zur Navigation zum Inhalt
Foto: © Ilka Burckhardt - Fotolia.com / © ryabinina - Fotolia.com / © sashaaleabiev - Fotolia.com / Ärzte-Woche-Montage
Das Studium ist speziell für junge Menschen interessant, die auch Lust und Kraft an Pionierarbeit haben.
 
Gesundheitspolitik 9. Mai 2012

Neue Wege in der Pflege

Die Ausbildung zum gehobenen Pflegedienst wird reformiert. Ob damit eine adäquate Antwort auf den wachsenden Bedarf gefunden ist, bleibt abzuwarten.

Der bestehende Mangel an qualifizierten Pflegepersonen in Österreich ist heute ebenso unbestritten wie der sich verschärfende Wettkampf zwischen Institutionen und Bundesländern um die „besten Pflegeköpfe“. Einigkeit herrscht auch darüber, dass die Schere zwischen Bedarf und Angebot in den kommenden Jahren noch dramatisch aufgehen wird. Das hat mit der demografischen Entwicklung auf der einen Seite und mit den Arbeits- und Rahmenbedingungen sowie dem Image des Pflegeberufs auf der anderen Seite zu tun. Letzteres könnte sich durch ein höheres Angebot an akademischen Pflegeausbildungen deutlich verbessern, hoffen viele Pflegeexperten.

 

Gesundheitsminister Alois Stöger hat kürzlich einem Anstieg von zehn auf zwölf Jahre allgemeine Schulausbildung als Zugangsvoraussetzung zur Pflegeausbildung zugestimmt. Damit ist laut dem Vorsitzenden für Gesundheits- und Sozialberufe in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Johann Hable nun auch in Österreich der Weg frei, um nach der EU-Richtlinie 305/37/EG die „Ausbildung in den gehobenen Gesundheits- und Krankenpflegedienst mit Matura als Voraussetzung umzusetzen.“

Deutschland und Österreich erfüllen derzeit diese EU-Richtlinie noch nicht und sind deshalb zum „Schlusslicht Europas“ geworden, diagnostiziert Hable, sieht aber jetzt endlich die Chance auf Verbesserung: „Es gibt einen großen Personalmangel an diplomiertem Krankenpflegepersonal. Die neue Regelung soll Maturanten signalisieren, dass die Pflege ein Beruf mit akademischen Aufstiegschancen bis zum Master bzw. Doktor der Gesundheits- und Krankenpflege geworden ist.“

Pflegenotstand

Bis eine entsprechende Reform der Krankenpflegeausbildung auch tatsächlich kommt, wird aber noch einige Zeit ins Land ziehen, auch sind mehrjährige Übergangsfristen vorgesehen. Zeit, die es eigentlich nicht gibt. Die Situation ist angespannt.

Karl Schwaiger, Vorsitzender der Vereinigung österreichischer Pflegedirektoren, sieht Österreich bereits auf einen Pflegenotstand zusteuern: „Wir brauchen in allen Bereichen dringend mehr Personal.“ Laut Schweiger können schon heute rund 7.000 offene Plätze für Pflege- und Betreuungsberufe nicht mehr besetzt werden. Der Personalmangel werde sich in den kommenden Jahren aufgrund vermehrter Pensionierungen noch deutlich zuspitzen, befürchtet Schweiger und warnt: „Ab 2020 spüren wir es dann ganz massiv.“

Imageprobleme in der Pflege

Um mehr junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen, müsse es vor allem gelingen, das Image des Berufs zu verbessern, ist Schweiger überzeugt und fordert die politischen Entscheidungsträger auf, Mittel aus dem Pflegefonds in die „Image- und Nachwuchspflege“ zu investieren. Schwaiger kritisiert in diesem Zusammenhang vor allem die ablehnende Haltung der Bundesländer. Im Herbst des Vorjahres habe man für eine Image- und Medienkampagne für Pflegeberufe seitens des Sozial- und Gesundheitsministeriums 85.000 Euro vorgesehen, die Länder hätten eine Teilnahme aber abgelehnt. Das sei „völlig unverständlich“, sagt Schweiger.

Auch Hilfswerk-Präsident Othmar Karas beurteilt die aktuelle Situation kritisch und fordert, dem „Arbeitskräftemangel im Sozial- und Gesundheitsbereich endlich mit höchster Priorität“ zu begegnen. Laut Karas braucht das Land allein in der mobilen Pflege bis 2020 zusätzlich etwa 9.000 Pflegekräfte. Mit den Ersatzstellungen werden im Sektor damit rund 40.000 Arbeitsplätze zur Besetzung kommen. Das sei, argumentiert Karas, „mit der bisherigen Ausbildungsstruktur in Österreich unmöglich zu schaffen.“

Attraktivität steigern

Karas plädiert daher für die sofortige Integration der Pflegeausbildung ins Regelbildungswesen. Zusätzlich müssten Umschulungen stärker gefördert werden als bisher, da es sich viele Interessierte einfach nicht leisten könnten, in den Pflegeberuf zu wechseln.

Um den Pflegeberuf insgesamt attraktiver zu machen, müssten Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Image verbessert werden, meint Karas: „Maßnahmen, die die öffentliche Hand mit Gesetzen und höheren Kostensätzen für die Träger gestalten kann.“ Viele sehen in einer Neuausrichtung der Pflegeausbildung einen wichtigen Baustein zur Imageverbesserung. Ein Lehrberuf Pflege, wie er von manchen Politikern gefordert wird, stößt zwar auf allgemeine Ablehnung – verwiesen wird dabei auf das europäische Übereinkommen, wonach Auszubildende „mit Kranken und dem Krankenhausbetrieb nicht vor Erreichung eines Alters, das je nach dem Land zwischen 17 und 19 Jahren liegt, in Berührung kommen sollen“ –, es ist aber allen bewusst, dass es trotzdem gelingen muss, junge Menschen frühzeitig für den Pflegeberuf zu interessieren.

Eine Variante wäre beispielsweise eine eigene berufsbildende höhere Schule mit Pflegeausbildung und Matura. Da könnten Schüler zwischen 15 und 17 in der Pflegetheorie ausgebildet werden, bevor sie, wie Schweiger sagt, „dem europäischen Trend folgend reif genug sind, um mit der Pflege von Bedürftigen zu beginnen.“

Akademisierung – gutes Image?

Imagegewinn und zusätzlich Attraktivität erwarten sich Österreichs Pflegeverantwortliche vor allem aber von der zunehmenden Akademisierung der Pflegeausbildung. Die gegenwärtigen Variationen der gehobenen Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung bestehen einerseits aus einer dreijährigen Ausbildung an einer Gesundheits- und Krankenpflegeschule mit Diplomabschluss und andererseits aus einer sechssemestrigen Ausbildung an einer Fachhochschule mit Bachelorabschluss. Die zweite Variante kann erst seit wenigen Jahren an einigen heimischen Hochschulen – unter anderem an der FH Salzburg, der FH campus Wien oder der Meduni Graz – absolviert werden. Mit dem Studienabschluss erwerben Absolventen gleichzeitig die Berufsberechtigung. Gesetzliche Grundlage dafür ist die Novelle 2008 des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes § 28 (2), wonach ein erfolgreich abgeschlossener Bachelor-Studiengang zu den möglichen Qualifikationsnachweisen für eine Tätigkeit in der Gesundheits- und Krankenpflege zählt. Absolventen können aber auch ein weiterführendes Masterstudium anhängen. Noch gäbe es nur wenige Jobs als „Pflegewissenschaftler“, beschreibt Hanna Mayer, Vorstand am Institut für Pflegewissenschaften der Uni Wien, die aktuelle Situation. Deshalb sei das Studium speziell für junge Menschen interessant, „die auch Lust und Kraft an Pionierarbeit haben.“ Das derzeitige akademische Ausbildungsangebot reiche jedenfalls bei Weitem nicht aus, um die zukünftigen Anforderungen an benötigte diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen zu bewältigen, attestiert etwa die ARGE – Fachgruppenvereinigung für Gesundheits- und Sozialberufe im ÖGB und fordert eine Umwandlung sämtlicher Gesundheits- und Krankenpflegeschulen in Fachhochschulen. Nur so ließe sich langfristig das Ausbildungsangebot für den gehobenen Pflegedienst an den Bedarf angleichen. Bis dahin wird noch viel Zeit vergehen. Zeit, die es eigentlich nicht gibt.

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 19 /2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben