zur Navigation zum Inhalt
Foto: Gernot Muhr für Med Uni Graz
Prof. Dr. Josef Smolle, Rektor der Medizinischen Universität Graz
 
Gesundheitspolitik 26. Mai 2009

Grazer Medizinstudium im Wandel

Bedeutung der Allgemeinmedizin und bevorstehende Reform des Turnus spiegeln sich in der Ausbildung wider.

Der Allgemeinmediziner soll in Zukunft einen zunehmenden Einfluss im Gesundheitssystem gewinnen, als Türöffner zum Facharzt oder zur Behandlung im Krankenhaus. Aus diesem Grund muss auch im Studium die Allgemeinmedizin eine größere Bedeutung als bisher erlangen.

Vor allem Dank einer intensiven Kooperation der MedUni mit den Allgemeinmedizinern der Steiermark gibt es in der steirischen Landeshauptstadt auf diesem Gebiet bereits große Fortschritte, betont im Gespräch mit der Ärzte Woche der Rektor der Medizinischen Universität Graz (MUG), Prof. Dr. Josef Smolle.

Wie arbeiten die steirischen Allgemeinmediziner an der Lehre mit?

Smolle: Einerseits gibt es eine Reihe formaler Lehrveranstaltungen zur Allgemeinmedizin, andererseits als wirklich besonderes Highlight im sechsten Studienjahr – das bei uns ein überwiegend praktisches Jahr ist – eine verpflichtende Famulatur in einer allgemeinmedizinischen Praxis. Damit bringen wir die Studierenden bereits früh und konsequent mit der Allgemeinmedizin in Kontakt, sodass diese für viele eine wirklich attraktive Berufsperspektive wird.

Werden noch Lehrpraxenplätze gebraucht?

Smolle: Wir sind derzeit in der wirklich glücklichen Position, alle unsere Studierenden – und es sind mittlerweile doch 360 pro Jahrgang – gut mit Lehrpraxen versorgen zu können. Ich würde mich aber darüber freuen, wenn wir noch weitere hinzugewinnen könnten, da es sich auch um einen wechselseitigen Effekt handelt. Einerseits lernen unsere Studierenden sehr viel dazu, andererseits bekomme ich aber auch aus den Lehrpraxen die Rückmeldung, dass allein die Aufnahme eines Studierenden einen Reflexionsprozess in Gang bringt, der auch indirekt wieder zu einem Qualitätsschub in der Praxis führt.

Wäre es aus Ihrer Sicht wichtig, dieses Angebot weiter auszubauen bzw. einen besonderen Fokus darauf zu legen?

Smolle: Wir haben eine Professur für Allgemeinmedizin ausgeschrieben, deren Besetzungsvorgang gerade läuft. Die Intention liegt darin, eine an der Universität hochrangig platzierte zentrale Person zu haben, die diese Entwicklung vorantreibt. Ein wichtiger Fokus muss sein, dass die Allgemeinmedizin nicht einfach ein linear gekürztes Wissen aus allen Fächern repräsentiert, sondern ganz spezifische allgemeinmedizinische Aufgaben wahrzunehmen hat.

 

Ein wichtiger Faktor ist in der Allgemeinpraxis die Präventivmedizin. Die MUG veröffentlichte kürzlich eine Studie zum Thema Blutdrucksenkung und Adipositas  ein weiterer Ansatzpunkt?

Smolle: Für die MUG, gerade als nachhaltige Gesundheitsuniversität, spielt die Prävention eine ganz wichtige Rolle. Als Beispiel ein Fall aus meinem eigenen Fach, der Dermatologie. Hier soll für die Allgemeinmedizin nicht primär der Fokus darauf liegen, das Melanom zu erkennen – was sehr schwierig ist –, sondern der Schwerpunkt muss sein, 80 bis 85 Prozent der völlig harmlosen Muttermale sicher zu erkennen, sodass diese Patienten von der Allgemeinmedizin versorgt werden. Die restlichen 15 Prozent wären dann in fachärztliche Betreuung zu überweisen.

Momentan wird verstärkt über die Abschaffung des Turnus debattiert. Dabei kristallisiert sich eventuell eine Approbation unmittelbar nach dem Studium heraus.

