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Gesundheitspolitik 12. Mai 2009

„Zu viele Seiten reden mit“

Apotheker-Chef Mag. Heinrich Burggasser hofft auf Änderungen im Kompetenzdschungel.

Die Krankenkassen und das Gesundheitswesen haben weiterhin großen Reformbedarf. Bisher sind neue Ideen meist an der Kritik verschiedener Akteure im Gesundheitssystem gescheitert. Die Ärzte Woche fragt nun alle Stakeholder im Gesundheitswesen nach ihren Rezepten und konfrontiert sie umgekehrt mit der Kritik an ihnen – diesmal Apothekerkammer-Chef Mag. Heinrich Burggasser.

Woran krankt es Ihrer Meinung nach im Gesundheitswesen?

Burggasser: Ganz sicher daran, dass zu viele an zu vielen Stellen mitreden. Andererseits können die Krankenkassen in wichtigen Bereichen – wie den Krankenhäusern – überhaupt nicht mitreden. In diesem Wirrwarr und Kompetenzdschungel muss eine gewisse Änderung Platz greifen.

Wie könnte das gehen?

Burggasser: Die Länder und Kassen müssen besser zusammenarbeiten und sich abstimmen. Das muss jetzt nicht unbedingt Spitalsschließungen bedeuten, aber man könnte durchaus in einigen Bereichen Akutbetten in Pflegebetten umwidmen. Natürlich ist das nicht einfach. Aber der Rechnungshof hat immer wieder aufgezeigt, wie viel Geld da zu heben ist. Selbst wenn nur ein Teil des Potenzials gehoben wird, ist es sinnvoll. Man darf nicht länger den Kopf in den Sand stecken. Auch für die Länder wird es zunehmend schwer, ihren Bereich des Gesundheitssystems zu finanzieren.

Wo sehen Sie künftige Herausforderungen im Gesundheitsbereich?

Burggasser: Sicher durch die Alterspyramide. Dadurch bedingt wird es auch einen höheren Bedarf an Arzneimitteln und Pflege geben. Gleichzeitig gibt es weniger Menschen, die Beiträge zahlen werden. Man muss sich die Frage stellen, was sich die Gesellschaft in Zukunft leisten kann und leisten will. Es wird auch der Einzelne gefordert sein, sich mehr einzubringen, selbst mitzudenken, etwa im Bereich Prävention. Natürlich kann man viele Bereiche nicht selbst beeinflussen, wie etwa die Arbeitswelt, aber im Ernährungsbereich gibt es Möglichkeiten. Da braucht es breite Kampagnen.

In der Reformdebatte streiten Apotheken und Ärzte oft um Kompetenzen bei der Gabe von Arzneimitteln. Wie ist Ihre Position?

Burggasse: Auch WHO und OECD empfehlen eine Trennung von verschreibendem und abgebendem Bereich. Es ist unpassend, wenn ein Gesundheitsdienstleister dem anderen seine Berechtigung abspricht. In der Debatte über Aut idem ist es jetzt auch so, dass die Kassen den Ärzten empfehlen, was sie verschreiben sollen, wenn es gleiche, aber unterschiedlich teure Medikamente gibt. Hier braucht es eine ehrlichere Diskussionskultur.

Das Gespräch führte Martin Rümmele

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie Stakeholder im Gesundheitswesen:

Im Interview Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungsträger: "Ohne Kassensanierung braucht es keine Visionen"

Im Interview Dr. Hubert Dreßler, Präsident der Pharmig Österreich: "Alle Zusatzzuckerln nur über Zusatzversicherung"

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Zur Person

Mag. pharm. Heinrich Burggasser, Vorstand der Österreichischen Apothekerkammer

Der gebürtige Wiener und studierte Pharmazeut ist seit 1972 selbstständiger Apotheker. Seit 1980 ist er unter anderem Aspirantenprüfer, Visitator, Disziplinarrat und Lehrlingsbeauftragter der Österreichischen Apothekerkammer. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Apothekerverband ist er seit Jahren in verschiedenen Funktionen der Standespolitik tätig, u. a. als Vorstand der Österreichischen Apothekerkammer und der Pharmazeutischen Gehaltskasse. Zudem ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Herba Chemosan AG. 1997 bis 2006 war er Präsident der Wiener Apothekerkammer, seit 8.11. 2006 ist er der Präsident der Österreichischen Apothekerkammer.
Info: www.apotheker.or.at

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Kurz gefragt
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Martin Rümmele, Ärzte Woche 18/2009

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