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Gesundheitspolitik 26. Juni 2012

Prekäre Situation in Österreich

„Der derzeitige sparpolitische Zugang ist für Patienten mit chronischen Schmerzen die schmerzhafteste und für das Gesundheitssystem die teuerste Variante.“

Unstrittig ist: Der chronische Schmerzpatient „gehört“ nicht einem bestimmten Organ-Facharzt, sondern in die Behandlung des kompetenten Schmerzmediziners. Diese Behandlung müsse interdisziplinär geführt werden, so der Tenor der Experten anlässlich der 20. wissenschatlichen Tagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft in Linz.

 

Epidemiologische Umfragen belegen, dass 1,5 Millionen Österreicher an chronischen Schmerzen leiden, 54 Prozent empfinden laut der letzten europäischen Schmerzstudie aus dem Jahr 2006 ihre Schmerzbehandlung als unzureichend. Das bedeutet nicht nur für die Betroffenen einen großen Leidensdruck, sondern es stellt auch enorme Anforderungen an die Medizin. In diesem Zusammenhang wurde bereits mehrmals von schmerzbehandelnden Ärzten das geringe Angebot für Patienten mit chronischen Schmerzen bemängelt und in einer Dringlichkeitsanfrage am 12. Dezember 2011 im Parlament eingebracht.

Petition eingebracht

Davor wurde im August 2011 eine Schmerzpetition unter dem Titel „Die Versorgung von Schmerzpatienten muss besser werden“ von der Österreichischen Schmerzgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, der Österreichischen Palliativgesellschaft und der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie initiiert. Innerhalb eines Monats wurden knapp 1.500 Unterschriften von Medizinern gesammelt.

Kernpunkt der Kritik: Wer in Österreich von chronischen Schmerzen betroffen ist, muss mit einem im EU-Vergleich erschwerten Zugang zur innovativen medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieform rechnen.

Vorurteile auch bei Ärzten verbreitet

„Vorurteile gegenüber Medikamenten, insbesondere gegen Opioid-Analgetika, sind nicht nur unter Patienten verbreitet. Diese finden sich auch unter Ärzten, Apothekern und Psychologen, auf deren Verständnis und Mitbetreuung die Schmerzkranken angewiesen sind“, so Prof. Dr. Christian Lampl, Präsident elect der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Präsident der 20. wissenschaftlichen Tagung in Linz.

Da diese Berufsgruppen weder im Studium noch in der Weiterbildung fundierte Kenntnisse und Erfahrungen über Opioid-Analgetika erworben haben und erwerben, seien sie mit der rationalen Anwendung und Einschätzung der Wirkung und Gefahren gelegentlich überfordert, so Lampl. Andererseits fühlten sich auch kundige Hausärzte immer wieder außer Stande, ein als wirksam und verträglich ermitteltes Therapiekonzept weiter anzuwenden, weil es ihr Budget nicht erlaubt. So müssten Patienten in der Behandlung von Schmerzmedizinern verbleiben, obwohl die Fortführung beim Hausarzt möglich wäre.

„Das Problem liegt im System“

„Wir wissen, dass weit über 90 Prozent der Schmerzkranken ambulant behandelt werden könnten. Diese Patienten stationär zu behandeln, ist eine nicht zu verantwortende Ver-schwendung von Mitteln. Von einer sinnvollen abgestuften Versorgung: Vom Hausarzt zum Schmerzmediziner, zur Schmerzambulanz, zur Schmerzabteilung, zum Schmerz-krankenhaus, wie sie in anderen Bereichen der Medizin selbstverständlich ist, sind wir noch weit entfernt“, unterstrich Prof. Dr. Günther Bernatzky, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft. Da die überwiegende Mehrzahl der Schmerzkranken ambulante Patienten sind, die über Jahre oder gar lebenslang behandlungsbedürftig bleiben, sei deren Behandlung primär Aufgabe des niedergelassenen Arztes, eines Schmerzmediziner.

„Des Weiteren wird die Schmerztherapie mangels ausreichender Kenntnisse immer noch viel zu spät in Betracht gezogen. Schmerzmediziner werden erst zugezogen, wenn anderen Ärzte mit ihrem Latein am Ende sind. Besser wäre die frühe und rechtzeitige Kooperation. Der Prophylaxe der Chronifizierung wird immer noch nicht ausreichend Beachtung geschenkt“, so Bernatzky.

Forderung

Gefordert wird eine Qualitätssicherungsvereinbarung innerhalb der Schmerzmedizin, die auch gesetzlich verankert ist. Es müsse eine Verpflichtung zur fachbezogenen Schmerztherapie festgelegt werden, sodass Patienten mit mono- und oligosymptomatischen, chronischen Schmerzen beim Haus- und Facharzt in Zukunft besser versorgt werden können. Auch die Entwicklung von Chronifizierungsprozessen könnten in vielen Fällen durch effektive Therapie von Akutschmerzen verhindert werden – dass dadurch erhebliche Kosten eingespart werden könnten, sei bekannt. Weitere Forderungen sind klinikambulante und stationäre schmerztherapeutische Einrichtungen, die ausschließlich Schmerzkranken zur Verfügung stehen, und die Sicherstellung ambulanter und stationärer Behandlung chronischer Schmerzkranker. Dafür notwendig seien Qualitätssicherungsvereinbarungen zur schmerztherapeutischen Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten (Mindestteilnahme an Schmerzkonferenzen, Qualitäts- und Qualifikationsvorgaben der Qualitätssicherungsvereinbarungen zur schmerztherapeutischen Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten), Initiierung interdisziplinärer und interprofessioneller Konsiliar-/Liaisondienste, Förderung der Prävention der Chronifizierung von Schmerzen, verbesserte Einsicht der Politik, Krankenkassen und Standesorganisationen, Wahrnehmung der ethisch-moralischen Verpflichtungen, den betroffenen Schmerzkranken beizustehen, Verbesserung der Vergütung, Einführung schmerztherapeutischer Fallkonferenzen und Verbesserung der wirtschaftlichen Basis algesiologischer Tätigkeiten.

Schmerzhafteste und teuerste Variante

„Chronische Schmerzen sind oftmals die Ursache für die Beanspruchung des Gesundheitssystems und eine häufige Ursache für Krankenstände, Frühpensionen und Produktionsverlust“, kritisierte Lampl und führte aus, dass 33 Prozent der chronischen Schmerzpatienten berufsunfähig sind und 21 Prozent in die Frühpension entlassen werden. Frühzeitige Therapie und innovative Medikamente könnten dieser Entwicklung entgegenwirken.

 

Quelle: Hintergrundgespräch anlässlich der 20. wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft, die am 1. und 2. Juni 2012 in Linz stattfand.

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