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Gesundheitspolitik 6. Juni 2012

Starkes Netzwerk zwischen Gesundheitsversorgung und Patienten

Die elektronische Gesundheitsakte, allgemein besser bekannt als ELGA, ist erneut Mittelpunkt einer regen politischen Debatte, seit Gesundheitsminister Alois Stöger einen neuen Gesetzesentwurf vorgelegt hat.

Vor allem die Ärzteschaft lehnt das Projekt des Ministeriums ab. Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner ortet einen Fokus auf wirtschaftliche Aspekte und die Vernachlässigung des medizinischen Nutzens. Er verweist auf „grobe rechtliche, organisatorische und technische Probleme" und sieht die Kontrolle der Patienten im Zentrum. Dorner fordert die Übergabe der vollständigen wissenschaftlichen Bewertung des Pilotprojekts zur e-Medikation. Das System sei insgesamt überladen und unpraktikabel, so die Kritik der heimischen Ärztevertretung. Der digitale Datenaustausch im Gesundheitssystem müsse übersichtlich und leicht zu handhaben sein.
In der aktuellen Ausgabe von „european surgery“, dem offiziellen Journal der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie, schreiben Dr. Susanne Herbek, Geschäftsführerin der ELGA GmbH, und KollegInnen in einem Originalartikel über die Ziele und den aktuellen Entwicklungsstand der Elektronischen Gesundheitsakte in Österreich.


Fünf Punkte sind von besonderer Bedeutung:

1. Rascher Zugang zu relevanten Gesundheitsinformationen


Eines der erklärten Ziele von Elga, so die Autoren des Artikels, ist die optimierte Therapie bei einer verbesserten Zusammenarbeit. Das wichtigste dabei ist, dass Ärzte die relevanten medizinsichen Daten „bei der Hand“ haben, wenn sie eine Patientin oder einen Patienten behandeln, unabhängig, ob sie im niedergelasssenen Bereich arbeiten, oder im sekundären Sektor. Durch die elektronische Gesundheitsakte wird der behandelnde Arzt Vorbefunde, Entlassungsberichte und die aktuelle Medikation seiner Patienten als unterstützende Entscheidungsgrundlage für die weitere Diagnostik und Therapie erhalten. Das zeitraubende Suchen und Einscannen von Unterlagen wird wegfallen, weil neue Informationen rasch und einheitlich strukturiert erkennbar sein werden.


Auch die Qualität der ärztlichen Behandlung sollte damit verbesserbar sein, dass mehr Wissen in kurzer Zeit zur Verfügung steht. Allergietests, Information über die Blutgruppe, Aufnahmen von bildgebenden Verfahren, Laborwerte, auch ältere Daten aus früheren Testergebnissen, die eine Entwicklung aufzeigen können, tragen zur Vervollständigung des Bildes über den Gesundheitszustands eines Patienten bei, das sich wie ein Puzzle aus einzelnen Teilen zusammensetzt. ELGA hat zum Ziel, dem Arzt all diese Puzzle-Teile zur Verfügung zu stellen, und ihm so alle Möglichkeiten in die Hand zu geben, das volle therapeutische Potenzial wahrnehmen zu können.

2. Patienten-Empowerment

Bei all den Daten ist es wichtig, dass der Patient im Mittelpunkt steht und auch Herr über seine Gesundheitsdaten ist. Patientinnen und Patienten bekommen in Zukunft über das ELGA-Portal Zugang zu ihren persönlichen Gesundheitsdaten und können somit ihr Recht auf Einsicht in ihre Daten leichter ausüben. Über das öffentliche Portal www.gesundheit.gv.at können sie auch die Zugriffsberechtigungen und einsehen, wer auf ihre Daten zugegriffen hat.

 3. Sicherer Zugang für Patienten und Ärzte

Derzeit werden die Komponenten für die Identifikation und Authentifizierung von Arzt und Patient, das Berechtigungs- und Protokollierungssystem sowie das ELGA Portal gemeinsam mit Projektpartnern umgesetzt bzw. vorbereitet. Entsprechend der föderalen Organisation des Gesundheitswesens in Österreich wird durch eine verteilte Datenhaltung der Zugriff auf Dokumente in dezentralen Speichern ermöglicht werden. Dabei wird, so Herbek und ihre Mitautorinnen, wird auf die grundsätzlichen Anforderungen der höchsten Datensicherheit höchster Wert gelegt. ELGA ist so angelegt, dass es den föderalen verteilten System ebenso Rechnung trägt wie zentrale Elemente, die sowohl für den einfachen Zugang und die Nutzung durch die Patienten, also auch für die Ärzte nötig sind.


