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Gesundheitspolitik 22. Juni 2012

Ärztespitze neu formiert

Attraktive Arbeitsbedingungen gefordert - Ausbildungsreform und Vertrauensarztmodell

Die Vollversammlung der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) wählte am Freitag in Bregenz den Tiroler Ärztekammerpräsidenten, Artur Wechselberger, zum neuen Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer.

 

Er folgt Walter Dorner nach, der das Amt des Spitzenrepräsentanten der österreichischen Ärzteschaft seit 2007 innehatte. Erster Vizepräsident wurde der Präsident der Salzburger Ärztekammer, Karl Forstner. Zum Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte wurde Harald Mayer wieder bestellt, der das Amt seit 2003 bekleidet und auch die Kurie Angestellte Ärzte in Oberösterreich leitet. Neuer Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte wurde Johannes Steinhart, der auch Chef der niedergelassenen Ärzte in Wien ist. Die Bundeskurienobleute fungieren automatisch als Vizepräsidenten der Österreichischen Ärztekammer.

Hauptziele der neuen Ärzteführung sind die Attraktivierung des Arztberufes, praxisgerechte Arbeitsbedingungen in Ordination und Spital und die Entrümpelung der Bürokratie im ärztlichen Arbeitsablauf. Gefordert werden eine „überfällige“ Reform der ärztlichen Ausbildung, eine Gesundheitspolitik mit Fokus auf guter Versorgung, die Einführung des ÖÄK-Hausarztmodells sowie die tatsächliche Ermöglichung patientenorientierter ärztlicher Kooperationsformen. Wichtig sei darüber hinaus ein sinnvoller digitaler Datenaustausch, der die Ärzte unterstützt und nicht behindert.

Hart ins Gericht geht die Kammerspitze mit der aktuellen Gesundheitsreform und dem elektronischen Gesundheitsakt in der geplanten Form. Vor Einführung der e-Medikation seien „sämtliche Verbesserungsvorschläge der wissenschaftlichen Auswertung lückenlos umzusetzen“.

Arztberuf wieder attraktiv machen



Als wesentliche Aufgabe in den nächsten Jahren bezeichnet der neue ÖÄK-Präsident, Artur Wechselberger, die Verbesserung der Arbeitbedingungen für Ärztinnen und Ärzte. Die „momentane Politik tanzt ausschließlich nach der ökonomischen Pfeife“, was die ärztliche Freiberuflichkeit als „unverzichtbare Basis einer persönlichen und patientenbezogenen Gesundheitsbetreuung“ bedrohe und Rationierungen für Patienten zur Folge haben werde. Es sei „kein Wunder, dass junge Kolleginnen und Kollegen ins Ausland flüchten“ und sich der längst spürbare Ärztemangel weiter verschärfe. Wechselberger: „Wir verweigern uns jedem Diktat, das zu einer Verschlechterung für uns Ärzte führt und unsere ethische Verpflichtung untergräbt, die Patientinnen und Patienten als individuelle Anwälte ihrer Gesundheitsinteressen bestmöglich zu versorgen.“

Ein wichtiger Schritt zur Sicherung der „nach wie vor extrem hohen“ ärztlichen Leistungsbereitschaft in Österreich müsste eine von Ärzten mitgetragene „Gesundheitsreform nach medizinischer Notwendigkeit“ sein.

Gesundheitsreform: Macht und Geld im Zentrum

Wechselberger: „Bei der von Bund, Ländern und Gemeinden triumphal verkündeten sogenannten Gesundheitsreform geht es dem Grunde nach nur um Macht und Geld.“ Der Öffentlichkeit werde Sand in die Augen gestreut, denn die wirklichen Herausforderungen durch neue Volkskrankheiten oder zunehmend belastende Arbeits- und Umweltbedingungen spielten bei der Entwicklung politischer Konzepte keine Rolle. Wechselberger betrachtet dies als „Affront gegen die Steuerzahler und beängstigend für alle Menschen, die medizinische Hilfe brauchen“.
Das kurzsichtige und ökonomiefixierte Agieren der Politik drohe das österreichische Gesundheitssystem an die Wand zu fahren. Man wolle den Österreicherinnen und Österreichern billigen medizinischen Einheitsbrei verordnen, obwohl international die Zukunft in der individualisierten medizinischen Behandlung gesehen werde, sagte der ÖÄK-Chef.

Um den Arztberuf wieder erstrebenswert zu machen, werde sich Wechselberger in den kommenden Jahren für die Verbesserung der postpromotionellen praktischen Ausbildung im Spital einsetzen. Hier müsse der Schwerpunkt auf die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten gelegt werden. „Wir müssen die Turnusärztinnen und -ärzte vor Spitalseigentümern schützen, die sie nur als Systemerhalter missbrauchen“, so der Ärztepräsident. Die Jungmediziner verdienten im Interesse eines funktionierenden Gesundheitssystems eine exzellente Ausbildung. Die Lehrpraxis müsse ein Schwerpunkt der Ausbildung zum Allgemeinmediziner werden, wo die Allgemeinmedizin ja auch praktiziert werde. Und es gehe ihm auch um gerechte Einkommen sowie um Arbeitszeitmodelle in den Spitälern und Ordinationen, die der zunehmenden Feminisierung des Arztberufes entsprechen. Als Beispiel nannte Wechselberger ein praktikables Gruppenpraxengesetz, das es gerade Frauen ermöglichen würde, ihr Wissen und Können in einem flexiblen, familienfreundlichen Umfeld einzusetzen.

ELGA und E-Medikation


Im aktuellen ELGA-Gesetzentwurf erkennt der neue ÖÄK-Präsident „wenn überhaupt, dann nur marginale Verbesserungen“. Die eklatantesten Mängel seien nach wie vor nicht beseitigt, dazu zählten die Kosten für Steuerzahler und Ärzte ebenso wie noch immer ungeklärte Haftungsfragen und unabsehbare bürokratische Zusatzbelastungen für Ordinationen und Krankenanstalten.
Die wissenschaftliche Auswertung des Pilotprojektes zur E-Medikation weise „klar und unmissverständlich“ auf die Schwachstellen hin: systemimmanente Softwarefehler, enormer Zeitaufwand zulasten des Arzt-Patienten-Gesprächs, hohe Kosten und vor allem die „völlig praxisferne Übersensibilität einer Maschine“, die dann erst recht wieder vom Arzt ausgebügelt werden müsse. Wechselberger forderte das Gesundheitsministerium auf, dem dringenden Rat der Evaluatoren zu folgen und das Projekt „völlig neu“ aufzusetzen. Das System müsse die ärztliche Arbeit erleichtern und Prozesse beschleunigen.


Wechselberger befürchtet dieselben Fehler bei ELGA und eine Ablehnung des elektronischen Gesundheitsakts durch Patienten und Ärzte. „Wie sonst ist es zu erklären, dass die Politik eine gesetzliche Teilnahmepflicht vorsieht. Wenn das System Vorteile bringt und leicht zu handhaben ist, wird es sich von selbst durchsetzen, dann muss man niemanden dazu zwingen.“
Wie man an den digitalen Datenaustausch in einem modernen Gesundheitssystem mustergültig herangehe, könne man zurzeit in der Schweiz beobachten. Dort gibt der Staat die Sicherheits- und Übertragungsstandards vor und stellt es Patienten und Ärzten frei, das elektronische Angebot zu nutzen.

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