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Gesundheitspolitik 12. Mai 2009

Gefragt ist ein neues Bild vom Alter.

Was wesentlich fehlt, ist eine ganz neue Sicht auf das Phänomen Demenz, besser: auf den dementen Menschen, und noch besser: auf den Menschen überhaupt. Nötig ist ein Bild vom Menschen, das sein höheres Selbst, den unzerstörbaren, gesunden Wesenskern seiner Persönlichkeit ins Zentrum der Vorstellung rückt.

Daraus ergibt sich ein völlig neues Bild vom Alter als der Möglichkeit zu einem bewusst gelebten Lebensabschnitt, der zur Entwicklung der Persönlichkeit gehört und zu einem individuellen Erkenntnisweg führt.

Ohne radikales Umdenken ist eine echte Hilfe unmöglich. Einem Menschen mit Demenz, der außerhalb aller konventionellen Bezüge lebt, kann von Betreuern, die allein aus eben diesen Bezügen heraus handeln, nicht geholfen werden. Eine Kommunikation ist nur auf der gemeinsamen menschlich-geistigen Ebene möglich. Wie nehme ich den/die andere/n wahr, wenn ich ihm/ihr begegne, wie nimmt er/sie mich wahr, was geschieht da in mir, was in ihm/ihr?

Ein solcher Zugang ermöglicht neue Wege der Therapie, z.B. im Aufspüren biographischer Bezüge. Vieles im Verhalten des Demenzkranken kann durch die Kenntnis seiner oder ihrer Lebensgeschichte entschlüsselt werden – es gilt, sich gemeinsam auf den Weg zurück einzulassen, ihn/sie mit allen Verhaltensweisen ernst zu nehmen.

Der Haus- oder Facharzt, der nach dem Rezeptblock greift, ohne nach der Lebensgeschichte des Kranken und seiner Haltung zum Alter zu fragen, kann ihm kaum eine Hilfe sein.

Noch ein grundsätzlicher Gedanke: Wenn sich so viele Menschen im letzten Teil ihres Lebens von der Gesellschaft verabschieden, dann ist mit dieser Gesellschaft etwas nicht in Ordnung. Und wenn sie es auf die Weise der Demenzkranken tun, dann ist vieles und ganz Bestimmtes nicht in Ordnung. Der demente Mensch verhält sich in letzter Konsequenz so, wie die Gesellschaft heute den alten Menschen sieht.

Lesen Sie auch die Einführung zum Thema dieser Standpunkte:
Der Demenz aktiv begegnen

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Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 20/2009

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