zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 8. Juni 2012

Probleme wären bewältigbar, meint die NÖ Ärztekammer

Mit mehr Personal statt mehr EDV ließen sich zahlreiche Probleme bewältigen

Vor einer Einführung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA sollten aus Sicht des Niederösterreichischen Ärztekammerpräsidenten, Dr. Christoph Reisner, alle Möglichkeiten geprüft werden, mit denen man mit den bereits vorhandenen Mitteln ähnliche Ergebnisse und Verbesserungen erzielen kann als die von der Politik durch ELGA erhofften.

"Ganz oben steht immer die Frage: Was braucht der Patient und welche Hilfsmittel braucht der Arzt, damit er diesen Bedarf bestmöglich erfüllen kann", so Präsident Dr. Reisner. So ist für ihn beispielsweise die Einführung einer "Gesundheitsmappe" vorstellbar, die durchaus elektronisch sein kann. "Das wäre hilfreich im täglichen Praxisalltag und in den Spitälern. Hinein kommt, was wichtig ist. Heraus kommt, was an Bedeutung verloren hat. Diese Entscheidung erfolgt durch den Hausarzt oder Vertrauensarzt, wobei diese Tätigkeit natürlich in den Leistungskatalog aufgenommen werden muss."

Entlassungsbriefe brauchen Wochen oder Monate

"Bereits jetzt haben die Sozialversicherungen alle patientenbezogenen Unterlagen zur Verfügung", so der Chef der niedergelassenen Ärzte Niederösterreichs, MR Dr. Dietmar Baumgartner. "Sie wissen, wer wann welches Medikament für welchen Patienten verschrieben hat. Warum nützt man vor Einführung eines Monsterprojektes wie ELGA nicht einmal die bereits vorhandenen Datenmengen?"

"Weil Datenfriedhöfe dieser Art eben zu nichts nützlich sind", weiß Präsident Dr. Reisner. "Und die ELGA in der geplanten Form würde auch zum Datenfriedhof mutieren, der die ärztliche Arbeit nur behindert statt sie zu verbessern. Wir brauchen ein Team von Spezialisten, die mit Hilfe der bestehenden Hilfsmittel eine schlanke, konzentrierte Gesundheitsmappe erstellen und warten, mit deren Hilfe man alle Anforderungen an moderne Medizin hervorragend bewältigen kann. Das wäre ideal aus Patienten- und auch aus Beitragszahlersicht."

Die wahren Probleme der Datenübermittlung sind laut Dr. Baumgartner an anderer Stelle gelagert. "Viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte leiden darunter, dass Arztbriefe aus Krankenhäusern oft erst Wochen oder Monate nach der Entlassung in den Ordinationen eintreffen, obwohl die elektronischen Kanäle längst vorhanden sind. Diese Probleme kann man auch mit einer ELGA nicht lösen, sogar ganz im Gegenteil. Hier ist das Land als Spitalserhalter gefordert, genügend Ressourcen für einen ordentlichen medizinischen Betrieb bereitzustellen."

Wartezeiten verkürzen statt durch "Bürokratiewahnsinn" noch verlängern

Dr. Baumgartner verweist auch darauf, dass alle Wechselwirkungen von Medikamenten auch ohne ELGA abgeprüft werden, das ist medizinischer Standard. "Die Polemik, dass man durch den Einsatz von ELGA und eine Wechselwirkungsprüfung durch E-Medikation Menschenleben retten könnte, kann ich nicht nachvollziehen. Wir könnten die medizinische Versorgung zum Beispiel dann optimieren, wenn wir die bestehenden Wartezeiten auf Arzttermine und Operationen verkürzen würden. Das liegt jedoch ausschließlich in der Hand der Politiker."

"Die Spitalsärzte leiden unter dem Personalmangel", bestätigt Dr. Ronald Gallob, der Kurienobmann der angestellten Ärzte Niederösterreichs. "An dieser Situation wird auch eine ELGA nichts ändern. Wir rechnen sogar damit, dass wir wesentlich mehr Personal bräuchten, wenn wir zusätzlich zu den bisherigen Anforderungen an Bürokratie auch noch die Administration von ELGA bewältigen müssten", so Dr. Gallob.

Wir brauchen keine neue Infrastruktur, sondern Personal

 

Voraussetzung für eine bessere Vernetzung der Ärzteschaft ist laut Dr. Gallob daher nur, genug Personal in den Krankenhäusern anzustellen, die neben der Behandlung auch noch zeitnah alle sonstigen Verpflichtungen erledigen können. "Das betrifft nicht nur die Ärzteschaft, sondern auch die Verwaltungsangestellten im Hintergrund. Hier wäre schon lange die Österreichische Ärztekammer gefragt, überzeugend auf die Politik einzuwirken."

Aus Sicht von Präsident Dr. Reisner hat es die ÖÄK durch die Verhinderungspolitik der vergangenen Jahrzehnte geschafft, bei solchen Entscheidungsprozessen wie ELGA nicht mehr ins Boot geholt zu werden. "Wer immer nur die Vorschläge von anderen blockiert, statt selbst einmal Konzepte vorzulegen, der darf sich auch nicht wundern, wenn ihn keiner mehr so richtig ernst nimmt", so Präsident Dr. Reisner abschließend.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben