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Stammzellen aus dem Knochenmark von Spendern werden über internationale Kooperationen weitergegeben. Die deutsche Knochenmarkpenderdatei DKMS wirbt aggressiv potenzielle Spender an und will in Europa expandieren.
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Dr. Peter Harf Mitbegründer der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, DKMS

 
Gesundheitspolitik 14. Juni 2012

Deutsche Expansionsgelüste

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei will massiv nach Europa expandieren, irgendwann auch nach Österreich. Willkommen ist sie aber nicht überall.

„Leukämie kennt keine Grenzen, wir dürfen sie deshalb auch nicht kennen“, so beschreibt Dr. Peter Harf die Motivation hinter den Internationalisierungsplänen der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, kurz DKMS. Harf ist Mitbegründer der DKMS und Vorsitzender des Stiftungsvorstands der DKMS Stiftung Leben. 6.000 Deutsche haben im vergangenen Jahr Knochenmark gespendet, zwei Drittel der geretteten Patienten lebten im Ausland. In einem offensiven Expansionsschritt will nun die äußerst erfolgreich organisierte DKMS Ländern mit weniger registrierten Spendern „Unterstützung anbieten“. Nicht ganz konfliktfrei allerdings. In Spanien etwa sind erste Versuche gescheitert.

 

Laut Deutscher Presseagentur verfügt „außer Deutschland kaum ein Land über ein wirkungsvolles System, um genügend passende Spender für Blutkrebspatienten zu finden“. Nach Angaben des internationalen Netzwerks Bone Marrow Donors Worldwide gibt es 4,5 Millionen registrierte Knochenmarkspender in Deutschland, aber nur 199.000 in Frankreich, 96.000 in Spanien und 62.000 in Österreich.

Bei unseren Nachbarn existieren mehrere Knochenmarkspenderdateien. Die größte unter ihnen, die Deutsche Knochenmarkspenderdatei DKMS, will nun die bisher in Europa übliche Vorgehensweise, Spender ausschließlich im eigenen Land zu rekrutieren und dann auf internationale Vernetzung zu setzen, durch eigene, grenzüberschreitende Aktivitäten ausweiten. Mit 80 Prozent Deckung durch deutsche Stammzellspender für deutsche Patienten wäre das Maximum im Land fast erreicht, argumentiert Harf auf Anfrage der Ärzte Woche: „Wollen wir mehr Patienten weltweit, die auf eine Stammzelltransplantation angewiesen sind, eine Chance auf Leben geben, müssen wir unsere Gelder effizient einsetzen, also die Gewebemerkmalsvielfalt durch die Expansion ins Ausland ausbauen.“ Es wäre rein aus medizinischen Gründen gar nicht möglich, die ganze Welt von Deutschland aus mit den rettenden Stammzellen zu versorgen. Die DKMS wolle deshalb jetzt nicht mehr darauf warten, dass andere Länder ihr System ebenfalls optimieren, sondern werde „Ländern mit deutlich weniger registrierten Spendern unsere Unterstützung anbieten und unser internationales Engagement mit voller Kraft vorantreiben“, sagt Harf, dem eine „internationale Gemeinschaft der Lebensspender“ vorschwebt. Diese Vision würde aber momentan leider noch an den nationalen Gegebenheiten anderer Länder scheitern.

Gleich bei ihrem ersten internationalen Expansionsschritt stieß die DKMS dann auch auf massiven Widerstand. Der Versuch, in Spanien eine Auslandsgesellschaft zu etablieren, scheiterte – zumindest vorerst. „Wir haben die Abwehrhaltung in Spanien unterschätzt“, gibt Harf offen zu: „Vermutlich ist das nirgendwo willkommen, wenn Leute von außen kommen und sagen: Wir können es besser.“ Die Regierung verabschiedete sogar eigens eine Gesetzesänderung, um die DKMS nicht ins Land lassen zu müssen. „Wir geben aber nicht auf und haben alles in die Wege geleitet, die für die Stammzellspenderregistrierung notwendigen Genehmigungen zu erhalten“, zeigt sich Harf kämpferisch, um auch gleich weitere Expansionsziele anzukündigen: „Derzeit recherchieren wir in Großbritannien, Frankreich und Italien, aber auch in Indien und Brasilien. Kleinere europäische Länder wie die Schweiz, Österreich, Belgien oder die Niederlande sollen folgen. Harf versichert, dass man überall mit den Verantwortlichen zusammenarbeiten möchte. Dieser Kooperationswille sei von den spanischen Behörden offensichtlich nicht als solcher erkannt worden. Man habe sicher Fehler gemacht, räumt Harf ein, aber daraus auch gelernt – wie viel, wird der geplante Start der britischen DKMS-Auslandsgesellschaft Anfang 2013 zeigen.

Kooperationen in Österreich

Auf die Expansionspläne der DKMS angesprochen, weist Prof. Dr. Gottfried Fischer, Ärztlicher Leiter des Fonds Österreichisches Stammzellregister, auf die gut funktionierende Zusammenarbeit mit dem deutschen Knochenmarkspenderegister und den angeschlossenen Knochenmarkspendedateien, zu denen auch die DKMS gehört, hin. Der Fonds würde die Registrierung von neuen Spendern in jedem Fall begrüßen, gleichgültig ob im In- oder Ausland, sagt Fischer, da „dadurch die Chancen steigen, dass für Patienten gewebeverträgliche Spender identifiziert werden können.“ Fischer merkt jedoch auch kritisch an, dass bei den publizierten Absichtserklärungen des DKMS einige „Formulierungen missverständlich gehalten“ sind.

Laut Dr. Johann Kurz, zuständiger Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium, beruht die Bereitstellung der Stammzellen auf einer internationalen Zusammenarbeit der Knochenmarkspenderdateien, der nationalen Knochenmarkspenderegister und der Transplantationszentren. Dabei müsse sichergestellt bleiben, „dass diese Zusammenarbeit auch weiterhin auf national und international verbindlichen und informellen Übereinkommen ungestört weiter gewährleistet wird. Im Rahmen der Spenderbereitstellung sind nicht nur die Interessen der Empfänger zu berücksichtigen, sondern der Schutz der Spender muss im Vordergrund stehen.“

Den Umstand, dass die Zahlen der rekrutierten und typisierten Spender in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern, auch zu Österreich, deutlich höher sind, führt Kurz vor allem auf eine höchst erfolgreiche Werbestrategie zurück, von der „österreichische Institutionen lernen“ könnten. Außerdem sei die Finanzierung der Spendertypisierungen in Deutschland anders geregelt, sodass eine vermehrte Rekrutierung auch zu weitergehenden Typisierungen und dadurch zu besserer Bereitstellung von Spenden führt.

In Deutschland geschehe die Rekrutierung neuer Spender durch gezielte Werbekampagnen, bei denen das Leid der Patienten öffentlich gemacht wird, merkt Fischer an. Für Österreich wurde hingegen von den zuständigen Stellen eine weniger aggressive Rekrutierungspolitik empfohlen. Das habe den Vorteil, dass die Spender in Österreich im Durchschnitt weniger emotional motiviert werden und ihre Entscheidung „freier“ als gleichberechtigter Partner treffen könnten. Aber natürlich gäbe es hierzulande noch Verbesserungspotenzial, etwa bezüglich einer Verfeinerung der Gewebetypisierung der Spender, um Hilfe schneller bereitstellen zu können.

Von V. Weilguni , Ärzte Woche 24 /2012

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