Das Elga-Portal ist die zentrale Eingangstür zu den persönlichen Gesundheitsdaten des Bürgers über einen Internetanschluss. Dieses Portal wird auf der Grundlage der Österreichischen IT-Strategie entwickelt (siehe auch www.digitales.oesterreich.gv.at ).
Dieser elektronische Service für den öffentlichen Sektor ist in zwei Teile geteilt, in das Informationsportal, das bereits online ist (www.gesundheit.gv.at) und das Elga-Portal. Ein gesicherter Bereich ermöglicht dem Patienten Zugang zu seinen persönlichen ELGA-Dokumenten, Applikationen und Sicherheitsfunktionen bezüglich seiner Patientenrechte. Diese Portal wird zurzeit entwickelt. Wichtig dabei ist für den Patienten, dass er über dieses Portal die Möglichkeit hat, Gesundheitspersonal den Zugang zu seinen Daten zu eröffnen – grundlegend für die Patientenautonomie und das Patientenrecht.
Natürlich ist eine optimale „Usability“, also leichte Handhabbarkeit unabdingbar für die tägliche Arbeit mit und in dem System. Deshalb wurden auch Stakeholder, Bürger und Patientengruppen eingeladen, sich in dem Prozess zu beteiligen.

Das ist auch für die Harmonisierung der Dokomentstrukturen wesentlich. An der Entwicklung der Clinical Document Architecture (CDA) von ELGA wurden etwa 200 Personen involviert, unter anderem auch Experten aus dem Kreis der Ärztekammer, beschreiben die Autoren der Originalarbeit im aktuellen european surgery. In sogenannten „CDA Implementation guides“ werden die nötigen Spezifikationen erarbeitet – etwa für Entlassung-, Labor- oder radiologische Berichte.
 

e-Medikation

Verschiedene Studien hätten gezeigt, so Herbek und Koautoren, dass die Behandlung mit Medikamenten ein großes Fehlerpotenzial haben. Somit bestehe bereits Evidenz, dass es die E-Medikation Vorteile bringen kann. Grund genug, dass diese Anwendung als die erste tatsächlich umgesetzte Applikation von ELGA geplant ist. Die Infrastruktur von ELGA soll nun die adäquate Basis dafür bieten, ein österreichweites elektronischen elektronisches Netzwerk aufzubauen – und zwar in absehbarer Zeit. Für die Österreicher wird es einen E-Medikations-Account geben.

4. Die umstrittene Frage der Kosten

Das Hauptziel von ELGA ist erklärtermaßen, die Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung in Österreich zu verbessern. Als „angenehmen Nebeneffekt“ wird der positive Effekt auf die Kosten bezeichnet. Bei der Berechnung der Benefits, versichern die Autoren, wären nur die Vorteile der Schlüssel-Applikationen in die Überlegungen mit eingeflossen, für die es eine klare Evidenz gibt. Schon allein der E-Report, die CDA-basierte Standardisierung der Dokumente, bringt dabei einen Vorteil. „Studien zeigten, dass Ärzte Patienten anders behandeln, wenn sie einen einfachen Zugang zu verlässlichen medizinischen Informationen haben.“

Der geschätzte Effekt bei diesem Verhalten häuft sich auf ungefähr 7.000 Fälle auf, bei denen die Einweisung ins Spital vermieden werden kann, was sich auf 48.600 Spitalstage kumuliert, die pro Jahr eingespart werden könnten. Auf diese Weise ließen sich zusätzliche medizinische Berichte in etwa 270.000 Fällen jährlich vermeiden, wobei die radiologischen Berichte diejenigen sind, die am meisten Kosten verursachen.

Die österreichweite Errichtung der ELGA bis zum Jahr 2017 kostet insgesamt 130 Millionen Euro, berichtet Herbek in dem Originalartikel. Die Kosten für den weiterführenden Betrieb werden auf 18 Millionen Euro jährlich geschätzt. „der Break-Even-Point, also die volle Amortisation des investierten Geldes wird zwei Jahre nach dem kompletten roll-out erreicht werden, nach derzeitiger Planung im Jahr 2016. Die erwartete Kostendämpfung für das Gesundheitswesen in einem vollen Betriebsjahr liegt bei 129 Millionen jährlich.

Manche Kostenfaktoren sind in dieser Rechnung noch gar nicht berücksichtigt, schreiben die ELGA-Experten in ihrem Bericht. Etwa Kosteneinsparungen aufgrund von Doppelmedikationen und nicht-schweren Medikamenteninteraktionen; oder durch bessere administrative Prozesse aufgrund verlässlicher demografischer Daten und medizinischer Berichte; oder durch die Verringerung der Zahl von Patiententransporten als Ergebnis der verringerten Einweisungszahlen.

5. Opt-Out für Patienten ist auch im aktualisierten Entwurf des Gesundheitsministeriums vorgesehen

Nach dem derzeitigen Entwurf für das ELGA Gesetz besteht für Bürgerinnen und Bürger Wahlfreiheit bei der Nutzung von ELGA (Opt-Out), schreibt Herbek. Wer nicht will, dass seine Gesundheitsdaten in diesem System eingesehen werden können, hat die Möglichkeit, nicht mitzumachen bzw. auszusteigen.

Quelle: S. Herbek, H. A. Eisl, M. Hurch, A. Schator, St.Sabutsch, G. Rauchegger, A. Kollmann, Th. Philippi, Pr. Dragon, E. Seitz, St. Repas. ELGA: The Electronic Health Record in Austria: a strong network between health care and patients. In Eur Surg 44(3): 129-204 (2012)

Inge Smolek, Ärzte Woche 25/2012

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