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Dr. Artur Wechselberger ist neuer Präsident der Österreichischen Ärztekammer.
 
Gesundheitspolitik 27. Juni 2012

Der neue Präsident

Dr. Artur Wechselberger im Interview: Was die Ärzte, aber auch die Verhandlungspartner aus Politik und Sozialversicherung zu erwarten haben. 

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Herr Dr. Wechselberger, Gratulation zu Ihrer Wahl. Viele Beobachter meinen, mit Ihrer Wahl würde die „Dorner-Linie“ unverändert weitergeführt, ist das so?

Wechselberger: Herzlichen Dank! Die inhaltlichen Schwerpunkte werden sich in manchen Belangen nicht signifikant von denen der vorigen Führung unterscheiden. Auch mir ist es ein dringendes Anliegen, den Arztberuf wieder attraktiver zu machen, die bürokratische Belastung der Ärzteschaft endlich zu senken und die ärztliche Ausbildung zu reformieren. Das Hausarztmodell der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) gehört endlich implementiert, um einerseits die niedergelassenen Ärzte aufzuwerten und andererseits die Kolleginnen und Kollegen in den Spitalsambulanzen zu entlasten.

 

Sie haben die derzeit verhandelte Gesundheitsreform als „Mogelpackung“ bezeichnet, wer mogelt denn?

Wechselberger: Zunächst einmal wurde die Gesundheitsreform nur zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherungen ausverhandelt, die Ärzteschaft wurde nicht eingebunden, obwohl wir die Reform mittragen und umsetzen müssen. Die Gesundheitspolitik hat sich leider voll und ganz der Ökonomie verschrieben – das zeigt sich etwa daran, dass die Gesundheitsausgaben an das Wirtschaftswachstum gekoppelt werden. Das ist gesundheitspolitisch alles andere als sinnvoll. Wir wissen, dass die Gesundheitsausgaben aufgrund der demografischen Entwicklung in Zukunft weiter steigen werden. Sie an das BIP zu koppeln bedeutet, dass in Zeiten der wirtschaftlichen Krise weniger Geld für Gesundheit zur Verfügung steht. Das führt unweigerlich zur Mehrklassenmedizin. Diese Gefahren werden von der Politik geflissentlich unter den Teppich gekehrt, die Reform wird den Menschen als großer Wurf verkauft. Das entspricht einfach nicht der Wahrheit, da es ja nur ums Geld und nicht um medizinische Verbesserungen für die Patienten geht.

 

ELGA ist für Sie schlicht „Unsinn“. Dorner hat einmal gesagt: „Wir haben prinzipiell nichts gegen ELGA, aber wir lehnen ELGA in dieser Form zu diesem Zeitpunkt ab.“ Wie ist Ihre Position: „Ja, aber“ oder „Nein“?

Wechselberger: ELGA ist in der derzeitigen Form völlig unpraktikabel, extrem teuer, grundrechtswidrig, für die Ärzte aufwändig und haftungsrechtlich gefährlich. Der aktuelle Gesetzesentwurf beinhaltet nur marginale Verbesserungen, zudem müssten erst einmal die Schwachstellen des Pilotprojekts E-Medikation ausgemerzt werden. Die wissenschaftliche Auswertung hat eine Fülle von Mängeln ergeben, die behoben werden müssen, ehe das Projekt österreichweit ausgerollt werden kann. Da die E-Medikation ein integraler Bestandteil von ELGA ist, halte ich es für grob fahrlässig, davor an die Umsetzung von ELGA auch nur zu denken. Das System sollte so konzipiert sein, dass es unsere Arbeit erleichtert. Wenn ELGA uns auf einen Klick konkrete Fragestellungen beantwortet – wunderbar! Aber derzeit ist das System nicht so ausgelegt, und solange sich hier nichts ändert, wird es von ärztlicher Seite Widerstand geben.

 

Wie wollen Sie die Attraktivität des Arztberufs steigern?

Wechselberger: Wir benötigen die Renaissance des Haus- und Vertrauensarztes, wie es die Ärztekammer konzipiert und die Politik seit Langem geplant hat. Dazu ist eine Reform der postpromotionellen Ausbildung zur Allgemeinmedizin nötig. Das betrifft sowohl die Länge als auch die Intensität und Breite der Ausbildung – Stichwort Facharzt für Allgemeinmedizin. Im Speziellen betrifft das auch die Lehrpraxis, die gehört öffentlich finanziert und sollte mindestens ein Jahr dauern. Nur dort lernt der medizinische Nachwuchs den medizinischen und auch unternehmerischen Alltag in einer Ordination hautnah kennen. Aber auch in allen anderen Sonderfächern sollte einer Straffung der Ausbildung mehr Augenmerk geschenkt werden. Derzeit werden die Turnusärzte viel zu sehr als Systemerhalter und Hilfen in der Administration in Anspruch genommen.

 

Abgesehen vom Inhaltlichen: Sie bezeichnen sich selbst als „Pragmatiker“, Ihr Vorgänger wurde vielerorts als „Polemiker“ und „Donnerer“ wahrgenommen. Wie unterscheiden Sie sich persönlich?

Wechselberger: Ich bin pragmatisch, hartnäckig und zielorientiert. Eines möchte ich aber klarstellen: Wir werden uns auch künftig jedem Diktat verweigern, das zu einer Verschlechterung für uns Ärzte führt und unsere ethische Verpflichtung untergräbt, die Patientinnen und Patienten als individuelle Anwälte ihrer Gesundheitsinteressen bestmöglich zu versorgen.

 

Tiroler werden gerne als „stur“ bezeichnet. Sind Sie so ein typischer Tiroler?

Wechselberger: Was, abgesehen von der unterstellten „Sturheit“, macht denn einen typischen Tiroler aus? Wollen Sie von mir ein kämpferisches „Mander, s’isch Zeit“ hören? Ich glaube nicht, dass man Menschen in Kategorien wie „typischer Tiroler“ oder „typischer Wiener“ einteilen kann. Natürlich spielt die Herkunft eine Rolle und diese sollte man auch nicht verleugnen – aber sich an Klischees aufzuhängen ist sinnlos, zuletzt zählt das, was man erreicht hat.

Das österreichische Gesundheitssystem ist sehr Wien-lastig, auch die meisten Verhandlungspartner befinden sich in der Bundeshauptstadt. Wie werden Sie Ihre Funktion organisieren?

Wechselberger: Ich werde mir meine Zeit natürlich gut einteilen müssen und habe vor, jede Woche mindestens zwei bis drei Tage in Wien zu verbringen. Darüber hinaus helfen die Errungenschaften der modernen Kommunikationstechnik, immer präsent zu sein. Also kein Anlass für Sorgen oder Hoffnungen, je nach Standpunkt oder Standort.

 

In der ersten Reihe der Ärztevertretung stehen ausschließlich Männer – warum?

Wechselberger: Wenn man den Blick nur auf die Österreichische Ärztekammer lenkt, dann stimmt Ihre Feststellung leider. In Länderkammern und Kurien sind die Frauen aber sehr wohl vertreten. Unser ärztlicher Beruf wird weiblich und das ist gut so. Wenn sich das in der Ärztevertretung noch nicht ausreichend niederschlägt, ist das ein weiteres Indiz dafür, dass die allgemeinen Bedingungen für unsere Arbeit an die Bedürfnisse von Frauen mit ihren vielschichtigen Interessen und Verpflichtungen besser angepasst werden müssen. In Spital und Niederlassung durch praktikable und flexible Formen der ärztlichen Zusammenarbeit, Arbeitszeitmodelle, Kinderbetreuungsplätze und vieles mehr. Ich bin überzeugt, dass die wachsende Zahl von Ärztinnen sehr bald auch in der Standesvertretung abgebildet sein wird.

 

Abschließend: Was wünschen Sie sich persönlich für Ihre erste Legislaturperiode als Präsident?

Wechselberger: In erster Linie wünsche ich mir eine gute, gedeihliche Zusammenarbeit aller Funktionäre sowohl auf Bundes-, als auch auf Landesebene. Und ich wünsche mir, dass wir in den kommenden fünf Jahren als gleichwertige Partner in die Entscheidungen über die wichtigen gesundheitspolitischen Fragen eingebunden werden, denn ohne die Ärzteschaft sind tiefgreifende Reformen im Gesundheitswesen nicht möglich. Ganz besonders wünsche ich mir auch, dass die Politiker verstehen, dass bei uns Ärzten als Angehörige eines freien Berufes immer die Bedürfnisse der uns anvertrauten Patienten im Vordergrund stehen und ökonomische oder politische Aspekte diesen nachgeordnet sind.

 

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni

Zur Person
Geboren am 7. November 1952 in Hall/Tirol promoviert Artur Wechselberger 1977 an der Universität Innsbruck. Nach einer Ausbildung zum Allgemeinmediziner arbeitet Wechselberger als praktischer Arzt und Sprengelarzt in Holzgau/Lechtal, bevor er 1989 eine Ordination in Innsbruck eröffnet. Seit 1990 ist Wechselberger Präsident der Ärztekammer in Tirol, seit 1999 zusätzlich Leiter des Referats für Arbeitsmedizin der Österreichischen Ärztekammer, dessen Präsidium er zwischen 2007 und 2012 in der Funktion eines Vizepräsidenten angehört. Am 22. Juni 2012 wurde er zum Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer gewählt. Wechselberger ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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