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Dr. Klaus Vavrik, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, bringt einen Vorgeschmack auf die gesundheitspolitischen Gespräche beim Forum Alpbach.
 
Gesundheitspolitik 29. Juni 2012

Zukunft beginnt heute

Ganz im Zeichen der Kinder- und Jugendgesundheit stehen heuer die gesundheitspolitischen Gespräche vom 17. bis 20. August am Forum Alpbach.

Kinder und Jugendliche brauchen vielfältige Unterstützung, um sich gesund entwickeln und ihre Potenziale ausschöpfen zu können. Die Alpbacher Gesundheitsgespräche stellen in diesem Jahr die Kinder- und Jugendgesundheit ins Zentrum. Ziel ist, die wichtigsten Forderungen an die Politik zu identifizieren, die der Jugend ein gesundes Aufwachsen ermöglichen. Was muss sich für eine bestmögliche Gesundheitsversorgung der Kinder ändern? Was brauchen junge Menschen für eine gesunde seelische Entwicklung? Welche Lebenswelten hat die Jugend und wie gesund lebt sie? Und wie kann bei Kindern und Jugendlichen ein gesunder Umgang mit dem Körper gefördert werden?

 

Das sind nur einige der Fragen, die von den Teilnehmern in Plenarveranstaltungen mit Experten diskutiert werden. Typisch für das Forum sind die Arbeitskreise, in denen die Themen verdichtet und konkrete Verbesserungsvorschläge für die Politik geformt werden, sodass den vielen Diskussionen auch machbare Taten folgen können. Traditionell werden die Entscheidungsträger aus der Politik, wie etwa Gesundheitsminister Alois Stöger, in der Abschlussdebatte mit den Ergebnissen konfrontiert. Dr. Klaus Vavrik, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, gibt im Gespräche Einblick in die Thematik.

 

Schon im Vorjahr wurde die Kinder- und Jugendgesundheit in einem Arbeitskreis im Forum Alpbach diskutiert. Konkrete Forderungen lagen vor, was passierte seither?

Vavrik: Auf jeden Fall ist es gelungen, damit die Aufmerksamkeit für das Thema in der Politik und in der Bevölkerung zu heben. So hat etwa Minister Stöger ein Komitee zur Umsetzung der Kindergesundheitsstrategie eingesetzt, das ist schon ein bemerkenswerter Schritt. Hier sollen nun den Reden Taten folgen und eine konkrete Umsetzungsstrategie mit einem starken Fokus auf Gesundheitsförderung und strukturelle Prävention im Sinne einer „Health in All Policies“-Strategie erarbeitet werden. Zusätzlich stehen konkrete Lösungsansätze in Bereichen der Versorgung im Vordergrund. Auch im Hauptverband und im Fonds Gesundes Österreich wird der Kindergesundheit seit dem vorigen Jahr mehr Raum gewidmet.

 

Und wie steht es um die konkrete Umsetzung der Forderungen?

Vavrik: Genau das ist das Problem. Es dauert sehr lange, bis die zentralen Ideen umgesetzt werden und wirklich beim Patienten spürbar ankommen. In Wien haben wir etwa die Zusage erhalten, dass drei neue Ambulatorien eingerichtet werden, dafür werden andere Einrichtungen aber geschlossen. Ob das letztlich wirklich eine Verbesserung für die betroffenen Menschen bringt, muss beobachtet werden. Ich denke, dass das politische Lobbying gelungen ist, dass es um die Umsetzung ein zähes Ringen gibt, das noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird.

 

Woran liegt das?

Vavrik: Das liegt vor allem an der Kompetenzzersplitterung und an der Tatsache, dass die meisten Themen ressortübergreifender Natur sind.

 

Wo liegen derzeit die größten Defizite und Risikofaktoren bezüglich der Kindergesundheit?

Vavrik: Österreich ist bei vielen Themen leider Negativ-Vorreiter: Wir haben eine rasch steigende Anzahl übergewichtiger Kinder, wir verzeichnen den höchsten Zigarettenkonsum bei Kindern und Jugendlichen oder die höchsten Gewalterfahrungs- und Suizidraten. Die meisten Betroffenen sind im Alter um zwölf bis 15, da gibt es also schon eine Biografie bis dahin, das ist kein plötzlich auftretendes Phänomen. Wir müssen mit der Gesundheitsförderung und Prävention deutlich früher beginnen! Dazu gehört etwa die Vermittlung von Gesundheits- und Lebenskompetenz, aber auch eine gute Basis für eine gesunde seelische Entwicklung. Wir wissen aber, dass es eine große Zahl an Eltern gibt, die diesen Rahmen nicht geben können. Etwa drei bis fünf Prozent der Kinder leben in einem Umfeld, in dem sie vernachlässigt werden oder Gewalt ausgesetzt sind. Darüber hinaus haben wir aber eine hohe Zahl an Kindern, deren Eltern einfach überfordert sind mit Scheidung, Alleinerziehung, finanziellen oder beruflichen Sorgen.

 

Wie kann gegengesteuert werden?

Vavrik: Es gibt das Konzept der sogenannten „frühen Hilfen“, das bisher aber nur in Vorarlberg systematisch umgesetzt wurde. Wie wir aus dem Ausland wissen, bringt aber einen Euro, der hier investiert wird, über lange Sicht einen Return von acht bis zehn Euro.

 

Warum wird das Konzept dann nicht intensiv gefördert?

Vavrik: Weil hier viele Ressorts zusammen aktiv werden müssten, dazu gehört mehr als nur Gesundheit! Auch das Sozial- oder Familienministerium müsste hier aktiv eingebunden werden. Das erfordert sicher ein Denken über Legislaturperioden hinaus.

 

Welches Thema sollte Ihrer Meinung nach auf die Agenda in Alpbach?

Vavrik: Ein Grund für viele Entwicklungsbeeinträchtigungen bei Kindern ist die Reproduktionsmedizin. Wir haben bei Weitem die höchste Rate an Frühgeborenen in Europa. Das liegt daran, dass wir keine gesetzliche Limitierung haben, wie viele befruchtete Eizellen eingepflanzt werden dürfen. Wir haben also viele Mehrlingsschwangerschaften mit vielen Frühgeburten. Wir wissen, dass Frühchen deutlich mehr Entwicklungsbeeinträchtigungen haben als andere Kinder. Wenn wir dafür sorgen, dass viele Kinder mit einer „benachteiligten Grundausstattung“ ins Leben kommen, ist es auch nötig, sich um die notwendige Unterstützung danach Gedanken zu machen. Folgt das nächste Problem: Viele therapeutische Angebote sind an Selbstbehalte geknüpft, sozial benachteiligte Familien können sich diese Betreuung nicht leisten.

 

Was wäre in diesem Zusammenhang eine umsetzbare Forderung?

Vavrik: Selbstbehalte für Kinder- und Jugendtherapien komplett abzuschaffen und das Versorgungsangebot auszubauen. Wir haben Bundesländer, in denen gibt es gar keine freiberuflichen Logopäden, Ergo- oder Psychotherapeuten auf Krankenschein. Die mangelnde Versorgung drückt sich auch in Zahlen aus: Kinder machen rund 20 Prozent der heimischen Bevölkerung aus, sie erhalten aber nur sechs Prozent der Gesundheitsausgaben. Darin steckt eine deutliche Mangelversorgung!

 

Welche Schritte sind nötig, um dem Thema Kinder- und Jugendgesundheit passende Impulse zu geben?

Vavrik: Jeder kleine Mosaikstein würde uns weiterbringen. Als Basis wäre eine gute Datenlage sehr hilfreich, denn die derzeitigen Zahlen stammen aus internationalen Studien. Darüber hinaus wissen wir, dass Kinder aus sozial schwachen Familien auch kränker sind als andere. Das heißt, Armut erhöht die Krankheitslast um das Drei- bis Fünffache. Würden Kinder in einem „guten Umfeld“ aufwachsen, würden wir automatisch mehr Gesundheit erzeugen. Die Therapien für Kinder und Jugendliche sollten, wie etwa in Deutschland oder der Schweiz, kostenfrei sein und wir müssen dringend ressortübergreifend planen.

Das Interview führte Renate Haiden.

Forum Alpbach
Das detaillierte Programm des Europäischen Forums Alpbach finden Sie auf www.alpbach.org

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