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© Ingo Dumreicher/panthermedia
36 Prozent der über 60jährigen Bevölkerung in Österreich nehmen mehr als neun verschiedene Medikamente.
 
Gesundheitspolitik 11. Juni 2012

Je mehr Medikamente, desto wichtiger die Beratung

Apotheker wollen Einführung der e-Medikation rasch wenn nötig, auch im Alleingang.

Medikamenteninteraktionen können nicht nur unangenehm sein, sondern auch sehr gefährliche Komplikationen verursachen. Je mehr Medikamente ein Patient einnimmt, desto größer ist das Risiko. Medikamenteninteraktionen stehen weltweit an fünfter Stelle der Todesursachen nach Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebserkrankungen und Lungenerkrankungen. E-Medikation und Beratung durch den Apotheker können das Risiko beträchtlich senken.

 

Nach dem Ende des Pilotprojekts zur e-Medikation mit 31. Dezember des Vorjahres, soll die österreichweit einheitliche, computergestützte Überprüfung von möglichen Inkompatibilitäten der verordneten oder frei verkauften Arzneimittel flächendeckend eingeführt werden. Hauptverband der Sozialversicherungsträger und Apothekerkammer sprechen sich für eine möglichst rasche Umsetzung aus, die Ärztekammer meldet einstweilen noch Vorbehalte an. Hoher Zeitaufwand und die „wenig zufriedenstellende Bereitschaft der Patienten, sich am Pilotprojekt zu beteiligen“, sind laut dem neuen Präsidenten der Wiener Ärztekammer, Dr. Thomas Szekeres, die Hauptgründe für die Skepsis. Relevante Fragen wie Datenschutz, Patientenbereitschaft, aktueller Informationsfluss und tatsächliche Einsparungsmöglichkeiten seien nicht eindeutig beantwortet, ebensowenig wie das Hautpziel, die Verhinderung von Kontramedikationen, so Szekeres.

Die Apothekerkammer fordert dagegen die rasche Einführung. Notfalls, so Apothekerkammerpräsident Mag. Heinrich Burggasser, werde man E-Medikation mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten alleine umsetzen. Diese Idee unterstützt auch Patientenanwalt, Dr. Gerald Bachinger, der als Nachweis für die Sinnhaftigkeit auch eines solchen Alleingangs ein französisches Beispiel zitiert, in dem die Apotheker dies sehr erfolgreich für die Patienten durchführten.

Das Potenzial ist vor allem bei älteren Patienten groß: Sowohl für unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten als auch für die Vermeidung durch gute Beratung. „36 Prozent der über 60jährigen Bevölkerung in Österreich nehmen mehr als neun verschiedene Medikamente“, erklärte Prof. Dr. Eckhard Beubler, Pharmakologe aus Graz. Studien haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für Interaktionen oder Nebenwirkungen bei fünf Medikamenten 50 Prozent beträgt, bei acht 100 Prozent.

In Deutschland geht man von 20.000 Arzneimittel-Toten pro Jahr aus, wobei gerade im Bereich der rezeptfreien Medikamente etwa bei häufig gekauften Schmerzmitteln oder auch Protonenpumpenhemmern, Johanniskrautpräparaten und Ginkgopräparaten massive Wechselwirkungen auftreten können, speziell wenn sie in bestimmten Kombinationen eingenommen werden.

Ältere Menschen lassen sich gerne beraten

Die Beratung durch den Apotheker wird gleichzeitig besonders von älteren Menschen sehr geschätzt. Das zeigt eine kürzlich von Karmasin Motivforschung durchgeführte Studie. Demnach nehmen 41 Prozent der über 60-jährigen Österreicher zumindest einmal pro Monat Beratung in der Apotheke in Anspruch. 77 Prozent schätzen an der Apotheke vor allem die Möglichkeit, in einem persönlichen Gespräch individuelle Fragen stellen zu können. Für 85 Prozent vermittelt die Apotheke ein Gefühl der Sicherheit im Vergleich zu anderen Bezugsstellen von Medikamenten. Das Bewusstsein für die Gefahr von Wechselwirkungen ist in dieser Altersgruppe jedenfalls groß: Knapp drei Viertel (74 %) der Befragten gaben an, sich beim Kauf von Medikamenten aktiv über Wechselwirkungen zu informieren.

Die Wirksamkeit einer Beratung von Hausärzten durch Apotheker zur Vermeidung von Verschreibungsfehlern zeigte kürzlich die im Lancet veröffentlichte PINCER-Studie. Anhand von drei Verordnungsbereichen, in denen häufig Fehler passieren, zeigte sich, dass ein persönliches Treffen von Apotheker und Hausarzt sowie einem weiteren Mitglied des Praxisteams zusätzlich zu einem Warnhinweis der Praxissoftware eine statistisch signifikante Reduktion der Fehlerrate zur Folge hatte. Die drei untersuchten Bereiche waren:

  • Die Verordnung von nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAID) ohne Gastroprotektion bei Patienten mit einem Magenulkus in der Vorgeschichte.
  • Die Verordnung von Betablockern an Asthmapatienten.
  • Die Verordnung von ACE-Hemmern beziehungsweise Schleifendiuretika bei älteren Patienten mit eingeschränkter Nierenschwäche ohne Monitoring von Nierenfunktion und Elektrolyten.

Thema des Beratungsgesprächs mit dem Apotheker, der in die Praxis des niedergelassenen Arztes kam, war der Medikationsfehler sowie die Erkundung von Möglichkeiten, wie dieser in Zukunft vermieden werden kann. Verglichen wurde die Beratungsgruppe mit einer Gruppe, die nur die Warnung über den Computer erhielt. Allerdings stellt der relativ hohe Aufwand bei zunehmender Geld und Zeitknappheit ein Hindernis für die Umsetzung in den Praxisalltag dar.

 

Quellen: Presseaussendung ÖÄK, Presseinformation ÄAK, Avery JA et al.: A pharmacist-led information technology intervention for medication errors (PINCER): a multicentre, cluster randomised, controlled trial and cost-effectiveness analysis. The Lancet, Vol. 379; 9823: 1310–1319

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