. Aktuell sind 75 Prozent der Plätze für Studienanwärter/innen mit österreichischem Reifeprüfungszeugnis reserviert, 20 Prozent für jene aus EU-Ländern und fünf Prozent für jene aus Drittstaaten. Bekanntlich hat die EU-Kommission im November 2007 Österreich ein Moratorium zur Aussetzung eines möglichen Vertragsverletzungsverfahrens wegen dieser Quotenregelung gewährt. Dieses Fünf-Jahres-Moratorium würde im November auslaufen. "Wir sind betreffend Verlängerung in ständigem und sehr gutem Kontakt mit der EU-Kommission", unterstreicht der Minister. Die Studie zeige: Es brauche eine Quotenregelung, um die medizinische Versorgung in Österreich sicherstellen zu können. Denn: laut Umfragen wollen 75 Prozent der deutschen Medizinstudierenden nach ihrem Studium in Österreich ins Ausland.

Die vorliegende Studie zeigt aus Sicht des Wissenschaftsministers weiters, dass - gerade auch in Hinblick auf die sehr hohe Ärztedichte - Optimierungspotenziale in anderen Bereichen des Gesundheitswesens außerhalb der universitären Zuständigkeit genutzt werden müssen. Weiters sollen die Rahmenbedingungen für Absolventinnen und Absolventen verbessert werden, um der Abwanderung entgegen zu wirken und als Standort attraktiv zu bleiben.  

 

Wechselberger: Es ist zwei vor zwölf

Für Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, bestätige die Studie jahrelange Warnungen der ÖÄK. "Auch wenn die beiden vorliegenden Berechnungsmodelle eine große Bandbreite aufweisen, zeigen doch beide, dass es nicht fünf, sondern zwei vor zwölf ist. Die Gesundheitspolitik hat noch etwa 15 Jahre Zeit, das Ruder herumzureißen. Das sind nicht einmal zwei vollständige Mediziner-Ausbildungszyklen."

Im besten Fall, so die Studie, wäre der Mangel an Fachärzten und Allgemeinmedizinern erst in etwas mehr als zehn Jahren österreichweit und fächerübergreifend spürbar. Im zweiten, ebenso realistischen Szenario ginge die Schere zwischen Angebot und Bedarf an Ärzten bereits in den nächsten Jahren auf. Spätestens 2030 wäre dann die ärztliche Versorgung der Bevölkerung auf Basis des heutigen Niveaus nicht mehr gesichert. Regional und fachspezifisch klafften allerdings schon heute große Lücken, erklärte der ÖÄK-Präsident. Viele Landgemeinden müssten längst ohne niedergelassene Ärzte auskommen und sogar in den Landeshauptstädten blieben Kassenstellen unbesetzt.

 

Unabdingbar sei daher für Wechselberger die Verbesserung der Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für Mediziner. Das betreffe erstens die Sicherstellung der verpflichtenden einjährigen Lehrpraxis sowie den sinnvollen Einsatz von Turnusärzten, der sich auf die ärztlichen Ausbildungserfordernisse konzentrieren müsse. Zweitens müssten die Arbeitszeitgesetze im Spital strikt eingehalten werden bzw. brauche man ein praktikables Gruppenpraxengesetz, das den niedergelassenen Ärzten flexiblere Arbeitszeitmodelle ermögliche. Eine einigermaßen ausgeglichene Work-Life-Balance sei Basisvoraussetzung für die Berufsentscheidung von Jungmedizinern, so Wechselberger.  

Ärztliche Zuwendung ist kein Luxus

Drittens sei eine leistungsgerechte Entlohnung unabdingbar. "Es kann nicht sein, dass ein Spitalsarzt, der nach langer universitärer Ausbildung die Verantwortung für Leben und Tod trägt, nur durch enorme Überstunden einen halbwegs angemessenen Verdienst erreicht. Oder dass eine Allgemeinmedizinerin mit Gebietskrankenkassen-Vertrag heute so viel verdient wie vor fünfzehn Jahren, dabei aber immer mehr Ältere und chronisch Kranke versorgt, die umfassende Betreuung brauchen", erklärte der ÖÄK-Präsident. Und schließlich müsse man beim Bürokratieabbau endlich Nägel mit Köpfen machen, damit Ärztinnen und Ärzte wieder ihre Kernaufgaben erfüllen könnten. Dazu gehöre auch das Gespräch. "Ich führe selbst eine Praxis und weiß aus Erfahrung: Ärztliche Zuwendung ist kein Luxus, sondern eine effektive Unterstützung bei Anamnese und Therapie", betonte der Ärztekammerpräsident.

Die komplette Studie finden Sie auf der GÖG-Homepage unter: www.goeg.at/de/BerichtDetail/Aerzte-und-Aerztinnen.html

 

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