Smolle: Unsere Studierenden sind sicher sehr gut auf die praktischen Anforderungen vorbereitet. Aus diesem Grund wäre es im Sinne der Gleichstellung oder eben einer Nichtdiskriminierung wünschenswert, dass die Approbation mit anderen europäischen Ländern gleichgestellt wird. Trotzdem glaube ich nicht, dass es Ziel sein kann, sich unmittelbar nach dem Studium in eine Praxis zu setzen und Patienten zu behandeln. Eine mehrere Jahre dauernde Weiterbildung im Rahmen eines kollegialen Umfeldes wäre sehr vernünftig. Ob dies in einer längeren stationsärztlichen Tätigkeit, einem Turnus oder einer Facharztausbildung geschieht, sind Fragen, die die Ärztekammer zu klären hat.

Wäre es durch diese Umstellung nötig, den praktischen Anteil im Rahmen des Medizinstudiums auszubauen?

Smolle: Unsere bisherigen Erhebungen zeigen – zumindest für Graz kann ich hier sprechen –, dass der praktische Anteil außerordentlich hoch ist. Herausstreichen möchte ich, dass wir als einzige österreichische Universität die OSKE-Prüfung – Abkürzung für Objektives Strukturiertes Klinisches Examen – verpflichtend eingeführt haben. Auch ein eigenes Skill-Center (siehe Kasten 1) wurde eingerichtet. Dort liegt der Fokus auch auf praktischen Fertigkeiten.

Welche Meinung haben Sie zur Einführung eines Facharztes für Allgemeinmedizin?

Smolle: Die zunehmend wichtige Rolle der Allgemeinmedizin rechtfertigt, dass sie auch zeitlich den übrigen Facharztausbildungen gleichgestellt wird. Das halte ich für vernünftig und glaube, dass sich die niedergelassenen Fachärzte im Gesundheitssystem mittelfristig deutlicher positionieren und dem Versorgungsauftrag nachhaltiger nachkommen werden müssen. Eine verpflichtende Lehrpraxiszeit – nach derzeitigem Diskussionstand sind 18 Monate vorgesehen, angeblich am Ende der Ausbildung – halte ich für sehr sinnvoll. Meiner Meinung nach wäre eine Teilung dieser Zeit mit einer Platzierung jeweils am Anfang und Ende jedoch vernünftiger, damit die Auszubildenden bereits zu Beginn in Erfahrung bringen können, was sie sich an den Spitälern – im Mittelteil – für die Praxis holen müssen. Der zweite Teil der Lehrpraxisausbildung sollte dann am Ende stattfinden, um das Ganze nochmals abzurunden.

Wie sieht die Verwendung neuer Medien in der Lehre aus?

Smolle: Die neuen Medien wurden auf der MUG flächendeckend aufgebaut, um den Studierenden – trotz eines sehr stringenten Stundenplans – ein wenig mehr an zeitlicher Flexibilität zu ermöglichen. Andererseits um Inhalte zu vermitteln, die allein durch ein Lehrbuch nur schwer nahezubringen sind. Etwa durch die Aufbereitung sämtlicher OSKE- oder auch Skill-Center-Stationen in Videoclips, die im Virtuellen Medizinischen Campus (siehe Kasten 2) zu finden sind. Wir denken auch daran, diese den Kollegen postpromotionell zugänglich zu machen, damit die Inhalte auch parallel zur Tätigkeit im Spital genutzt werden können.

Bedingt durch die Änderung des Curriculums wurden Diplomarbeiten verpflichtend. Gibt es dabei Bestrebungen, allgemeinmedizinische Themen verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken?

Smolle: Die verpflichtende Diplomarbeit hat im Sinne der Forschungskultur einen enormen Schub gebracht. Viele Lehrende und Studierende, die sich bislang noch nicht intensiv mit Forschung befasst haben, fokussieren sich nun auf Forschungsthemen. Es ist uns auch ein großes Anliegen, dass hierbei Themen aus der Allgemeinmedizin bearbeitet werden.

Die Medizinische Universität Graz hat das biopsychosoziale Modell als Leitmotiv deklariert. Ein interessantes Projekt ist dabei „Studierende helfen Studierenden“.

Smolle: Der psychosoziale Aspekt darf nicht nur als rein professionelle Seite zwischen Ärzteschaft und Patienten gesehen werden, sondern auch als eine kulturelle Frage, die den gesamten Medizinbetrieb betrifft. Also auch der Umgang der Kollegenschaft untereinander und mit den verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Eine wesentliche Voraussetzung, um dieses Modell lebbar zu machen, ist, dass die Studierenden und Lehrenden stärker als früher in unmittelbaren Kontakt zueinander und mit Patienten treten. Die Geschichte der MUG-Helpline „Studierende helfen Studierenden“ ist ein klares Signal dafür, dass wir bereit sind, füreinander Verantwortung zu übernehmen.

 

Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass die Allgemeinmedizin nicht nur für das körperliche Wohl, sondern auch für das soziale und psychologische Wohlbefinden ein unabdingbarer Faktor ist.

Smolle: Es war in der Medizin immer eine Selbstverständlichkeit – ob ausgesprochen oder nicht –, dass die biologisch-naturwissenschaftliche Dimension nur einer der Grundfaktoren ist. Der Unterschied zu früher ist, dass man diese Aspekte nicht nur ausschließlich durch learning by doing und durch viele Fehlschläge später in der Praxis erwerben muss, sondern dass das Bewusstsein und auch die Grundlagen dafür bereits im Grundstudium gelegt werden.

Dabei handelt es sich ja auch um einen der Kernpunkte der MUG als Gesundheitsuniversität. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Smolle: Für uns ist es klar, dass diese Aspekte der Nachhaltigkeit der Gesundheitsuniversität keinen Widerspruch zur klassisch-medizinischen Forschung darstellen. Wir haben vier definierte Forschungsfelder, die sehr hochkarätig angesiedelt sind, wobei wir als Generalthema und Querschnittmaterie die nachhaltige Gesundheitsförderung festgelegt haben. Eine Analyse des Forschungsoutputs der letzten fünf Jahre hat jetzt gezeigt, dass sämtliche vier Forschungsfelder gut ein Drittel Anteil haben, mit Arbeiten, die dezidiert der nachhaltigen Gesundheitsforschung und dem biopsychosozialen Modell zuzuordnen sind. Diese Dinge sind also nicht exklusiv, ich möchte vielmehr sagen, sie bedingen einander. Dies so zu fördern, stellt meiner Meinung nach ein Merkmal der MUG dar.

Wie steht es mit der Forschung in Österreich aus? Was sind die Herausforderungen?

Smolle: Wichtig wird sein, dass die enge Verbundenheit mit der Gesundheitsversorgung nicht primär als zeitraubende Mehrbelastung gesehen wird, sondern als essenzielle Quelle für die Forschung. Die zweite Herausforderung sehe ich darin, dass man sich zu einer Schwerpunktsetzung bekennen wird müssen, da angesichts der beschränkten Größe einer Institution, nicht nur jener der heimischen Universitäten, internationale Spitzenleistung nur mehr auf wenigen Gebieten erbracht werden kann. Daher gibt es an der MUG diese vier angesprochenen Forschungsfelder und das Generalthema, womit es gelingt, dass auch breite Teile der Universität an dieser Profilbildung mitwirken können. Die dritte Herausforderung behandelt den Mut zur Spezialisierung, der sich auch in der Laufbahn des einzelnen Forschers an den Tag legen muss. Frühere Generationen versuchten in jedem Teilbereich eines Faches ein wenig zu forschen, ein Umstand, der heute nicht mehr möglich ist. Man braucht eine breite Basis, die interdisziplinär sein soll und die auch intellektuell über die Medizin hinausreicht. Dort, wo man aktiv forscht, wird es sich aber um einen schmalen Bereich handeln. Und die jungen Wissenschafter brauchen den Mut und die Ermutigung dazu, sich früh auf solche Sektoren zu stürzen und sie zu ihrem Lebensinhalt zu machen.

 

Wo sehen Sie die MUG in zehn Jahren?

Smolle: Als einen Ort, an welchem man gerne studiert und arbeitet und als Patient gut versorgt ist. Als eine Universität, die eine Alleinstellung in der wirklich umfassenden biopsychosozialen Dimension inne hat und die einige wenige international höchst ausgewiesene, klassische Forschungsschwerpunkte in sich vereint.

Das Gespräch führte Christian Vajda

Kasten 1:
Clinical Skills Center
Das erste seiner Art in Österreich. Es dient den Studierenden zur praktischen Übung spezieller ärztlicher Fertigkeiten. Momentan besteht es aus fünf Stationen, deren Höhepunkt der Patientensimulator „Harvey“ darstellt, welcher unterschiedliche kardiologische Diagnosen simulieren kann.
Kasten 2:
Virtueller Medizinischer Campus (VMC)
Online-Portal für Studierende, in dem Lernunterlagen verfügbar sind und Video-Clips zu unterschiedlichen ärztlichen Untersuchungstechniken zur Betrachtung bereitstehen. Ebenso finden hier Wissensüberprüfungen im Rahmen der Module durch Webbased Training (WBTs) statt.
 http://vmc.medunigraz.at

Von Christian Vajda, Ärzte Woche 20 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben