zur Navigation zum Inhalt
Foto: © Michael Tieck - Fotolia.com
 
Gesundheitspolitik 16. Mai 2012

Machtwechsel in Wien

Im Exklusivinterview mit der Ärzte Woche spricht Thomas Szekeres, der neue Präsident der Wiener Ärztekammer, kurz nach seiner Wahl über Koalitionen, standespolitische Ziele und auch darüber, dass er sich über den nächsten österreichischen Präsidenten der Ärztekammer noch keine Gedanken gemacht hat.

Prof. Dr. Thomas Szekeres wurde – für Außenstehende doch einigermaßen überraschend – von der Vollversammlung der Ärztekammer für Wien mit 52 von 90 Stimmen zum neuen Präsidenten gewählt. Damit schaffte der bisherige Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte gleich in zweifacher Hinsicht einen „Paradigmenwechsel“: Mit dem AKH-Betriebsrat steht erstmals ein angestellter Arzt an der Kammerspitze. Er ist gleichzeitig auch der erste Sozialdemokrat in dieser Funktion. Szekeres arbeitet als Oberarzt am Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik an der Medizinischen Universität Wien.

 

Herr Präsident, Gratulation zu Ihrer Wahl. Sie waren mit Ihrer Fraktion zweitstärkste Partei. Wie ist es Ihnen gelungen, das Vertrauen so vieler Kollegen und Koalitionspartner zu gewinnen?

Szekeres: Vielen Dank. Ich habe mit allen Seiten sehr offene und gute Gespräche geführt. Dabei haben sich viele gemeinsame Interessen herauskristallisiert, die sich am Ende in einer Koalition aus acht Gruppierungen gebündelt haben.

 

Sie hatten als eines Ihrer Wahlziele eine „Reform der Kammer“ für den Fall Ihres Sieges angekündigt. Können Sie Ihre Ziele konkretisieren?

Szekeres: Ich möchte eine modernere, noch schlagkräftigere Standesvertretung, deren Arbeit von den Kollegen akzeptiert und mitgetragen wird, auf die sie stolz sein können. Um das zu erreichen, müssen Dienstleistungs- und Weiterbildungsangebote verbessert und effizienter gestaltet werden, die internen, beamteten Strukturen schlanker und gleichzeitig die finanziellen Belastungen gesenkt werden.

 

Sie haben Ihren Mitgliedern bereits eine Senkung der Kammerumlage in Aussicht gestellt. Diese beträgt derzeit 1,9 plus 0,5 Prozent des Einkommens. Können Sie Ihre Absicht schon in Zahlen fassen?

Szekeres: Nein, das müssen wir erst genau durchrechnen, aber es soll schon eine signifikante Senkung am Ende herausschauen. Wie viel das im Detail ist, kann ich jetzt noch nicht sagen, denn eines ist auch klar: Der Betrieb der Kammer darf qualitativ nicht darunter leiden. Auch über den Wohlfahrtsfonds müssen wir nachdenken, der belastet vor allem die finanziell schwächeren Kollegen enorm. Es ist aber nicht meine Absicht, zukünftige Pensionisten damit zu verunsichern, es muss nur sichergestellt sein, dass die finanziellen Belastungen nicht übergroß werden.

 

Nach außen hin wollen Sie die Kammer – ich zitiere – „mehr zu einer gestaltenden Kraft“ machen. Wie wollen Sie das schaffen?

Szekeres: Ärzte sind die Experten im Gesundheitssystem. Sie können aus ihrer täglichen Arbeit heraus am besten beurteilen, wo und wie man etwas positiv verändern kann, wo es Schwachstellen im System und wo es Handlungsbedarf gibt. Diese Expertise muss auch von den Entscheidungsträgern anerkannt und genützt werden.

 

Hilft Ihnen dabei Ihre politische Basis in der Sozialdemokratie?

Szekeres: Ich bin zwar bekennender Sozialdemokrat, sehe mich in meiner Funktion aber ausschließlich meinen Kollegen gegenüber verpflichtet. Aber es ist natürlich ein Vorteil, dass mein Zugang zur Politik immer gut funktioniert hat. Ich habe auch ein gutes Gesprächsklima mit der Wiener Gesundheitsstadträtin. Im Übrigen halte ich das Spitalskonzept der Stadt Wien für ein sinnvolles Konzept, das darauf abzielt, kleinere Spitäler in größere Einheiten zusammenzufassen.

