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Max Wellan
 
Gesundheitspolitik 16. Juli 2012

Apothekerkammer will verstärkt die neuen Medien nützen

Apothekerpräsident Max Wellan im Interview.

Umbruch in der Österreichischen Apothekerkammer: Am 20. Juni wurde mit Max Wellan (44) erstmals in der Geschichte der Standesvertretung der derzeit 5.700 Apotheker ein Angestellter zum Präsidenten der Österreichischen Apothekerkammer gewählt. Wellan setzt auf "Unaufgeregtheit" in der Standespolitik und auf moderne Kommunikationskonzepte in der Betreuung von Kunden bzw. Patienten. "Die E-Medikation ist für mich nur ein Teil des ganzen Medikations-Managements. Sie muss in den Apotheken praktikabel sein", erklärte er in einem Interview mit der APA.

Apps intensivieren

Wellan ist seit rund 15 Jahren in der Standesvertretung tätig. Seit 1997 fungierte er als Vizepräsident der Apothekerkammer Wien, seit 1998 als Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Apothekerkammer. Seinen Berufsstand mit derzeit rund 1.320 öffentlichen Apotheken in Österreich sieht er gut positioniert: "Die Apotheken sind sehr gut aufgestellt bei den Kunden und Patienten. Da besteht ein hohes Vertrauen zu uns. Wir haben in Österreich eine saubere und kompetente Arzneimittelversorgung über die Apotheken. Die Qualität stimmt."

Doch gerade hier gebe es natürlich weiteres Entwicklungspotenzial. Der Apothekerkammerpräsident: "Wir haben direkten Kontakt zu den Patienten. Wir sind persönlich haftbar für das, was wir tun - das gibt Sicherheit für unsere Kunden. (...) Es gibt aber die Herausforderung der neuen Medien. Ihre Verwendung wollen wir intensivieren, zum Beispiel über spezielle Apps."

Das Ziel ist ein "Medikations-Management", eine mit den behandelnden Ärzten abgestimmte Betreuung vom "Vor-Screening" über die Beratung bei Abgabe von Arzneimitteln bis hin zur Förderung der Compliance der Patienten. Wellan nannte Personen mit chronischem Asthma als Beispiel: "Erstens gibt es noch immer viele unentdeckte Asthmatiker. Wir wollen in Frage kommende Personen entdecken helfen. Wer je durch einen Strohhalm geatmet hat, weiß, wie es ihnen geht. Asthma ist eine lebenslange Erkrankung. Wir wollen hier beispielsweise mit einem Computer-App, das ein Tagebuch enthält, das Management erleichtern. Wir machen unsere Patienten mündig, indem wir ihnen erklären, wofür die verschiedenen vom Arzt verschriebenen Medikamente sind. Warum man dabei manche Arzneimittel als Asthmatiker ständig (z.B. anti-entzündliche Substanzen; "Controller"), andere wiederum im Bedarfsfall (Bronchien-erweiternde Mittel; "Reliever") einnehmen sollte. Wir können auch erklären, wie man die dabei verwendeten Inhalationsgeräte verwendet. Daran muss man auch immer wieder erinnern."

Die Zusammenarbeit mit den Ärzten sei dabei natürlich sinnvoll und wünschenswert. Der Standespolitiker: "Natürlich sollte so ein App nicht allein für den Kontakt mit dem Apotheker da sein, auch für die Kommunikation mit dem Arzt."

„Opt-out-Möglichkeit ist vernünftig“

E-Medikation sei da nur ein - wichtiger - Teil. Nach dem Pilotversuch in mehreren Regionen Österreichs in den vergangenen Monaten wären da die Lehren zu ziehen. Wellan: "Die E-Medikation muss in den Apotheken praktikabel sein. Die Stellungnahmen der Ärzteschaft sehe ich ähnlich. Das System sollte eine Unterstützung sein. Das ist eine vernünftige Sache. Wir treffen uns mit den Ärzten darin, dass die E-Medikation in der Praxis umsetzbar sein muss." Dies bedeute beispielsweise, dass in den Apotheken die E-Medikations-Software direkt in die Apotheken-EDV eingebunden sein müsse. Der Apothekerkammerpräsident: "Wir wollen wissen, welche Arzneimittel an den Patienten abgegeben wurden." Das sei für Interaktionsprüfung etc. notwendig. Und, so Wellan: "Es kann nur so funktionieren, dass alle Apotheken an dem System teilnehmen. Für die Patienten ist die geplante Opt-Out-Möglichkeit vernünftig."

Bisher wenig Auswirkungen von Versandapotheken

In den vergangenen Jahren gab es zunehmend Aktivitäten verschiedenster Marktteilnehmer, um eventuell an den Arzneimittelumsätzen "mitzunaschen". So wollen Drogerieketten in den Markt, Kooperationen gibt es mit Versandapotheken. Der neue Apothekerkammerpräsident Max Wellan gab sich im Gespräch mit der APA zu diesem Thema selbstbewusst: "Wir bemerken hier nicht all zu viel Veränderung. Das ist ein Bereich, in dem vor allem Produkte gehandelt werden, die mit tabuisierten Erkrankungen zu tun haben. Diese Tabus müssen wir beseitigen und unsere Beratungsinitiativen verstärken."

Das gelte genauso für rezeptfreie Medikamente (OTC-Produkte), so Wellan: "Auch OTC-Arzneimittel sind Medikamente mit Wirkungen, mit möglichen Nebenwirkungen. Bei allen Substanzen, die in unserem Körper eine Wirkung entfalten, geht es um die sinnvolle und die richtige Anwendung. Nicht bei jedem Patienten ist die Einnahme einer Tablette Aspirin eine kritische Sache. Aber bei jedem fünften Patienten oder bei jedem zehnten kann da etwas zu berücksichtigen sein. Das ergibt sich aus dem persönlichen Gespräch mit dem Kunden."

Das könne eine Versandapotheke nie leisten - und Beratung und Information könne es nicht zum Nulltarif geben. Wellan: "Was mir ein Anliegen ist, ist schon der 'Beratungsdiebstahl'. Da hat jemand im Versandhandel etwas bestellt und dann kommt er zu uns, um sich beraten zu lassen. Das ist manchmal ein bisschen ärgerlich."

"Keine Maximierung von Öffnungszeiten und Umsätzen"

Hier könnten aber - so der Standesvertreter - die österreichischen Apotheker als Angehörige eines freien Berufes punkten: "Wir haben eine wirtschaftliche Basis, die ist gegeben. Wir wollen nicht die Öffnungszeiten maximieren, wir wollen nicht den Umsatz mit Arzneimitteln maximieren, sondern die Arzneimitteltherapie optimieren. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Arzneimitteln ist in Österreich im EU-Vergleich unterdurchschnittlich."

Gleichmäßige Verteilung wohnortnaher Apotheken und viele Dienstleistungen der öffentlichen Apotheken seien nur über ein geregeltes Apothekenwesen zu betreiben. Wellan: "Deswegen sind wir auch gegen diese 'Rosinen-Pickerei'. Wir haben Nacht- und Wochenenddienste. Wir versorgen Drogen-Substitutionspatienten. In Wien haben jede Nacht etwa 35 Apotheken Dienst, in Stockholm gibt es ein oder zwei, in Helsinki sperrt die letzte Apotheke um 24.00 Uhr. Wir haben schon immer eine Mischkalkulation. Wir können nicht nur Apotheken für schwere Erkrankungen, für Hochpreis-Medikamente (mit gedeckelten Margen, Anm.) sein."

Die von Bund, Bundesländern und Sozialversicherung derzeit geplante Gesundheitsreform sieht Wellan im Ansatz positiv: "Wir Apotheker haben ein ganz klar geregeltes, transparentes System, in dem alle Geldflüsse nachvollziehbar sind. Wenn das nun im gesamten Gesundheitswesen umgesetzt wird, begrüßen wir das."

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