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Social media werden in Zukunft die Medizin revolutionieren und für einen deutlichen Innovationsschub im Gesundheitssystem führen, sagen Trendforscher voraus.
 
Gesundheitspolitik 21. Juni 2012

Vom Arzt zum „Health Coach“

Die Anforderungen an die Patienten werden sich in Zukunft ebenso radikal verändern wie die Rolle des Arztes – sagen Trendforscher.

Das von Matthias Horx gegründete Zukunftsinstitut zeichnet in seiner neuesten Trendstudie „Healthness – die nächste Stufe des Megatrends Gesundheit“ ein umfassendes Bild der Gesundheitsgesellschaft von morgen. Unter Gesundheit verstehen wir heute weit mehr als die Abwesenheit von Krankheit. In Zukunft geht es um Kraft, Lebensenergie und Wissen. Die Verantwortung für die eigene Gesundheit rückt immer mehr in Richtung Individuum und führt zu höheren Anforderungen an den Patienten.

 

Die Studienautoren – Harry Gatterer, Thomas Huber, Jeanette Huber, Anja Kirig, Franz Kühmayer und Janine Seitz – entwickeln dabei drei zentrale Thesen.

Erstens: Der Begriff der „Lebensenergie“ rückt in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Gesundheit. Die Energie, die einem Menschen zur Verfügung steht, wird in Zukunft darüber entscheiden, ob ein Mensch „gesund“ ist oder nicht. Damit gemeint ist tatsächlich die physikalische Energie, die Kraft, egal, woher diese ursächlich stammt. Dabei gilt es, drei Aspekte ins Zentrum zu rücken, die letztlich dafür verantwortlich sind, ob die Energie im Körper aktiviert und genutzt wird oder sich Mangelerscheinungen bis hin zu Krankheiten entwickeln: die Umwelteinflüsse, die individuelle Konstitution und die Lebensweise. Die Suche nach „ausreichend Lebensenergie“ wird – erwarten die Autoren – zunehmend unseren Lebensstil beeinflussen.

Zweitens: Der Körper mit seinen Kräften und Ressourcen rückt in den Mittelpunkt. Durch eine dramatische Verbesserung der Diagnostik und die Möglichkeiten der Sozialen Medien steigt das Wissen über den Körper und seine Funktionen. Damit bezieht sich Gesundheit wieder mehr und direkter auf den Körper und dessen Wirkungsweisen. Dieses konkrete, evidenzbasierte Wissen ergänzt die mittlerweile etablierte Diskussion über Wohlfühlen und Balance. Gesundheit wird damit noch mehr zum Taktgeber für das eigene Verhalten und die Lebensorientierung.

Drittens: Die digitale Revolution erobert zunehmend auch die Medizin, innoviert unser Gesundheitssystem und führt zu neuen medizinischen Möglichkeiten. Sie wird aber auch Rollenverständnis und -erwartung des Patienten und des Arztes neu definieren und die zukünftige Arzt-Patienten-Kommunikation massiv beeinflussen.

Patient wird zum Prosument

Die Kombination aus gesundheitlicher Eigenverantwortung, höherer finanzieller Eigenbeteiligung, umfangreichem Gesundheitswissen und smarten Gesundheitswerkzeugen führt zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse in der Beziehung zwischen Gesundheitsexperten und Betroffenen: Der einstige Patient wandelt sich zum Power-Kunden, der in den Konsummärkten gelerntes Verhalten in den Gesundheitsbereich überführt. „Vertrauen wird durch knallharte Preis- und Qualitätsvergleiche und Peer Reviews bei Ärzte- und Klinikportalen ersetzt“, lautet die These der Studienautoren. An die Stelle des Hilfe suchenden Kranken tritt der selbstbewusste „Gesundheits-Prosument“, der eine hohe Erwartung an das Dienstleistungsethos jeder medizinischen Einrichtung hat: „Aus willigen Patienten werden anspruchsvolle, informierte Kunden.“

Bereits in den 1970er-Jahren machte der US-Mediziner J. W. Travis (University of Berkeley) das individuelle Gesundheitsverhalten zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Nach Travis kommt es – bei den meisten Krankheiten – weniger auf den aktuellen Gesundheitszustand eines Menschen an, als auf seinen Entwicklungspfad. Verharrt der Kranke in der Passivität, ist mit immer mehr Krankheitssymptomen zu rechnen, die zum frühzeitigen Tod führen können. Travis will daher den Mensch aktivieren, sich seines Zustands bewusst zu werden und sein Verhalten zu verändern. Der emanzipierte und informierte Kunden-Patient der Gegenwart erweitert die ihm zugedachte Rolle und fühlt sich nicht nur als „Mitmacher“, sondern als „Co-Therapeut“ und als solcher erwartet er Kommunikation auf Augenhöhe.

Gesundfindungsprozess

Immer mehr Menschen wünschen sich zudem neben dem medizinischen Basis-Service stärkere Unterstützung bei ihrem „Gesundfindungsprozess“. Gesundheit ist für viele als Lebensstil verinnerlicht und die Suche nach Gesundheit somit auch eine Suche nach der eigenen Identität. Wer in Gesundheit investiert, investiert in das eigene Ich. Dem Arzt wird dementsprechend nicht mehr nur die Behandlung von Krankheit abverlangt, sondern er wird zum „Health Coach“, zu einem Berater und Motivator für ein gesünderes Alltagsleben und einem Begleiter auf der Suche nach dem perfekten Life-Design.

Convenience-Lösungen

Der englische Begriff „Convenience“ lässt sich mit Bequemlichkeit, Komfort und Annehmlichkeit übersetzen. Begriffe, die man mit der Gesundheitsbranche landläufig kaum verbunden hat. Das ändert sich aber nun, sind die Studienautoren überzeugt, denn: „Meine persönliche Gesundheit wird immer mehr zum Teil meines persönlichen Lebensstils. Wie ich mich verhalte und welche Einstellungen ich habe, bestimmt zunehmend meinen Gesundheitszustand.“ Einen Lebensstil kann man aktiv verfolgen, konsequenterweise damit eben auch die eigene Gesunderhaltung. Und genau das ist auch eine der Quintessenzen des neuen proaktiven Gesundheitsverständnisses: Es muss simpel, attraktiv, angenehm und mit einer großen Portion Genuss möglich sein.

Wenn die Autoren vom Begriff „Convenience auf den Gesundheitsmärkten“ sprechen, umfasst dieser im Wesentlichen vier zentrale Aspekte:

Transparenz und Vertrauen: Ob für Patient oder Mediziner, Pharmazeut oder Unternehmen – der neue Gesundheitsbegriff fordert deutlich mehr Authentizität und Transparenz im Miteinander. Denn parallel zum gestiegenen Interesse am Thema Gesundheit wächst das Wissen der Patientenkunden.

Funktionalisierung und Defizitausgleich: Schnell, nachvollziehbar und komplikationslos den Mangelzustand beseitigen, das ist der Wunsch der Patientenkunden von morgen.

Bequemlichkeit und Dienstleistung: Die Sichtweise der Gesundheit als Lebensstil verlangt zunehmend nach „bequemen Produkten“ und „bequemen Services“. Es geht darum, Zeit zu sparen und umsorgt zu werden mithilfe intelligenter Dienstleistungen. Gesundheit als Service zu begreifen wird das Selbstverständnis aller beteiligten Geschäftspartner massiv verändern. Produktentwicklung, Gestaltung, Ausbildung, Honorarmodell – all das wird neu betrachtet werden müssen.

Ästhetisierung: Mit der Subjektivierung der Schönheit wächst der Bedarf an Mitteln zur Selbstoptimierung. Diese Mittel geraten im Gesundheitsbereich unter einen steigenden Designdruck. Ob Medikamentenverpackung, Krankenhausauftritt, Praxiskonzept oder Präparate und Prothesen – wer künftig Patientenkunden gewinnen will, muss die Produktsprache konkurrenzfähig machen zum ästhetisierten Konsumumfeld anderer Bereiche.

Von V. Weilguni , Ärzte Woche 25 /2012

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