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Natürlicher Bewegungsdrang oder „Zappelphilipp“-Syndrom ADHS? Diagnose und Behandlung sollten Neuropädiater durchführen.
Foto: Privat

OA Dr. Christian Rauscher Leiter der Arbeitsgemeinschaft Neuropädiatrie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

 
Gesundheitspolitik 26. Mai 2009

Herausforderung neuropädiatrische Erkrankungen

Gesundheitspolitische Maßnahmen sind vor allem im Ausbildungssektor gefragt.

Jedes fünfte Kind, das ambulant oder stationär behandelt wird, hat gesundheitliche Probleme, die eine neuropädiatrische Expertise benötigen. Die Frührehabilitation für Kinder mit neurologischen Erkrankungen harrt dem Ausbau.

Die häufigsten Krankheitsbilder aus dem neurologischen Bereich bei Kindern und Jugendlichen sind Migräne, Lernstörungen, mentale Retardierung, ADHS, Epilepsien und die spastische Zerebralparese. Dazu kommt eine oft große Zahl seltener, teils genetisch bedingter Erkrankungen des Muskel- und Nervensystems. All diese Erkrankungen führen häufig zu chronischen Behinderungen.

2007 wurde Neuropädiatrie als Additivfach anerkannt – derzeit gibt es in Österreich 12,5 Kinderneurologen pro eine Million Einwohner.

„Vor allem in den größeren Städten ist die Versorgung damit sehr gut“, meint OA Dr. Christian Rauscher, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Neuropädiatrie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. In der Steiermark, so wurde bei der 35. Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropädiatrie im April in Graz betont, gäbe es aber nur sieben Neuropädiater pro eine Million Einwohner, mit der Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Graz als überregionalem Referenzzentrum für seltene pädiatrische neurologische Erkrankungen. Mittelfristig ist dort die Schaffung einer eigenen klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde vorgesehen.

„Aktuell kommt der Großteil der Neuropädiater aus dem Kreis der Ärzte, für die noch die Übergangsbestimmungen gelten. Ein Problem ist: Es müssen in ganz Österreich noch Ausbildungsplätze für die zukünftig Auszubildenden geschaffen werden, die nicht nur aus dem bestehenden Personalplan rekrutiert werden“, sagt Rauscher. Für ihn ist das eine mittel- bis langfristige Perspektive. Er fordert von der Gesundheitspolitik die nötigen Mittel, um zusätzliche Plätze zu schaffen. Dies brächte auch Impulse für die sehr wichtige Weiterbildung von Pädiatern und auch Allgemeinmedizinern sowohl im klinischen als auch niedergelassenen Bereich.

Bausteine für die Weiterbildung

„Die Arbeitsgemeinschaft Neuropädiatrie arbeitet derzeit an Bausteinen für die Weiterbildung – auch für jene Fachärzte mit dem Zusatzdiplom“, denn, so unterstreicht Rauscher, „es ist sehr wichtig, dass Entwicklungsverzögerungen und andere neurologische Probleme möglichst frühzeitig erkannt werden. Die Betreuung dieser Patienten erfolgt vorrangig durch den Kinderarzt im niedergelassenen Bereich. Bei spezifischen Fragestellungen erfolgt die Zuweisung zum spezialisierten Zentrum. Wichtige Informationsquellen sind die Wahrnehmungen der Eltern, die von uns Ärzten entsprechend ernst genommen werden müssen.“

Am Papier ist der Ausbau der Frührehabilitation für Kinder mit neurologischen Problemen festgelegt. Der Plan ist in Wien bereits etabliert und wird momentan in Salzburg umgesetzt. Rauscher wünscht sich auch für die gesamte Neurorehabilitation im stationären und ambulanten Bereich die nötigen finanziellen und strukturellen Mittel.

Ein Feld, bei dem es aus Rauschers Sicht ebenso wichtig ist, dass Pläne im Sinne der kleinen Patienten umgesetzt werden, ist die enge Zusammenarbeit von neonatologisch tätigen Kinderärzten und Neuropädiatern bei der Begleitung von Frühgeborenen. Zum Beispiel betrifft die spastische Zerebralparese zwei bis 2,5 von 1.000 Kindern.

Bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm liegt dieser Wert bei 50 bis 80 von 1.000 Kingern, „darum sind hier von Anfang an besondere Aufmerksamkeit, Begleitung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Frühförderung so wichtig“, betont Rauscher. Wichtige Rollen spielen in diesem Zusammenhang auch Ergo-, Physiotherapie und Logopädie sowie die systematische Unterstützung der Eltern, beispielsweise auch durch Bildungsangebote. Problematisch und zusätzlich belastend ist gerade, dass für ambulante Behandlungen regional unterschiedlich hohe Selbstbehalte eingehoben werden.

Prävention im Kindesalter

Therapien im Kindesalter sind über einen langen Zeitraum präventiv wirksam. Kinder und Jugendliche haben einen Anteil von 18 Prozent der Gesamtbevölkerung – aber nur fünf Prozent der Gesundheitsausgaben sind für sie vorgesehen. „Es wäre nötig, dass Kinder einen kostenfreien Zugang zu Therapien wie Physio-, Ergotherapie und Logopädie sowie Psychotherapie haben“, sagt Prof. Dr. Klaus Schmitt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und ärztlicher Leiter der Landes-Kinderklinik Linz. „Es ist nicht einzusehen, dass chronisch kranke oder behinderte Kinder und Jugendliche, solche mit Entwicklungsstörungen, psychischen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten in unserer Gesellschaft benachteiligt werden.“ Die Mehrkosten lägen zwischen 75 und 90 Millionen Euro, diese wären aber „sehr gut investiert und würden dem Geist einer langfristig denkenden Gesundheitspolitik entsprechen“.

„Wir Pädiater müssen immer wieder die Erfahrung machen, dass Kinder und Jugendliche die für sie notwendigen Therapien nicht erhalten, weil sich Familien diese nicht leisten können. Gerade Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus benötigen wesentlich häufiger solche Therapien“, sagt Dr. Rudolf Püspök, Mitglied des Organisationskomitees der Gruppe „Politische Kindermedizin“. Die Zahl der kostenfreien Therapieplätze sei generell viel zu klein.

Außerdem wird der Ausbau des Angebots an stationärer und ambulanter Kinder- und Jugendpsychiatrie gefordert: Neben Abteilungen und teilstationären Angeboten bräuchte es auch Konsiliardienste sowie mobile Angebote bzw. mehr Kassenstellen für Kinderpsychiater und Psychotherapeuten mit entsprechendem Schwerpunkt.

Von Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 21 /2009

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