 

Ihre Arbeitsschwerpunkte im Bereich der Spitäler?

Szekeres: Wir wollen uns um bessere Arbeitsbedingungen für Spitalsärzte bemühen. Die drei wesentlichen Ansätze dabei sind: die Entwicklung altersgerechter Arbeitszeitmodelle, die Entlastung der Ärzte von ständig zunehmenden bürokratischen Aufgaben, damit sie mehr Zeit für die Patienten bekommen und eine kompetenzgerechte Verteilung der Aufgaben zwischen ärztlichem Personal, Pflege-, Hilfs- und administrativem Personal.

 

Im niedergelassenen Bereich wollen Sie sich für einen Ausbau von Kassenverträgen für Allgemeinärzte und Fachärzte stark machen?

Szekeres: Ja, es gibt in Wien einzelne Fächer – HNO, Augen oder ganz besonders auch Kinderpsychiatrie –, da gibt es nicht einmal annähernd eine ausreichende kassenärztliche Versorgung. Die Folge ist, dass die Spitalsambulanzen in diesen Bereichen total überlaufen sind. Voraussetzung für jede Veränderung ist, dass der ambulante und der niedergelassene Bereich endlich aus einer Hand finanziert werden, um entsprechende Synergien zu heben. Die Ärztekammer fordert das schon seit Jahren.

 

Sie wollen außerdem zur Stärkung des niedergelassenen Bereichs die Gruppenpraxen forcieren. Nun gibt es seit geraumer Zeit gesetzliche Möglichkeiten, die Nachfrage der Kollegen ist aber bisher enden wollend, um es vorsichtig zu formulieren. Woran hakt es?

Szekeres: Die Gruppenpraxen sollen vor allem das Angebot an Wochenenden und Tagesrandzeiten verbessern helfen. Dafür müssen die Kassen aber auch entsprechende Honorare zahlen, die Mehrkosten, die dem Arzt entstehen, auch abdecken. Es ist den Kollegen ja nicht zuzumuten, dass sie ein Mehr an Serviceangebot für die Patienten am Ende auch noch aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.

 

Besonderes Augenmerk wollen Sie in den kommenden fünf Jahren der Verbesserung der Ausbildung widmen. Was läuft denn da falsch?

Szekeres: Verbesserungspotenziale sehe ich einmal primär in der Turnusausbildung. Der Turnus sollte Jungärzten die Fähigkeiten vermitteln, die sie später im Beruf tatsächlich brauchen. Die medizinischen Inhalte kommen derzeit aber zu kurz. Es gibt viel zu viele Routineaufgaben, die Turnusärzte zu erledigen haben. Das bringt sie nicht weiter. Außerdem wünschen wir uns eine Lehrpraxis. Ein dezidiertes Ziel der Ärztekammer ist ja bekanntlich die Stärkung des Hausarztes. Wir haben dazu ein ganz konkretes Hausärztemodell entwickelt, das den Hausarzt zum primären Ansprechpartner, Wegweiser und Begleiter des Patienten durch das System machen soll. Voraussetzung dafür ist aber eine fundierte, gute Ausbildung im Bereich der Allgemeinmedizin. Wenn Hausärzte nicht die entsprechende Kompetenz vermittelt bekommen, werden sie Patienten im Zweifelsfall immer gleich in die Spitäler weiterschicken. Das heißt: Will man den niedergelassenen Bereich – auch im Sinne der Kostenoptimierung – tatsächlich stärken, worüber ja offenbar Konsens besteht, dann muss die Ausbildung als eine wesentliche Voraussetzung dafür verbessert werden.

 

Zum Abschluss eine Frage zur bevorstehenden Wahl zum Österreichischen Ärztekammerpräsidenten. Gerüchten zufolge gibt es einen Deal zwischen Ihnen und dem Niederösterreichischen Kammerpräsidenten Dr. Reisner. Unterstützen Sie seine Kandidatur?

Szekeres: Ganz ehrlich gesagt, ich habe mich mit Fragen zur Wahl des ÖÄK-Präsidenten noch gar nicht auseinandergesetzt. Dr. Reisner hat meine Wahl in Wien unterstützt, das ist richtig. Es gibt aber dezidiert keine Vereinbarung oder auch keinen geheimen Deal zwischen uns, der mich zu irgendetwas verpflichtet.

 

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben